Religion und Glaube

Die Nicolaikirche erhält ihren Turm zurück

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Der Morgennebel hatte sich noch nicht ganz gelegt, als das erste Kirchturmteil hoch über die Dächer der Apenrader Altstadt gehievt wurde. Ein Leser der Zeitung hatte von seiner Terrasse aus diesen tollen Ausblick.

In drei Etappen wird der Dachreiter wieder auf der Vierung der Kirche platziert. Am Dienstag wurde mit dem „Turmpuzzle“ begonnen. Wenn alles nach Plan läuft, ist die Spitze mit dem Bleidach am Donnerstag an der Reihe. Der Wetterhahn folgt später.

Wer am Dienstag auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit an der Apenrader Nicolaikirche vorbeifuhr oder -ging, hielt kurz an, um dem Spektakel ein paar Minuten zuzusehen, das sich da in der frühen Morgenstunde abspielte. Ein riesiger Kran hob ein Teilstück des Kirchturms auf seinen angestammten Platz auf dem Dach der Stadtkirche.

Der Ausdruck „Turm“ ist bei der Nicolaikirche nicht die architektonisch korrekte Bezeichnung. Es handelt sich vielmehr um einen Dachreiter über der Vierung.

Zentimeter-, nein, millimetergenau platzierte der Kranführer mithilfe seiner Joysticks schon einmal Teil eins des Dachreiters auf der Vierung.

Wie ein Stapelturm für Kinder werden im Laufe der nächsten Tage insgesamt drei Kirchturmteile aufeinandergestapelt und fest miteinander montiert. So wurde es am Montag bei einem Bautreffen unter der Teilnahme aller beteiligten Firmen besprochen.

Die Kirchturmspitze steht schon bereit. Der Kranführer (r.) holte sich nach getaner Arbeit das Lob des verantwortlichen Ingenieurs ein. Wenn die Wettervorhersage hält, fliegt das nächste Kirchturmteil am Mittwoch um 9 Uhr durch die Luft.

„Wenn alles nach Plan läuft, wird die Spitze dann am Donnerstag auf dem Turm platziert“, teilt der Verwaltungschef der Apenrader Kirchengemeinde, Morten Hansen, auf Nachfrage des „Nordschleswigers“ mit.

Sobald die Spitze mit dem Bleidach montiert ist, hat der 650-Tonnen-Kran seine Arbeit getan und kann den Kirchplatz wieder verlassen.

Wetterhahn mit Überraschungen

Millimetergenau landete die Turmuhr auf der Vierung.

Damit ist das Renovierungsprojekt Kirchturm aber noch nicht vollendet. „Zu einem späteren Zeitpunkt wird noch der Wetterhahn und anderer ,Kleinkram‘ auf dem Turm platziert. Dafür reicht ein kleinerer Kran“, berichtet der Verwaltungschef. Der genaue Zeitpunkt dieser Aktion steht aber noch nicht fest.

Bei der Sanierung des Wetterhahns kamen zwei kleine Überraschungen ans Tageslicht. In der sogenannten Turmkugel lagen gleich zwei Zeitkapseln, genauer zwei Bleiröhren mit Inhalt – eine aus dem Jahr 1908, als die Nicolaikirche mit einem 44 Meter hohen Ziegelturm mit Treppengiebeln versehen worden war, und eine aus dem Jahr 1954. Damals erschien den Verantwortlichen in der Apenrader Kirchengemeinde der Dachreiter zu „deutsch“, deshalb wurde der Turm im Zuge einer umfassenden Kirchenrenovierung in den Jahren 1949 bis 1956 nach alten Aufzeichnungen rekonstruiert. Dem Inhalt der Zeitkapseln ist unter anderem zu entnehmen, welche Handwerker an den Arbeiten beteiligt waren. Für lokalhistorisch Interessierte sind das natürlich äußerst wissenswerte Informationen.

650 Tonnen kann das rote Ungetüm des Kranunternehmens in die Luft heben. Die einzelnen Kirchturmteile wiegen nur wenige Tonnen – ein Klacks also für den starken Mobilkran.

Rostende Eisenbänder eine Gefahr

Als der Dachreiter im Juni vergangenen Jahres von der Vierung gehoben wurde, erwies sich der Turm als „widerspenstig“. Die Handwerker hatten den Turm in den 1950er-Jahren nach allen Regeln der Handwerkskunst an der Holzkonstruktion befestigt, sodass acht dicke Pfosten durchsägt werden mussten, um den Kirchturm gerade hochheben zu können.

Hätten sie damals nur entsprechend viel Fachwissen an den Tag gelegt, was das Fundament angeht, wäre das ganze Projekt jetzt nicht nötig gewesen.

1954 machten die Verantwortlichen nämlich den Fehler, nicht gleichzeitig das Fundament zu erneuern, auf dem die Konstruktion ruht. Weil die eingemauerten Eisenbänder zu rosten anfingen, wäre auf Dauer der Einsturz des Turmes zu befürchten gewesen. Deshalb sollte das tragende Betonelement nun durch eine Holzkonstruktion ersetzt werden.

Zeitkapseln sind ein Stück Lokalgeschichte

Die goldenen Uhrziffern leuchten im Morgennebel.

„Am Inhalt der beiden alten Zeitkapseln hat der Zahn der Zeit genagt. Die Aufzeichnungen können deshalb nicht mit in die neue Zeitkapsel, die wir natürlich wieder in die Kugel des Wetterhahns stecken werden“, berichtet Morten Hansen.

Noch ist nicht entschieden, was mit dem alten Inhalt geschehen soll. „Ein früheres Kirchengemeinderatsmitglied kennt sich allerdings sehr gut mit solchen Dingen aus und wird sich kümmern“, sichert der Verwaltungschef der Kirchengemeinde zu. Er vermutet, dass der Inhalt restauriert und dem Reichsarchiv überlassen wird.

Die Renovierung des Dachreiters war übrigens die zweite Etappe einer umfassenden Kirchenrenovierung. In der ersten Etappe wurde der Innenraum des Gotteshauses restauriert und teilweise neugestaltet; die Nicolaikirche konnte 2024/2025 rund 13 Monate nicht genutzt werden. Von den Arbeiten am Kirchturm in der zweiten Renovierungsetappe waren die kirchlichen Handlungen nicht berührt.

Tolle Bilder einer nicht alltäglichen Aktion