DEUTSCHE MINDERHEIT

Gösta Toft zur Modernisierung der SP: „Man wollte einen Umbruch“

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Gösta Toft mit dem SP-Käfer. Der heute 73-Jährige war von 1987 bis 2016 Sekretär der Schleswigschen Partei.

Der Leiter des Deutschen Museums Nordschleswig, Hauke Grella, bezeichnete Gösta Toft als „Mann der ersten Stunde“, als sich die Schleswigsche Partei ab Mitte der 1980er-Jahre modernisierte. „Der Nordschleswiger“ hat mit dem früheren Parteisekretär darüber gesprochen, wie er die damalige Zeit erlebt hat.

Wenn die Schleswigsche Partei im November zur Kommunalwahl antritt, dann ist sie kaum noch mit der SP zu vergleichen, die es Anfang der 1980er-Jahre gab. Der langjährige Generalsekretär Gösta Toft war maßgeblich daran beteiligt, die Minderheiten- und Regionalpartei zu modernisieren.

Bis Mitte der 80er machte der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) die politische Arbeit für die Minderheit. Die Schleswigsche Partei war lediglich eine Listenbezeichnung. „Es gab keine eigenständige Parteiarbeit“, erinnert sich Toft. „Aber gerade in der Kommunalpolitik muss auch zwischen den Wahlen kontinuierlich gearbeitet werden. Das war nicht der Fall“, so der frühere Parteisekretär.

Bereits Anfang der 1980er-Jahre schaffte die SP es nicht mehr, mit ihren politischen Inhalten zu überzeugen. Entfielen in Nordschleswig bei der Amtsratswahl 1970 noch 7.501 Stimmen auf die Minderheitenpartei, waren es 1981 nur noch 6.285 und vier Jahre später nur noch 5.593.

1985 markierte einen bis dato Tiefpunkt bei den Wahlergebnissen. Zu dem Zeitpunkt fingen die Diskussionen an, ob es nicht eine Neuorientierung und „kontinuierliche Arbeit“ brauche, weiß Toft.

Fehlende Struktur

Der Nordschleswiger am 20. November 1985
„Der Nordschleswiger“ berichtet am 20. November 1985 von „starken Verlusten“ im Amt.

„Der Grund dafür, dass es so schlecht lief, war auch der Grund dafür, dass man sagte, wir brauchen eine neue Struktur.“ Die SP bekam einen eigenen Vorstand und ständige Ausschüsse.

Gösta Toft wurde am 1. April 1987 als politischer Mitarbeiter angestellt und arbeitete fortan neben dem 1986 gewählten SP-Vorsitzenden Hans Christian Jepsen an der Zukunft der Partei.

Der heute 73-jährige Toft war schon zuvor kein Unbekannter, hatte als Vorsitzender der Vorgängerorganisation der Jungen Spitzen, des Politischen Jugendforums Nordschleswig (PJN), viele Kontakte. Nicht zuletzt auch durch seine Funktion als zweiter Vorsitzender des Jugendverbandes. Dass er politisch nicht mit der damaligen Haltung der SP konform war, daraus machte er keinen Hehl.

Ein umstrittener Wahlaufruf

Das Image war nicht in Ordnung. Die Partei war bürgerlich und driftete auch etwas nach rechts ab.

Gösta Toft

Schon während seines Studiums der Volkswirtschaft in Kiel war für Gösta Toft klar, dass er wieder zurück ins Grenzland wollte. 1983 kaufte er mit seiner Frau das Haus am Karpedam in Apenrade.

„Mein bisheriger Werdegang hatte mich schon sehr auf die politische Schiene gebracht“, sagt der Apenrader, der sich damals dem linken und grünen Spektrum zuordnete. Schon in den 1970er-Jahren sei er in Kiel durch die Studentenunruhen geprägt worden. Auch sein Vater sei politisch aktiv gewesen.

Schon früh sorgte Toft gemeinsam mit einigen Mitstreitenden für Aufsehen. Als der BDN 1984 eine Wahlempfehlung für bürgerliche Parteien ausgab, wurde von der Gruppe eine Gegenempfehlung für die Sozialdemokratie bzw. Sozialistische Volkspartei ausgegeben. „Da war ich dann schon politisch als Linker bekannt“, sagt der 73-Jährige.

Trotzdem habe man ihn dann 1987 gewählt, obwohl sehr bürgerliche Leute in dem Ausschuss saßen. „Man wollte einen Umbruch damals.“

Folketingswahl 1984
Am Tag der Folketingswahl, dem 10. Januar 1984, veröffentlichten Toft und weitere Mitstreitende einen Wahlaufruf im „Nordschleswiger“. Dieser sorgte später für Kritik. In einem Kommentar in der Zeitung vom 18. Januar war von einer Rüge des BDN und einem „Mangel an Solidarität mit der vom Hauptvorstand vereinbarten Linie“ zu lesen.

„Das Image war nicht in Ordnung“

Während seiner Zeit in Flensburg schrieb Toft eine Analyse der Landwirtschaft in Nordschleswig. Aus einer Befragung wurde das Buch „Die bäuerliche Struktur der deutschen Minderheit“. „Bei der Arbeit war mir wirklich deutlich geworden, dass die sozialen Strukturänderungen in der deutschen Minderheit politisch nicht nachvollzogen worden waren“, so der Volkswirtschaftler über die Herausforderungen, vor dene die SP stand. „Das Image war nicht in Ordnung. Die Partei war bürgerlich und driftete auch etwas nach rechts ab.“

Während sich zu dieser Zeit die Struktur von reiner Landwirtschaft zur Industrie und später zum Dienstleistungssektor wandelte, blieben die Inhalte der SP sehr ähnlich. Mit dem damaligen Hintergrundwissen war für den neuen Parteisekretär klar, dass man keine politischen Wahlen gewinnen könne, wenn man diese Strukturveränderung in der Gesellschaft inhaltlich nicht mitgeht.

„Ich hatte das große Glück, dass ich mit Hans Christian Jepsen einen sehr guten Vorsitzenden bekommen habe“, sagt Toft. Jepsen sei ein Motivationskünstler gewesen, und das habe ihm einen weiteren Schub gegeben. Zwar sei der Vorsitzende auch ein Konservativer gewesen, aber durchaus aufgeschlossen für neue Ideen. Auch an die gute Zusammenarbeit mit Ruth Nielsen, der damaligen zweiten Vorsitzenden, erinnert sich Toft. „Man merkte einfach eine Aufbruchstimmung.“ Hinzu kamen viele weitere Unterstützerinnen und Unterstützer.

Hans Christian Jepsen
Hans Christian Jepsen wurde 1986 zum Vorsitzenden der Schleswigschen Partei gewählt.

Man merkte einfach eine Aufbruchstimmung.

Gösta Toft

Partei in die Mitte rücken

So eine Änderung in einer Partei, das kannst du nicht in einem Jahrzehnt wettmachen.

Gösta Toft

Die Partei versuchte laut Toft in der Folge, sich von rechts in die Mitte zu rücken, um eine Chance bei künftigen Wahlen zu bekommen. „Meine Haltung war, dass ungefähr ein Drittel der Wähler links von der Mitte stimmte, zwei Drittel rechts davon. Doch wenn man das eine Drittel nicht bekommt, dann sieht es schlecht aus.“

Noch heute wählten die Menschen in Nordschleswig etwa zu 30 Prozent rechtspopulistische Parteien. „Die müssen wir einbeziehen, gleichzeitig haben wir eine Minderheit in den Städten, die anders wählt.“ Die Einsicht habe es auch in den 1980er-Jahren bei den Bürgerlichen in der SP gegeben, dass die Partei mehr in die Mitte gerückt werden muss, sagt der 73-Jährige.

Das gilt für Toft noch heute: „Wirst du in den Aussagen zu bürgerlich, zu wirtschaftsorientiert, dann erfasst du nicht die anderen, wenn du zu grün wirst, dann verlierst du ein wichtiges Segment, und das ist noch immer die Landwirtschaft, die in Nordschleswig eine wichtige Rolle spielt.“

Zurück zur Regionalpartei

Die SP wollte aber nicht nur Minderheiten-, sondern auch Regionalpartei sein. „Wir waren schon immer eine regionale Partei, aber wir bekamen nicht mehr die Stimmen dafür“, sagt Toft. Die Vermittlung der Inhalte musste sich also ändern – und das in einer zeitgemäßen Art. So sei die Nutzung des Begriffs „Sønderjylland“ bis in die 2000er-Jahre innerhalb der Partei höchst umstritten gewesen. „Das war für mich ein No-Go, denn man muss doch so reden wie die Wähler. Hier sagen alle Sønderjylland“, sagt Toft rückblickend.

Trotz eines kleinen Zugewinns bei der Wahl 1993 mit 5.115 Stimmen ging es bei den folgenden Wahlen wieder bergab. Dazu Toft: „So eine Änderung in einer Partei, das kannst du nicht in einem Jahrzehnt wettmachen.“

Rückenwind nach Kommunalreform

Gösta Toft
Gösta Toft am Wahlabend im Jahr 2001 mit Stift und Handy am Ohr

Erst mit der Kommunalreform 2007 und der ersten Wahl im Jahr 2009 ging es für die SP wieder bergauf, bis 2013 ein Rekord von 8.620 Stimmen erreicht wurde. Ein Plus von 63 Prozent. Dass neue junge Leute dazugekommen sind, habe die Modernisierung der Partei vorangetrieben, so Toft.

Auch verstärktes Marketing und die Ansprache regionaler Wählerinnen und Wähler sorgten für steigende Stimmanteile. Diese Arbeit sei über die Jahre immer weiter verfeinert worden – etwa mit dem Salz-und-Pfeffer-Plakat und dem Slogan „Et godt krydderi i Sønderjysk politik“, so der Apenrader.

SP wird „Teil der Politik“

Zu Beginn seiner Arbeit für die SP seien Wahlbündnisse noch abgelehnt worden, weil die Partei „zu deutsch“ gewesen sei. „In den 1990er-Jahren wurden wir aber zunehmend ein Teil der Politik. Wir hatten ein politisches Mandat und haben uns zu allen politischen Fragen, auch national, geäußert.“ Das sei auch akzeptiert worden, und es sei normal geworden, dass man mit der SP Wahlbündnisse eingehen kann.

So schrieb „Nordschleswiger“-Chefredakteur Gwyn Nissen am 21. November 2013 in einem Kommentar zur Rekordwahl für die SP: „Die deutsche Minderheit und die Schleswigsche Partei ernten heute Anerkennung für ihre Arbeit. Aus Ressentiments ist Respekt geworden. Aus Ablehnung Akzeptanz und aus dem Nebeneinander ein Miteinander.“