Geschichte

Hadersleben: Ein Stück deutsche Vergangenheit verschwindet demnächst

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Das Gebäude Bygnaf 14 von Remisehaven und der Zufahrt zum Unternehmen Davidsen aus gesehen. Bald wird das markante Gebäude abgerissen. Doch bis es so weit ist, erzählt der ehemalige Museumsinspekteur Lennart S. Madsen dessen Geschichte.

Der Autor Lennart S. Madsen ist ehemaliger Museumsinspekteur des Museums Sønderjylland. Für die Zeitung „JydskeVestkysten“ hat der Archäologe einen Artikel verfasst, in dessen Mittelpunkt ein Gebäude steht, das es bald nicht mehr geben wird. Ein Bau, der Hadersleben mit dem Deutschen Reich verband. Es geht zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs.

Viel Zeit wird nicht ins Land gehen, bis der Abriss eines der bekanntesten Haderslebener Gebäude beginnt. Es handelt sich um die Adresse Bygnaf 14 – das große Gebäude am Ende der Straße zwischen der Firma Davidsen und dem Nordhavnsvej.

In den vergangenen Jahren war dort die Haderslebener Sprachschule untergebracht. Einige werden sich sicher noch daran erinnern, dass DOFO (Danske Ostemejeriers Fællessalg og Osteeksport) viele Jahre lang seine Büros und das Zentrallager dort untergebracht hatte.

Was aber sicherlich viele nicht wissen, ist, dass das große Bauwerk aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stammt. Tatsächlich ist der Krieg die Ursache für seine Existenz. Bevor es nun verschwindet, soll hier an seine Geschichte erinnert werden.

Große Not – gute Ideen gefragt

Im Laufe des Ersten Weltkrieges wurde die Not in den deutschen Städten immer größer. Es gab viel zu wenig zu essen. Und so mussten sich die Städte etwas einfallen lassen, um Nahrungsmittel zu beschaffen – für die hungrigen Bürgerinnen und Bürger und vor allem für die hungrigen Kinder.

Der Herstellung von Milchpulver kam dabei eine große Bedeutung zu – eine Bedeutung, die das Pulver übrigens immer noch hat. Denn es ist leicht in industriellem Maßstab herzustellen, vorausgesetzt, es steht viel Milch zur Verfügung.

Hadersleben hat Milch

Da der Landesteil Schleswig damals nicht direkt vom Krieg betroffen und die Milchproduktion auf den Höfen im Amt Hadersleben hoch war – trotz des herrschenden Nahrungsmittelmangels – tat sich die Reichstrocknungsgesellschaft in Berlin mit dem Landwirt Georg Lorenzen, Refsö (Revsø), als Repräsentant der Schleswig-Holsteinischen Landwirtschaftskammer zusammen, um eine Milchpulverfabrik in der Region zu bauen.

Günstige Bedingungen in Hadersleben

Schnell fiel die Wahl auf Hadersleben, denn die dortige Schmalspurbahn war im gesamten Amt gut ausgebaut, und vom Bahnhof Jungfernstieg aus gab es eine Verbindung auf Normalspur nach Woyens (Vojens). Die Milch sollte von den Höfen mit der Kleinbahn zum Jomfrustien transportiert werden. Die Fabrik verwandelte dann die Milch in Milchpulver. Dieses sollte dann in Säcke gefüllt und mit der Eisenbahn nach Deutschland transportiert werden.

Im Mai 1917 wurde eine Gesellschaft gegründet mit dem Namen „Trocknungs-Betriebs-Gesellschaft-Hadersleben“. Es kam eine Vereinbarung mit der Amtseisenbahn zustande, sodass die Fabrik auf dem Eisenbahngelände gebaut werden konnte.

Die Fabrik fand ihren Platz in unmittelbarer Nähe südlich des Werkstattgebäudes, wo bereits Schienen lagen. So konnte an einem Ort die Milch abgeladen, in Milchpulver verwandelt und wieder auf Wagen verladen werden.

Ruhrgebiet beteiligt sich

Zu der erwähnten 1917 gegründeten Gesellschaft gehörten neben den genannten Organisationen 18 Städte aus dem Rheinland und aus Westfalen, darunter Großstädte wie Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Düsseldorf und Solingen. Das Startkapital lag bei 400.000 Reichsmark. Berlin, Essen, Dortmund und Düsseldorf kamen für nahezu die Hälfte des Betrages auf.

Planung und Bau des Gebäudes begannen im Herbst 1917. Die Arbeiten leitete Amtsbahndirektor Wilhelm Lorenzen, der später die Fabrik auch leitete. Die Vorstellung war, zügig zu bauen und noch 1917 mit der Produktion zu beginnen. Doch schon damals verlief der Bau anders, als ein optimistischer Plan vorgab.

Die Milchpulverfabrik bestand aus einem großen langgestreckten dreistöckigen Gebäude mit Nebengebäuden an jedem Ende. Dort wurden Lager für Milch und Trockenmilch, ein Kesselraum sowie ein Aufenthaltsraum für die angestellten Männer und Frauen eingerichtet. Hinzu kamen weitere Räume sowie eine Wohnung für den Werksleiter. Und die Fabrik erhielt einen hohen Schornstein.

Der Ausschnitt einer Postkarte aus der Zeit um 1920 zeigt die neu errichtete Milchpulverfabrik. Ursprünglich hatte das Gebäude viele Fenster. Als es später als Käselager genutzt wurde, wurden die meisten zugemauert. Die Fassade zum Remisehaven hin ist die ursprünglichste. Beachtenswert ist der große Schornstein, der den Rauch und den Geruch, der entstand, hoch in die Luft befördern sollte.

Produktion startet ein halbes Jahr vor Waffenstillstand

Viele Probleme führten dazu, dass die Fabrik erst im April 1918 den Betrieb voll aufnehmen konnte – also ein halbes Jahr vor Kriegsende. Die Menge des hergestellten Milchpulvers war jedoch beträchtlich. Man rechnete mit einer Lieferung von ein bis zwei Eisenbahnwaggons mit Rohmilch täglich, mit zehn Tonnen Gewicht pro Waggon. Diese ein bis zwei Waggons wurden dann wöchentlich mit dem produzierten Milchpulver gefüllt und in den Süden geschickt.

Weniger Hunger in Hadersleben

Auch Hadersleben profitierte. Vom 1. Mai 1918 erhielt die hungrige Bevölkerung der Domstadt pro Tag einen Viertelliter Milch – die Hälfte davon getrocknet. Kurze Zeit später, ab 1. Juli, wurde die Menge auf einen halben Liter erhöht. Die Fabrik trug wesentlich dazu bei, die Hungersnot im letzten halben Jahr des Krieges zu mindern, auch in Hadersleben.

Diese Not verschwand nach dem Waffenstillstand am 11. November natürlich nicht, und so hörte die Fabrik auch nicht auf, Milchpulver zu produzieren. In den 1920er-Jahren setzte sie ihre Produktion unter dem neuen Namen Mælkefabrikken Haderslev A/S fort – weiterhin unter der Leitung von Wilhelm Lorenzen.

Milch weiterhin im Zentrum

Im Jahr 1934 errichtete der Meiereibesitzer Beck aus Kolding die Haderslev Bymejeri im Gebäude. Ein Unternehmen, das bis zur deutschen Besetzung tätig war. Danach mietete sich Haderslev Fragtcentral ein, und im Jahr 1948 übernahm DOFO das Gebäude, das es bis ins Jahr 1997 besaß. DOFO zeichnete auch für die meisten Umbauten verantwortlich, die das Gebäude prägen, vor allem auf der Seite zum Unternehmen Davidsen.

So findet die lange Geschichte des Gebäudes ihr Ende, das als Versuch begann, die Not in den Ruhrgebietsstädten zur Zeit des Ersten Weltkriegs zu mindern. Danach wurde es jahrzehntelang für die Herstellung von Milchprodukten genutzt und ebnete am Ende vielen Ausländerinnen und Ausländern als Sprachschule den Weg in die dänische Gesellschaft.

Der ehemalige Museumsinspekteur Lennart S. Madsen erzählt in diesem Artikel eine spannende Geschichte über eines der markantesten Gebäude Haderslebens, das die meisten nicht kennen werden.

Seit seiner Errichtung hat das markante Gebäude deutlich dazu beigetragen, das Industriegebiet am Jomfrustien vom Wohngebiet am Rolighedsvej und an der Dalgade abzugrenzen. Nun wird es durch einen rechteckigen Gewerbebau (dän. boksbutik) ersetzt. Und man kann nur hoffen, dass der Neubau auf gleiche Weise dazu beiträgt, die verschiedenen Quartiere unterscheidbar zu machen.

So ist eine Entdeckungstour zu empfehlen, solange das Gebäude noch steht.