Energiewende

Klimakonferenz: „Nicht jeder muss sich sofort ein E-Auto kaufen“

Klimakonferenz: „Nicht jeder muss sich sofort ein E-Auto kaufen“

Konferenz: „Nicht jeder muss sich sofort ein E-Auto kaufen“

Sonderburg/Sønderborg
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Die Teilnehmenden der Konferenz haben zum Abschluss der Tagung konkrete Ziele festgelegt und Lösungsvorschläge geliefert, die von Gastgeber Horst-Günter Rubahn am Dienstag im Alsion präsentiert wurden. Foto: Sara Eskildsen

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In Sonderburg ist die „100 % Climate Neutrality Conference“ zu Ende gegangen. Was ist dabei herausgekommen? Der Leiter des Mads Clausen Instituts steht Rede und Antwort.

Die „100 % Climate Neutrality Conference“ im Alsion ist ausgeklungen, der Alltag inmitten der Energiekrise ruft. Was hat die Konferenz in Sonderburg gebracht, und wie geht es jetzt weiter?

„Der Nordschleswiger“ hat den Leiter des Mads Clausen Instituts und des Campus Sønderborg, Horst-Günter Rubahn, am Rande der Konferenz interviewt.

Ein Fazit im Statement der Konferenz lautet: Viele Lösungen stehen schon bereit, man muss sie nur nutzen. Was können Kommunen, Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen im Grenzland tun?
„Der wesentliche Punkt bei dieser Konferenz war, dass die Deutschen von den Dänen lernen und die Dänen von den Deutschen. Dass wir grenzüberschreitend mehr machen können. Hier in Sonderburg gibt es dahingehend eine lange Tradition, vor allem über die großen Firmen wie Danfoss und Linak. Man versucht, solche energieeffizienten und klimafreundlichen Lösungen für die Produkte zu finden, die man herstellt. Sie haben ihre Produktion schon vor 10, 15 Jahren umgestellt, sodass sie klimafreundlich produzieren. Die haben den Schrank voll mit guten Lösungen! Diese Lösungen sind nicht unbedingt bekannt, und Danfoss selber kann ja nicht alle Produkte selbst herausbringen. Darunter sind Lösungen, an denen sich die Deutschen bedienen könnten. Indem man darüber spricht, finden diese Technologien unter anderem ihren Weg in eine deutsche Firma. So kann das Wissen von Unternehmen zu Unternehmen weitergegeben und genutzt werden, und die Produkte gelangen zum Verbraucher.“

Kannst du ein Beispiel nennen?
„Nehmen wir das Beispiel, moderne Thermostate zu nutzen. Es macht einen großen Unterschied, neue Thermostate einzusetzen. Das ist auch etwas, was diese Konferenz vermitteln will: Sich der Probleme, aber auch der Lösungen, mehr bewusst zu werden.“

Horst-Günter Rubahn leitet das Mads Clausen Institut auf dem Sonderburger Campus. Er erforscht und lehrt, was an neue Technologien möglich ist. Foto: Sara Eskildsen

Was kann die Privatperson im Grenzland noch tun – wo fängt man an?
„Man kann sich etwa seine Heizungsanlage anschauen, es gibt da den berühmten Druckausgleich, den man durchführen kann. Man kann sehen: Wie alt sind denn eigentlich die Thermostate, die ich drin habe? Oder: Ist es nicht möglich, mein Haus an die Fernwärme anzuschließen? Selbst wenn das nicht möglich ist, sollte man lokal hingehen und sagen: Ich habe Interesse an der Fernwärme. Wenn das ganz viele machen, kommt dann vielleicht doch die Fernwärme an den Wohnort. Man muss nicht warten. Man kann aktiv sein. Ein weiteres Beispiel sind natürlich die elektrischen Autos. Dann wird gesagt: Wenn sich alle die E-Autos anschaffen, bricht das Netz zusammen. So what. Dann sollte man es einfach mal machen, das Netz bricht zusammen, und dann kommt plötzlich ein dickeres Kabel. Weil dann auch plötzlich Geld im System dafür ist, weil man sieht, dass es wichtig ist.“

Man muss auch überlegen, dass man Müll erzeugt, wenn man Sachen wegschmeißt, die eigentlich noch funktionieren. Wegschmeißen ist auch keine Lösung, da muss man abwägen. Wichtig ist, etwas zu tun.

Horst-Günter Rubahn, Institutsleiter

Was kann im deutsch-dänischen Grenzland im Besonderen getan werden, um der CO₂-Neutralität näherzukommen?
„Mir war es wichtig, diesen grünen Transport zwischen Deutschland und Dänemark auf die Reihe zu bekommen. Wir haben vor über zehn Jahren schon mal abgesprochen, dass es so was wie einen Elektrobus oder eine Wiederbelebung der Schienen für einen grenzüberschreitenden Transport zwischen beispielsweise Flensburg und Sonderburg geben sollte. Wir haben grenzüberschreitende Studiengänge, die Studierenden sind sehr interessiert an grünen Lösungen, warum können wir denen nicht eine entsprechende Transportmöglichkeit anbieten, die ein wenig mehr up to date ist? Ganz viele Gegenden in Deutschland machen das jetzt – warum bekommen wir das nicht hin?“

Woran liegt das?
„Da stößt man schnell auf das Problem, dass die gesetzlichen Regelungen in Dänemark und Deutschland unterschiedlich sind, und da ist dann der Knackpunkt. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ein Gegenbeispiel: Wir haben lange Zeit versucht, einen deutsch-dänischen Studiengang in Ingenieur-Wissenschaften zu kriegen, und da kam dasselbe Argument: Es macht zwar eigentlich Sinn, aber es gibt praktische Probleme, beispielsweise dass die Semesterferien anders liegen. Und da haben wir jetzt gesagt: Wir finden dafür eine Lösung und machen es jetzt einfach. So haben wir in Form eines Interreg-Projekts mit Lübeck einen neuen grenzüberschreitenden Studiengang aufgelegt, medizinische Mikrotechnologie. Man kann Lösungen finden! Leider muss ich sagen, dass die Dänen etwas williger und schneller darin sind, risikoreiche Lösungen zu finden und aufzugreifen, als es die Deutschen sind. Die Aussage der Konferenz ist: Macht was. Seht, wo Möglichkeiten sind.“

Der Rat des Klimaforschers: Einfach mal kontrollieren, ob alle Birnen im Haushalt über LED-Technik laufen – oder ob es noch stromfressende Lichtquellen gibt. Foto: Morten Rasmussen/Biofoto/Ritzau Scanpix

Wie kann die jetzige Energiekrise dabei helfen, die Möglichkeiten zu ergreifen?
„Wir erleben eine Krise, wir befinden uns in einer Multikrise. Eine kurzfristige Krise geht irgendwann vorbei, aber sie ermöglicht, es auf lange Sicht etwas besser zu machen. Dass man beispielsweise nicht auf Atomkraft setzt, sondern voll auf erneuerbare Energie setzt, weil wir sie ohnehin brauchen.“

Was sagst du denn all jenen, die infrage stellen, dass die 100-prozentige Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien jetzt schon realistisch ist? Also dass die Stromnetze noch nicht genug ausgebaut sind, wenn jetzt alle auf Wärmepumpen oder auf E-Autos umstellen würden.
„Es macht überhaupt nichts, dass wir es jetzt noch nicht alle machen können. Es muss sich nicht jeder ein Elektroauto kaufen. Man kann auch den Thermostat erneuern oder die Birne tauschen und auf LED umstellen. Ich muss gestehen, ich habe das auch noch nicht gemacht. Man muss auch überlegen, dass man Müll erzeugt, wenn man Sachen wegschmeißt, die eigentlich noch funktionieren. Wegschmeißen ist auch keine Lösung, da muss man abwägen. Wichtig ist, etwas zu tun. Nicht zu sagen: In zehn Jahren kaufe ich mir ein Elektroauto, und bis dahin mache ich nichts. Aber ich glaube, da ist jeder intelligent genug, um zu sehen, was er jetzt machen kann, wie viel Geld zur Verfügung steht, ob es vielleicht ein paar Jahre dauert, bis man sich eine neue Technologie anschafft.“

Das Statement der Klimakonferenz

Zum Abschluss der Konferenz stand eine gemeinsame Erklärung auf der Tagesordnung. Die vier Punkte im Wortlaut:

  • Wir können über die Grenze hinweg über Demonstrationen und Rollenmodell-Projekten voneinander lernen. Die Politik muss für die geeigneten Rahmen sorgen.
  • Eine tief hängende Frucht ist grüner Transport zwischen Dänemark und Deutschland, dieser sollte Priorität erhalten. Das benötigt politische Unterstützung und Willen.
  • Lösungen für viele Klima- und Energieprobleme stehen bereit und sollten angewandt werden. Die aktuelle Krise und kurzzeitige Herausforderungen können in langfristige Lösungen umgewandelt werden.
  • Es ist die Verantwortung jeden Einzelnen zu handeln; deshalb ist es wichtig, der Diskussion zu folgen und sich Initiativen anzuschließen.
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