Bahnverkehr

Warum Pattburg kein deutsch-dänischer Grenzbahnhof wird

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Pattburg
Pattburg ist aktuell der der Grenze am nächsten liegende Fernbahnhof.

Wer von Nordschleswig aus mit der Bahn nach Hamburg oder Kopenhagen will, der kann derzeit noch in Pattburg in den Zug steigen. Doch der Grenzlandbahnhof für den Fernverkehr soll in naher Zukunft acht Kilometer südlich in Flensburg-Weiche entstehen. Warum Pattburg den Kürzeren zieht und trotzdem noch Fragen offen sind.

Ein gemeinsamer Grenzland-Bahnhof für den Fernverkehr soll Nord- und Südschleswig am Puls der Zeit und der Jütlandroute halten. Der bestehende Bahnhof im Zentrum von Flensburg ist für die Deutsche Bahn (DB) und die Dänischen Staatsbahnen (DSB) für den Fernverkehr zu unattraktiv geworden, weil er nur über einen Umweg, die Flensburger Schleife, erreichbar. Das kostet zu viel Zeit.

Heute halten die Fernzüge auf der Jütlandroute daher ausschließlich im von der Flensburger Hafenspitze rund 8,5 Kilometer entfernten nordschleswigschen Pattburg (Padborg) und auf schleswig-holsteinischem Terrain erst wieder in Schleswig (Slesvig), rund 35 Kilometer südlich von Flensburg. Ein Zustand, der vor allem der Politik in Flensburg und dem Umland sauer aufstößt.

Die drittgrößte Stadt des Bundeslandes und größte Stadt im Grenzland zwischen Kiel und Kolding – vom Fernverkehr abgehängt.

Verständnis für Weiche-Pläne

Um das zu ändern, soll im Stadtteil Weiche, dänisch Sporskifte, ein neuer Fernbahnhof entstehen. Dabei ist aus Sicht vieler Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger der Bahnhof in Pattburg eine praktische Lösung. Reisende können heute in Tingleff (Tinglev) die Regionalzüge besteigen und in Pattburg (Padborg) die Fernzüge – ohne dafür extra nach Flensburg fahren zu müssen.

Bei der Schleswigschen Partei kann man den Wunsch nach Weiche als Grenzbahnhof verstehen. „Man wünscht natürlich nicht, dass Flensburg abgehängt wird, weil man für Flensburg ja auch den Anspruch erhebt aufgrund der Größe, dass es die 'Hauptstadt' des Grenzlandes ist. Und natürlich sollte eine 'Hauptstadt' von Fernzügen angefahren werden“, so Ruth Candussi, SP-Parteisekretärin.

Und so läuft derzeit alles auf einen Neubau im Flensburger Randgebiet hinaus, statt den Bahnhof in Pattburg zu ertüchtigen. Zwar gab es diese Idee in der Vergangenheit bereits, sie wurde aber verworfen, erklärt die SP-Politikerin. Gemeinsam mit dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) entstand vor ein paar Jahren ein Eckpunktepapier zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Darin die Formulierung: „Wir wollen einen gemeinsamen deutsch-dänischen Bahnhof zur Stärkung der Jütlandroute“.

Ruth Candussi
Ruth Candussi arbeitet mit der SP über die Grenze hinweg eng mit dem SSW zusammen.

Und weiter: „Wir setzen uns entweder für einen neuen Bahnhof in Flensburg-Weiche oder für den Ausbau des Bahnhofes Padborg/Pattburg zu einem neuen Grenzbahnhof mit Haltepunkt in Tingleff/Tinglev sowie guter Autobahnanbindung und öffentlicher Nahverkehrsanbindung ein.“

Pattburg hat in Südschleswig kaum Fürsprecher

Weil die Politik südlich der Grenze den Haltepunkt in Weiche forciert, spielt Pattburg in den Planungen des SSW keine Rolle im Personenverkehr mehr. Und auch nicht beim Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein.

„Aus Sicht der Nah.SH ist das keine Lösung. Schließlich wäre der Fernbahnhof in Pattburg dann auch der Fernbahnhof für die Fahrten aus Flensburg nach Süden und da wäre der Umweg sehr groß. Im gemeinsamen Gutachten zur Bahnstruktur Flensburgs aus dem Jahr 2016 wurde eine solche Lösung auch verworfen“, schreibt Pressesprecherin Ina Michael auf Nachfrage.

Nicht zuletzt ist eine Interessenallianz um den SSW-Bundestagsabgeordneten Stefan Seidler in einen Konsens gemündet, der Weiche als Lösung für einen Fernbahnhof sieht.

„Auch die Region Sønderjylland-Schleswig befürwortet diese Lösung, da das Fahrgastpotenzial in Weiche viel höher zu erwarten ist, mit der direkten Anbindung an die drittgrößte Stadt Schleswig-Holsteins und somit auch die größte Stadt der Grenzregion“, sagt die SSW-Landeschefin Sybilla Nitsch dem „Nordschleswiger“. Weiche sei daher die Idee für einen gemeinsamen Fernverkehrsknotenpunkt im Grenzland.

Während in Pattburg bereits Gleise liegen und Fahrgäste aus- und einsteigen können, gibt es in Weiche noch ein Problem: Der Bahnsteig im Flensburger Ortsteil muss nach ersten Schätzungen für mindestens 8 bis 10 Millionen Euro ertüchtigt werden. Zudem liegt er rund 5,5 Kilometer vom Flensburger Stadtzentrum entfernt, was einen Shuttleverkehr per Bus oder Bahn nötig macht.

Sybilla Nitsch
Sybilla Nitsch

Heute noch keine Garantie für Fernzughalt

Doch auch mit einem sanierten und ausgebauten Bahnhof in Weiche ist heute noch nicht sicher, dass Fernzüge künftig auch dort halten werden. Eine Bahnsprecherin spricht gegenüber dem „Nordschleswiger“ Klartext: „Die Errichtung von neuer Bahnhofsinfrastruktur im Bereich Weiche allein reicht nicht aus, um einen Fernverkehrshalt zu rechtfertigen“.

Es müsse „eine gute Verknüpfung mit den übrigen Nahverkehrszügen und den Bussen existieren, um einem Fernverkehrshalt zu entsprechenden Reisendenzahlen und damit zum Erfolg zu verhelfen“, sagt sie. Für einen potenziellen Halt in Weiche fehle diese aktuell. Helfen soll hier unter anderem der geplante Innenstadt-Bahnhof in Flensburg, für den derzeit Voruntersuchungen vorbereitet werden.

Nitsch gibt zu, dass diese Sicherheit beim jetzigen Planungsstand nicht da ist, zeigt sich aber optimistisch. „Sicherlich werden sich die Verkehre anders ordnen. Für den Fernhalt Weiche haben bereits mehrere Eisenbahnverkehrsunternehmen Interesse gezeigt.“

Mit Weiche werde Pattburg aus Sicht der SSW-Landeschefin in Zukunft eher als Knotenpunkt für den Güterverkehr angesehen, auch weil der Regionalbahnverkehr in Dänemark sich nach Tingleff verlagern wird.

Für Reisende aus Nordschleswig rückt Fernbahnhof nach Süden

Die Folgen für Reisende in Nordschleswig: Mit einem Bahnhof in Weiche könnte Pattburg in naher Zukunft seinen derzeitigen Status verlieren und Flensburg-Weiche die nächstmögliche Anbindung an den Fernverkehr auf der Jütlandroute werden, denn der IC aus Kopenhagen nach Hamburg hält vorher nur in Kolding.

Beide Bahnhöfe liegen rund acht Kilometer auseinander. Es ist denkbar, dass die Fernzüge auf der Route nach der Fertigstellung des Bahnsteigs in Weiche nur an einem der beiden Bahnhöfe zum Ein- und Aussteigen halten. Bisher finden auch die Grenzkontrollen in Pattburg statt. Hier gibt es daher noch offene Fragen.

Der Bahnsteig in Flensburg-Weiche muss saniert und ausgebaut werden.

Sicher ist hingegen, dass die Route Hamburg-Kopenhagen ab 2030 über Lübeck und durch den neuen Fehmarnbelt-Tunnel gelegt wird. Den Wegfall der wichtigen Verbindung wird auch ein neuer Grenzlandhaltepunkt in Weiche nicht verhindern.

Erwartungen richten SP und SSW daher unter anderem an die dänischen Staatsbahnen (DSB). Die SP will nämlich nicht, dass Nordschleswig und das Grenzland dann abgehängt werden.

Hoffen auf Wiederaufnahme der Route Hamburg-Aarhus

Die Partei der deutschen Minderheit pocht auf den Aktionsplan für die Zusammenarbeit zwischen der Region Süddänemark und dem Land Schleswig-Holstein. Er sieht unter anderem Schnellzüge im Zweistundentakt zwischen Aarhus und Hamburg vor – mit Haltestellen auch in Nordschleswig.

Der Grund für den Wegfall der Route Hamburg-Aarhus mit Halten in Woyens (Vojens), Rothenkrug (Rødekro) und Tingleff (Tinglev) im Dezember 2023 sind Bauarbeiten im Zuge der Elektrifizierung der Strecke zwischen Aarhus und Fredericia. Banedanmark rechnet zum jetzigen Zeitpunkt damit, diese 2027 abgeschlossen zu haben. Dann plant DSB, die Verbindung Aarhus-Hamburg mit Halten in Nordschleswig wieder aufzunehmen. Hier ist ebenfalls noch nicht abzusehen, ob die Züge dann sowohl in Pattburg als auch in Weiche halten werden – oder nur an einem der Bahnhöfe.

Bisher heißt es von der DSB: „Nach derzeitigem Stand der Dinge werden die Züge dann wieder wie bisher an sämtlichen dänischen Bahnhöfen südlich von Kolding halten.“

Bahnhof von Tingleff
Der Bahnhof in Tingleff wird in den kommenden Jahren Drehkreuz für den Regionalverkehr. Aus Deutschland könnte der RE7 aus Hamburg künftig bis nach Nordschleswig fahren.

Auch beim SSW will man aber auf die Bedeutung solcher Fernverkehrsrouten aufmerksam machen. „Wir meinen ganz grundsätzlich, dass es weiterhin eine Notwendigkeit für Fernverkehrsanbindungen nach Dänemark und ganz Skandinavien auch über den Jütlandkorridor geben wird, und dass dementsprechend auch eine Nachfrage da sein wird“, sagt Nitsch. Auch Nachtzugverbindungen hätten hier eine Relevanz.

„Auf diese Weise hätten wir immer noch eine attraktive Verbindung nach Hamburg. Es erfordert Infrastrukturanpassungen. Hierfür wäre auch ein Grenzbahnhof wichtig. Aber die Zeit drängt“, sagt die SP-Parteisekretärin.

Die Zeit für Weiche läuft

Im vergangenen Jahr hieß es, dass ein Bahnhof in Weiche im Optimalfall 2027 einsatzbereit sein könnte. Dann könnten die Züge auf der Route Kopenhagen-Hamburg noch rund drei Jahre – bis zur Fertigstellung des Fehmarnbelttunnels – dort halten. Auch die Fernzüge der wiederbelebten Route Hamburg-Aarhus könnten dann bereits Weiche anfahren.

Wann es für den Ausbau in Flensburg-Weiche konkret wird, ist aber bislang aber offen. Die DB sei für eine etwaige Planung oder Untersuchung bisher nicht beauftragt, heißt es aus der Pressestelle. Die Bahn berate lediglich bei entsprechenden Machbarkeitsstudien und Planungen.

Am 16. Juli wurde im Wirtschafts- und Digitalisierungsausschuss beschlossen, den Landtag in Kiel zum Handeln aufzufordern. Die erste Sitzungswoche im Landtag beginnt nach der Sommerpause am 24. September.

Marode Strecke bremst noch mindestens ein Jahrzehnt

Doch auch mit einem Fernbahnhof Weiche bleibt für Reisende nördlich und südlich der Grenze ein weiteres Problem: die marode Strecke zwischen Flensburg und Hamburg. Züge auf der Jütlandroute können in Schleswig-Holstein derzeit höchstens 160 km/h fahren – an der Rendsburger Hochbrücke deutlich weniger. Schneller würde das Reisen auch mit einem Halt in Weiche also zunächst nicht werden. Die Generalsanierung der Gleise, die eigentlich für 2031 vorgesehen war, ist erst kürzlich erneut verschoben worden – vom Jahr 2035 ins Jahr 2036.

Leon Bossen, Fraktionsvorsitzender der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen (mit Volt) in Flensburg, nennt die erneute Verzögerung bereits „einen Todesstoß für unsere Region“. Dabei sei die Strecke eine der strategisch wichtigsten des Nordens. „Sobald der Fehmarnbelt-Tunnel in Betrieb geht, gerät der Jütland-Korridor stark unter Druck. Nur eine modernisierte Strecke Flensburg–Hamburg kann verhindern, dass der internationale Personen- und Güterverkehr vollständig auf die Vogelfluglinie abwandert.“