Nachruf

Ein Leben für den Frieden – und für die Familie

Ältere Frau mit Hut hält in der Stadt ein großes Plakat zu einer Fastenaktion hoch.
Für ihre Fastenaktion hatte sich Irmgard Rathje im August 1983 vor der Würstchenbude auf dem Tonderner Marktplatz gesetzt (Archivfoto).

Fasten, Fernreisen, Familienleben – wie passt das alles zusammen? Irmgard Rathje aus Osterhoist war Friedensaktivistin, Mutter und Weltenbummlerin zugleich. Ihr Leben zeigt, wie vielschichtig eine Biografie in der deutschen Minderheit sein kann – und wie konsequent man für Überzeugungen einstehen kann.

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Zusammenfassung

  • Die verstorbene Friedensaktivistin Irmgard Rathje prägte mit ihrem konsequenten Engagement die deutsche Minderheit in Nordschleswig.
  • Sie organisierte Aktionen wie Fastenproteste und eine internationale Postkartenkampagne gegen Krieg und Aufrüstung.
  • Neben ihrem politischen Einsatz blieb sie ihrer Familie eng verbunden und entdeckte nach dem Tod ihres Mannes die Welt auf zahlreichen Reisen.

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Schwarz-weiß gekleidet sitzt sie auf dem Marktplatz in Tondern (Tønder). Ein Schild erinnert an Hiroshima und Nagasaki. Vier Tage lang nimmt sie nichts zu sich außer Tee. Passantinnen und Passanten bleiben stehen, sprechen sie an, diskutieren, zeigen Solidarität.

Irmgard Rathje will nicht provozieren. Aber sie will erinnern. Und sie will etwas bewegen.

Diese Szene aus dem August 1983 steht sinnbildlich für ein Leben, das von Haltung geprägt war. Nun ist Irmgard Rathje, geborene Mahler aus Osterhoist (Øster Højst), im Alter von 90 Jahren in Hoyer (Højer) gestorben.

Sie war vieles – und oft alles gleichzeitig: Friedensaktivistin, Familienmensch, Weltenbummlerin, Angehörige der deutschen Minderheit. Eine Frau, die sich nicht mit halben Sachen zufriedengab.

Eine Frau, die immer 110 Prozent gegeben hat

„Wenn sie sich für etwas engagiert hat, dann zu 110 Prozent“, sagt ihre Tochter Bonni Rathje-Ottenberg. Dieser Satz beschreibt Irmgard Rathje wohl am treffendsten.

Ihr politisches Engagement begann früh – lange bevor Begriffe wie „Friedensbewegung“ in Nordschleswig selbstverständlich waren. Sie engagierte sich unter anderem in der Organisation „Kvinder for fred“ und setzte sich unermüdlich gegen Krieg und Aufrüstung ein.

1984 beteiligte sie sich an einer Friedensfahrt in den Hunsrück, um dort Teil einer kilometerlangen Menschenkette zu werden. Zwei Jahre später initiierte sie von ihrem Haus in Emmerleff (Emmerlev) aus eine ungewöhnliche Aktion: eine internationale Postkartenkampagne.

Natürlich war uns das manchmal peinlich. Welche andere Mutter setzt sich schon auf den Marktplatz?

Bonni Rathje-Ottenberg

Ihr Ziel: möglichst viele Amerikanerinnen und Amerikaner zu erreichen – und sie dazu zu bewegen, auf ihren damaligen Präsidenten Ronald Reagan einzuwirken, den Militäreinsatz in Libyen zu beenden.

Was klein begann, wuchs schnell. Nicht nur Friedensgruppen, auch zahlreiche Privatpersonen schlossen sich an. Irmgard Rathje koordinierte, telefonierte, motivierte – und verschickte schließlich selbst Ansichtskarten mit Motiven von Hoyer über den Atlantik.

Ältere Frau steht lächelnd an einer steinernen Brüstung in einem Park.
Irmgard Rathje ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Zwischen Minderheit und der Welt

Geboren 1936, wuchs Irmgard Rathje in Osterhoist (Øster Højst) in einer Zeit auf, die alles andere als einfach war – auch für Familien der deutschen Minderheit. Vielleicht wurde hier der Grundstein für ihr politisches Bewusstsein gelegt.

Nach der Schule ging sie nach Kopenhagen, ließ sich zur Kinderpflegerin ausbilden und arbeitete in einem Kinderheim.

Die Liebe führte sie zurück in die Heimat: Bei einem Faustballturnier lernte sie ihren späteren Mann Christian Rathje aus Süderlügum (Sønderløgum) kennen. Gemeinsam gingen sie zunächst nach Hamburg, wo sie ihn in seiner Selbstständigkeit unterstützte, bevor die Familie nach Nordschleswig zog.

Ich habe ein gutes Leben gehabt.

Irmgard Rathje

Fünf Kinder, geboren zwischen 1957 und 1964, wuchsen in einem Zuhause auf, das sich durch viele Gespräche zu aktuellen politischen Themen auszeichnete. Diese Haltung prägte. Und sie wirkte nach.

Dass ihre Mutter sich kompromisslos für ihre Überzeugungen einsetzte, war für die Kinder nicht immer leicht.

„Natürlich war uns das manchmal peinlich“, sagt Bonni Rathje-Ottenberg und lächelt. „Welche andere Mutter setzt sich schon auf den Marktplatz?“ Doch das Verständnis wuchs. Denn Irmgard Rathje lebte vor, was sie einforderte: Haltung, Konsequenz, Verantwortung.

Gleichzeitig blieb sie auch in der Minderheit verwurzelt. In Schobüll-Feld (Skovbøl Mark), wohin die Rathjes seinerzeit von Hamburg hingezogen waren, engagierte sie sich in der Kirche. Sie führte intensive Gespräche mit den Pastoren Hinz und Hauschildt von der Nordschleswigschen Gemeinde und mit dem Kirchenältesten Bruhn, knüpfte und pflegte viele Kontakte – auch über die Minderheit hinaus. Der Blick über den eigenen Tellerrand war ihr wichtig.

Anfang der 1980er-Jahre zog es das Ehepaar Rathje an die Westküste, genauer nach Emmerleff (Emmerlev).

Frau im schwarzen Kleid sitzt mit Friedensplakat und bemalter Kiste auf einem Marktplatz.
„Der Nordschleswiger“ berichtete am 9. August 1983 über ihre Fastenaktion auf dem Tonderner Marktplatz.

Die Welt entdecken

Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1995 begann ein neuer Lebensabschnitt. Irmgard Rathje entdeckte das Reisen für sich – und holte nach, was zuvor mit fünf Kindern kaum möglich gewesen war. Sie bereiste unter anderem Samoa, Alaska, die Azoren und die Kleinen Antillen. „Das hat ihr unglaublich viel gegeben“, sagt ihre Tochter.

Erst in den letzten Jahren wurde es ruhiger. Nach der Corona-Zeit und dem Tod ihres drittältesten Sohnes ließ die Reiselust nach. „Ich bin genug gereist“, stellte sie fest. Stattdessen ging sie gerne zu Lottospielen – und blieb für Ausflüge mit der Familie stets zu haben.

Viele Rollen, ein Leben

Bei allem Engagement war Irmgard Rathje vor allem eines: ein Familienmensch. Sie war Mutter, Großmutter und Urgroßmutter – und eine, die Zeit hatte und da war.

Und sie konnte nähen – „sogar ganz fantastisch“, wie ihre Tochter sagt, und machte andere Handarbeitsprojekte.

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die sie ausmachte: der Mut, sich öffentlich einzusetzen – und die Wärme im Privaten. Die große Welt und das kleine Glück. Der internationale Protest und die heimische Nähmaschine.

Die letzten Jahre musste sie aufgrund zunehmender Altersschwäche im Pflegeheim verbringen. Doch sie fand sich mit ihrem Schicksal ab, freute sich umso mehr über die Besuche der Familie. „Ich habe ein gutes Leben gehabt“, versicherte sie ihrer Familie am Sterbebett.

Irmgard Rathje hinterlässt 4 Kinder, 15 Enkel und 6 Urenkel. Die Trauerfeier findet am Freitag, 27. März, ab 13 Uhr in der Kirche zu Hoyer statt.