Wahlkampf

„Analyse: Persönliche und staatstragende Rede“

Analyse: Persönliche und staatstragende Rede

Analyse: Persönliche und staatstragende Rede

Kopenhagen
Zuletzt aktualisiert um:
Staatsministerin Mette Frederiksen betonte in ihrer Eröffnungsrede wiederholt die Bedeutung einer breiten Zusammenarbeit. Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Mette Frederiksen hat zur Eröffnung des Folketings eine zum Teil überraschende Rede gehalten. Indem sie die Gemeinsamkeiten betonte und die Differenzen ausklammerte, hat sie sich selbst eine elegante Vorlage gegeben, um am Mittwoch die Wahl auszuschreiben, so die Analyse von Walter Turnowsky.

Die beste Wahlkampfrede ist häufig die, die keine ist. Und genau so eine Rede hat Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) am Eröffnungstag des Folketings hingelegt.

Hier sprach nicht die sozialdemokratische Vorsitzende, sondern die Staatsfrau Mette Frederiksen. 

Es gelang ihr einerseits ihre persönlichen Stärken dazustellen, ohne sie direkt zu nennen. Andererseits konnte sie auch den Schwächen, die ihr vorgeworfen werden, entgegenwirken. Nicht, indem sie diese direkt ansprach, sondern durch die Beispiele, die sie erwähnte.

Persönliche Erzählungen

Dies wurde gleich bei dem Beginn der Rede deutlich, als sie sehr persönlich wurde. Sie wollte das Bild der eigenmächtigen und zum Teil „kalten“ Staatsministerin demontieren.

Sie erzählte von drei Menschen, die in ihrer Kindheit oder in jungen Jahren persönliche Probleme oder Schicksalsschläge überwinden mussten. 

„Drei Erzählungen. Über Freude und Schmerz. Siege und Niederlagen. Hoffnung und Sorgen,“ sagte sie in dem für sie typischen Stakkato. 

Es seien Erzählungen über jeden einzelnen „von uns“ und über die Nation, um dann zu offenbaren, dass sie von drei Folketingskollegen sprach, die nach langjährigem Dienst für die Demokratie mit der kommenden Wahl das Parlament verlassen werden. 

Grüße an Marianne, Henrik und Bertel

Und wendete sich dann, das Protokoll brechend, der Reihe nach direkt an Marianne Jelved von den Radikalen, den Parlamentsvorsitzenden Henrik Dam Kristensen von den Sozialdemokraten und den Alterspräsidenten Bertel Haarder von Venstre.

Am Ende von diesem Teil der Rede betonte sie, dass alle drei sich für die Zusammenarbeit quer durch die Parteienlandschaft eingesetzt hätten.

„Ihr seid pflichtbewusst eurer Arbeit nachgegangen. Ihr habt auf Dänemark aufgepasst“, sagte Frederiksen. Versteckt in dem Lob an die drei, die gemeinsam auf mehr als 100 Jahre Folketingsarbeit zurückblicken können, war auch der Hinweis, wie sie sich selbst sieht: Als jemand, der auf Dänemark aufpasst und die breite Zusammenarbeit wünscht. 

Gemeinsam für Dänemark

Genau diese beiden Themen waren auch der Grundtenor im Rest der gut 30 Minuten langen Rede. Von Kritik oder Angriffe auf andere Parteien war nicht die geringste Spur zu entdecken. Im Gegenteil: Wiederholt bedankte sie sich bei den anderen Parteien für die gute Zusammenarbeit, als es um die Abschaffung des Verteidigungsvorbehalts ging, direkt mit Nennung der Namen bei den Parteichefs. Sie betonte, dass neun von zehn politischen Absprachen von einer breiten Mehrheit im Folketing unterstützt würden. 

In Krisenzeiten wie diesen, mit dem Krieg in der Ukraine, steigender Inflation und der Sabotage an Erdgasleitungen, sei der Wille zur Zusammenarbeit wichtiger denn je, so – frei übersetzt – die Botschaft der Regierungschefin. 

Corona und eine historische Absprache

Rückblickend auf die Corona-Krise vermied sie es, den eigenen Einsatz zu betonen, sondern strich auch hier die Zusammenarbeit heraus: „Durch gemeinsame Kraft gelang es, die Pandemie zu zähmen.“ Dänemark sei menschlich und wirtschaftlich mit am besten durchgekommen.

Sogar historische Vergleiche zog sie heran: Sie nannte die Kanslergade-Absprache (Kanslergadeforliget) 1933 unter dem sozialdemokratischen Staatsminister Thorvald Stauning. Sie war eine Reaktion auf die damalige wirtschaftliche und soziale Krise und ist in der dänischen Politikgeschichte ein wichtiger Begriff. 

Die implizite Botschaft

Ganz gleich, ob es um Klima, Inflation, Wohlfahrt oder Sicherheit gehe, brauche es die breit fundierten Lösungen. 

Was sie nicht sagte, aber die implizite Botschaft der Rede ist: Sie sei die richtige Person, um diese Zusammenarbeit zu gewährleisten. Dass sie den demokratischen gewählten Staatsminister erwähnte, der Dänemark am längsten regiert hat, ist kein Zufall. So einige geschichtsbewusste Wählerinnen und Wähler werden sich an dessen Wahlplakat „Stauning – eller kaos“ erinnern.

Gleichzeitig gab sich Frederiksen bewusst bescheiden. Der erhobene Zeigefinger aus früheren Reden und Pressekonferenzen war verschwunden. 

Wahlvorlage

Die kommende Wahl hat sie nur indirekt erwähnt, als sie meinte, die politischen Unterschiede würden bald deutlich werden.

„Wir haben unterschiedliche Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Aber die besten Antworten. Die findet man in einer breiten Zusammenarbeit“, sagte sie erneut.

Nach der Rede sagte sie auf Nachfragen, dass die Wahl sich wohl bald nähern würde. 

Mit der Wahlkampfrede, die keine war, hat die Staatsministerin sich eine elegante Vorlage geliefert, um am Mittwoch die Wahl auszuschreiben.

Der Artikel wurde um 18.00 Uhr aktualisiert, Ich setze jetzt ohne Vorbehalt auf eine Wahlausschreibung Mittwoch. wt

 

Mehr lesen