Grenzüberschreitendes

Traditionslokal „Alter Deutscher Grenzkrug“ vor dem Aus: Nach 280 Jahren droht das Ende

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Es ist der Lieblingsplatz von Silvia Brodersen: Tisch 3 im „Grenzkrug“ in Rosenkranz.

Nach Corona: Kann es für die Traditionswirtschaft doch noch weitergehen? Die Betreiberin sieht kaum eine Chance. Wer Interesse hat, sollte sich einiger wichtiger Fallgruben bewusst sein.

Silvia Brodersen sitzt an Tisch 3, ihrem Lieblingsplatz. An der Wand hängen schwarz-weiß-Fotos – Bilder und Erinnerungen an längst vergangene Jubiläen. Der 1. November ist das nächste Datum, das zum Feiern einlädt: Da ist der „Grenzkrug“ in der Gemeinde Rosenkranz, unmittelbar an der dänischen Grenze, seit genau 100 Jahren in Familienhand.

Gefeiert wird ganz sicher – aber möglicherweise ist danach alles vorbei: „Kunden und Aushilfen sage ich, dass wir eventuell schließen“, erklärt die 59-Jährige - das klingt so zögerlich, als sei sie selbst noch gar nicht ganz überzeugt. „Es ist zu 80 Prozent sicher“, nickt sie. 33 Jahre Selbständigkeit liegen dann hinter ihr.

Deutsch oder dänisch: 1920 liegt der „Grenzkrug“ auf der deutschen Seite

1742 wird der heutige „Grenzkrug“ als Gaststätte erstmals erwähnt. Ob er deutsch oder dänisch ist, weiß Silvia Brodersen nicht: „Das hat ja immer gewechselt.“ Nach der Abstimmung 1920 steht fest: Die Grenze verläuft mitten durch Rosenkranz, der Krug liegt knapp auf deutscher Seite. „Stammgäste erzählten immer, man geht vorn in Deutschland rein und hinten in Dänemark raus. Das stimmt aber nicht“, erzählt die gelernte Steuerfachgehilfin und lacht.

Fünf Jahre nach der Grenzziehung will der damalige Wirt verkaufen und zum 1. November 1925 werden die Großeltern von Silvia Brodersen neue Besitzende. Großvater Andreas ist eigentlich Maurer, baut mit am Hindenburgdamm und dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Großmutter Catharine muss die Gaststätte meist allein bewirtschaften. Die liegt übrigens nicht zufällig deutlich erhöht auf einer Warft. „Bis 1930 war das hier am Rutebüller See noch gar nicht eingedeicht“, erzählt Silvia Brodersen.

„Grenzkrug“ in Rosenkranz
1920 wird die Grenze neu gezogen – der „Grenzkrug“ in Rosenkranz (rechts) liegt auf der deutschen Seite.

Silvia Brodersen übernimmt den „Grenzkrug“ in Rosenkranz 1992 von ihren Eltern

Silvias Tante Anna, die Großeltern Catharine und Andreas, rechts die Eltern und Hugo Brodersen zum 50-jährigen Bestehen des Grenzkrugs 1975.

Zum 1. Januar 1969 geht die Gaststätte an die nächste Generation – Edith und Hugo Brodersen, Silvias Eltern. Jeden Tag ist von 8 Uhr morgens bis abends um 22 geöffnet. Es gibt Grog, Teepunsch, Bockwurst und Brot mit Schinken, Wurst oder Käse. Es wird Skat gespielt, das Telefon ist Kommunikationsmittel für die Familien der umliegenden Häuser. Schon als dreijährige liebt Silvia das Kommen und Gehen, von klein auf hilft sie mit. Am Wochenende oder bei Festlichkeiten wird groß gekocht. Und dann stehen plötzlich Putenkeule und Pommes auf der Speisekarte. „Das war damals etwas ganz Besonderes! Wo gab es denn sonst schon Pommes?“

Für Silvia Brodersen steht früh fest: Sie will den Gasthof übernehmen. Und weiß genau, wie der passende Mann aussehen muss: „Darf auf keinen Fall viel trinken, muss – bei dem alten Haus – handwerklich geschickt sein. Und Aale schlachten und Gänse ausnehmen können“, so das Anforderungsprofil. Als sie den Baden-Württemberger Oliver kennenlernt und der von seiner Kochlehre erzählt, ist es um die Gastwirts-Tochter schon fast geschehen. Sie werden ein Paar. Und dann nimmt er auch noch den Familiennamen ‚Brodersen‘ an.

Rosenkranz
Der Tresen im „Grenzkrug“ in Rosenkranz stammt wohl noch aus den 20er-Jahren.

Das historische Gebäude verursacht hohe Betriebskosten

Ab 1992 ist das Ehepaar die nächste Generation in der Gaststätte, die nun „Alter Deutscher Grenzkrug“ heißt, zur Vermeidung von Verwechslungen. Putenkeule und Pommes sind immer noch die Spezialität, die Gäste kommen häufig aus Dänemark – kein Problem, der Wechsel von Hoch- zu Plattdeutsch, Friesisch oder Dänisch gehört seit jeher zur Grenzregion. Tochter Sarah wird 1990, Julia 1994 geboren. Wie die Mutter, sind beide immer im Betrieb zu finden und – wie sie – lernen beide erst einmal etwas Kaufmännisches. Mit dem festen Vorsatz, die vierte Generation im „Grenzkrug“ zu werden.

Als Corona kommt, verschwinden die Mitarbeitenden. Und die Rücklagen. Die Gaststätte ist nur noch an drei Tagen der Woche geöffnet, Personal findet sich nur schwer. Ehemann Oliver geht 2018 in Frührente. Und gegen die Betriebskosten anzukommen, wird in dem historischen Gebäude immer schwieriger. Die Konzession für den „Grenzkrug“ hat Silvia Brodersen. Solange sie hier wirkt, kann alles bleiben, wie es ist.

Grenzkrug
Silberhochzeit 2013: Silvia und Oliver Brodersen mit ihren Töchtern Sarah und Julia.

Der nächste Besitzer oder die nächste Besitzerin müsste aber Auflagen erfüllen, die kaum zu erwirtschaften sind: Brandschutz, Lüftungen, Deckenhöhe – ohne die Optik zu verändern. „Ich möchte nicht, dass meine Töchter übernehmen“, sagt Silvia Brodersen entschieden. Sie ist dankbar, dass die zwei ihr bisher den Rücken, der im Übrigen auch nicht mehr so will, soweit freigehalten haben.

Wenn sich ein Käufer oder eine Käuferin fände, würde sie verkaufen – jedenfalls eventuell. Und vorher müsste der Familienrat tagen. Aber: „Der Gedanke, dass hier bald Schluss ist, wird jeden Tag leichter“, sagt Silvia Brodersen, wie zu sich selbst.