Deutsche Minderheit

Bissiges „Heimatmuseum“ mit Digitalisierung und Corona

Bissiges „Heimatmuseum“ mit Digitalisierung und Corona

Bissiges „Heimatmuseum“ mit Digitalisierung und Corona

Tondern/Tønder
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Marion Petersen, Henriette Tvede Andersen, Hauke Wattenberg, Helmuth Petersen, Dieter Søndergaard und Helmut Fahl (v. links) glänzten als Kabarett „Heimatmuseum" bei der Premiere ihres neuen Programms „Auf neuen Wegen im DigiTal“ in Tondern. Foto: Karin Riggelsen.

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Es gab Riesenbeifall für Premiere des neuen Programms der nordschleswigschen Kabarett-Gruppe in Tondern: Der Betrieb der deutschen Minderheit wird gnadenlos aufs Korn genommen.

Anhaltenden Beifall gab es nach der Premiere ihres neuen Programms „Auf neuen Wegen im DigiTal“ für das nordschleswigsche Kabarett „Heimatmuseum“ in der Aula der Ludwig-Andresen-Schule in Tondern. Über 100 Zuschauerinnen und Zuschauer erlebten ein besonders bissiges Kabarett, in dem die Digitalisierung auch der deutschen Minderheit, Corona-Erlebnisse und vor allem der Betrieb der deutschen Minderheit zwischen Haus Nordschleswig und dem Knivsberg gehörig auf die Schippe genommen wurden.

„Der Nordschleswiger" in der Schusslinie

Ganz intensiv durch den Kakao gezogen wurde die Umstellung des Zentralmediums der deutschen Volksgruppe, des „Nordschleswigers“, von einer Tageszeitung auf Papier zu einem Digitalmedium. Besonders Kabarettist Helmuth Petersen brachte die Erlebnisse der Leserschaft mit der neuen Technik genüsslich auf die Bühne, die auf Handy und Tablet verzweifelt nach den Artikeln suchen.

Die Digitalausgabe des „Nordschleswigers“ war eine Zielscheibe des Kabaretts. Foto: Karin Riggelsen

„Es sind da wenigstens viele Bilder drin, die kann ich lesen“, so der „digital verirrte“ Nordschleswiger, der immer wieder auf Beiträge stößt, die er schon gelesen hat. Früher sei man immer froh gewesen, wenn man die Zeitung gelesen hatte, jetzt wünsche man sich eine Technik, die anzeigt, was man digital schon gelesen hat.

In die Rolle des „Nordschleswiger“-Chefredakteurs Gwyn Nissen schlüpfte mehrmals Hauke Wattenberg aus der Crew des „Heimatmuseums“ – mit flotten Sprüchen an die Leserschaft gerichtet: „Wir haben die Information, ihr sucht sie.“ Es wurden Meldungen verlesen: „Hinrich Jürgensen entschuldigt sich.“ Der BDN-Hauptvorsitzende geistere nur noch sich entschuldigend durch den digitalen „Nordschleswiger“, stöhnte es von der Bühne. Was der „Chefredakteur“ mit dem Hinweis, die Digitalisierung habe ihre ganz eigenen Regeln, quittierte.

Corona Teil der Geschichte

Während zu Beginn des Programms bereits die zweijährige Corona-Zeit mit ihren vielen Absagen, darunter auch der 100. Geburtstag der Minderheit, und vielen weiteren Einschränkungen aufgespießt wurden, lieferte das Heimatmuseum das Resümee: Auf die Corona-Pandemie sei man nicht stolz, aber sie gehört ab jetzt zu unserer Geschichte dazu. Und nach dem Zitat der zur Digitalisierung der Zeitung wiederbelebten Schlagzeile des ersten „Nordschleswigers“ von 1946, „Wir müssen neue Wege gehen“, verkündete das sich zum „Gebet“ versammelte Kabarett: „Wir haben den Weg noch nicht gefunden.“

„Wir haben den Weg noch nicht gefunden“, erklang es feierlich zum digitalen „Gebet" des Kabaretts. Foto: Karin Riggelsen

Und feierlich erklang der Sermon: „Apps und WLAN trösten mich.“ Henriette Tvede Andersen verwandelte sich während der Vorstellung gemeinsam mit Helmuth Petersen in das Duo „Fidde und Midde“ mit vielen auf „Synnejysk“ durchsetzten sprachlichen Einlagen, während Marion Petersen und Dieter Søndergaard unter anderem mit einer Digital-Nummer – gemeinsamer Gesang per Video-Schaltung – das Publikum zum Toben brachte. Mit gekonnten Songs riss das musikalisch von Helmut Fahl und Regisseurin Hannah Dobiaschowski begleitete Ensemble den gesamten Saal der LAS mit, der nur zu gut die Freuden des digitalisierten Lebens wiedererkannte.

„Fidde und Midde“ sorgten für Spaß

„Fidde und Midde“ holten zu einer weiteren komödiantischen Nummer zum Thema Sprache in der deutschen Minderheit in Nordschleswig aus.

Mit deutsch-dänischem Sprachwitz sorgten „Fidde und Midde“ für Stimmung im Saal. Foto: Karin Riggelsen

Dabei bekam der Kontaktausschuss „Boller auf die Suppe“, und der Vogel wurde mit der vom Computer verlesenen Sprachfassung eines dänischen Leserbriefs im Digital-„Nordschleswiger“ abgeschossen. Henriette Tvede Andersen lieferte anschließend einen Song zur angeblich früher alltäglichen Diskriminierung des „Synnejysk“ in der deutschen Minderheit.

„Gastarbeiter“ in Nordschleswig

Auch bekamen die vielen deutschen „Gastarbeiter“ in Institutionen der Minderheit ihr Fett weg, die kein „Synnejysk“ verstehen, bevor das Thema deutsche Neubürger auf die Schippe genommen wurde. Da gab es die, die lieber zu den echten „Dänen“ und nicht zu Nordschleswigern ziehen wollen, die ja „ihre Söhne und Töchter am liebsten nach Kopenhagen verheirateten“. Auch die Kommunalpolitik, in den Beiträgen waren unschwer Politiker der Schleswigschen Partei wie Stephan Kleinschmidt oder Jørgen Popp Petersen wiederzuerkennen, wurde zur lustigen Nummer getrimmt. Es gab Märchen von bösen Drachen, die sich gegenseitig bekämpften, bis es mit einem lachenden Dritten „Popp“ machte. Ganz doll ging es zur Sache mit den angeblich vielen Corona-Leugnern, die aus dem bösen Deutschland flüchten, wo ihnen Mikrochips eingeimpft werden.

Innenleben der Minderheit

Es ging noch einmal ins Innenleben der Minderheit, wo Mitarbeiterentlassung als Umstrukturierung verkauft werde, und auch die große Harro-Show wurde zum Besten gegeben, in der der Kommunikationschef und Sekretariatsleiter dran glauben musste. Schließlich ließ sich das „Heimatmuseum“ auch nicht die Buche und die Eiche, gepflanzt von der Königin und dem Bundespräsidenten vor dem Deutschen Museum Nordschleswig, entgehen.

Mit Bilderrahmen mimten Mitglieder des „Heimatmuseums“ eine Videokonferenz – von Bildschirm zu Bildschirm. Foto: Karin Riggelsen

Auch die Vergangenheitsbewältigung auf dem Knivsberg kam an die Reihe sowie Ex-Kultur- und Kirchenministerin Joy Mogensen mit ihrer Ansprache auf Englisch bei der Museumseröffnung und ihr Projekt, die Pflicht zur Übersetzung ausländischer Predigten ins Dänische.

Ein abschließender Höhepunkt war das Knivsbergfest des „Heimatmuseums“ mit miesepetrigen Lehrerinnen, einem begeisterten Lehrer und einem gefrusteten Opa, der zwischen den heutigen Attraktionen sein geliebtes Sportfest vermisste. Mit der neuen Version des plattdeutschen Traditionsliedes erklang zu guter Letzt: „Dat du min Leevsten büst, kom op den Berg, kom op den Berg.“

Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen beim „Heimatmuseum" für dessen Gastspiel in Tondern in der Aula der Ludwig-Andresen-Schule. Foto: Volker Heesch

Und mit einem „Gute Nacht, Freunde“, schloss die Vorstellung im tosenden Applaus. Am Freitag, 25. Februar, 19 Uhr, gibt es den nächsten Auftritt des Heimatmuseums in der Deutschen Schule Sonderburg. Am Donnerstag, 3. März, 19.30 Uhr, folgt abschließend ein Auftritt im Haus Nordschleswig in Apenrade.

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