Interview

„Ich denke, dass jeder Mensch dazu fähig ist, Böses zu tun“

„Ich denke, dass jeder Mensch dazu fähig ist, Böses zu tun“

„Ich denke, dass jeder Mensch dazu fähig ist, Böses zu tun“

Sonderburg/Sønderborg
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Jussi Adler-Olsen Foto: Karin Riggelsen

Jussi Adler-Olsen spricht im Interview über seine Arbeitsweise, woher böse Taten entstehen und warum er nicht weiß, wann er in Pension geht.

Es kommt nicht mehr oft vor, dass Schriftsteller Jussi Adler-Olsen öffentlich auftritt, doch das Sonderburger Publikum konnte sich am Donnerstagabend im Hotel Sønderborg Strand über eine Ausnahme freuen. Dem Lokalmatador Allan Breckling war es gelungen, einen der beliebtesten und bekanntesten Krimi-Autoren der Gegenwart für sein Bogcafé zu verpflichten. Der „Nordschleswiger“ traf den 68-Jährigen vorab zum Interview im Hotel Bella Italia. Ein Gespräch über die Grausamkeit dieser Welt, Arbeiten im Pyjama und einen Schreibmarathon in Barcelona.

Wie bist du imstande, dir derart grausame Details für deine Krimis auszudenken? Eine Kollegin hat erzählt, dass sie die Frau in deinem ersten Q-Buch, die jahrelang in dieser Druckkammer sitzt, gequält wird und ihre Zähne verliert, nie vergessen hat. Kriegst du nicht manchmal Angst vor dir selbst, wenn du dir solche Szenarien ausdenkst?

Im Grunde geht es mir darum, originell zu sein. Originelle und einzigartige Situationen zu beschreiben. Ich lese nie, was meine Kollegen schreiben. Es gibt unzählige Arten Morde, die in Büchern beschrieben worden sind. Im Grunde geht es mir um die Methode des Schreibens, wie ich den Leser die Situationen erlebbar machen kann. Nehmen wir diese Frau, die sechs Jahre gefangengehalten wird.

Diese Zeit muss deutlich, erlebbar gemacht werden. Da überlege ich, wie ich das anstelle. Ein Jahr lang ist das Licht an, ein Jahr lang aus. Beides ist Folter für einen Menschen. Mein Ziel ist es in dem Fall, die Gefangenschaft anschaulich darzustellen. Dazu gehören Beschreibungen, was während der Zeit mit dem Körper geschieht. Und was kann man sich beispielsweise Schlimmeres selbst vorstellen als Zahnschmerzen?

Schmerzen verstehen wir alle, somit war das Element brauchbar. Die Leser finden es vielleicht detailliert, was ich beschreibe. Aber im Grunde ist es ihre Fantasie, die ihnen die Geschichte erzählt. Der Leser denkt weiter. Das größte Erlebnis beim Lesen ist dann, wo ich nichts beschreibe, sondern wenn die Vorstellung, das Fühlenkönnen, einspringen.

Unterwegs in Sonderburg - stillsitzen für die Fotografin Foto: Karin Riggelsen

Wo holst du dir deine Inspiration – aus dem realen Leben? Schaust du einfach die Nachrichten, um zu wissen, was sich Menschen alles an Schlimmem und Bösem antun können?

Im Grunde – ja. Die Welt ist voller Grausamkeiten, die sich die Menschen antun. News-Journalisten berichten, was passiert ist. Ich erzähle die Geschichte fertig. Manchmal schreibe ich etwas, wo man denkt: Das kann nicht sein, so viel Bosheit gibt es nicht. Das kann ein Mensch nicht tun.

Und dann wird mein Roman von der Wirklichkeit überholt. Nehmen wir diese gefangengehaltene Frau. Als das Buch rauskam, war man der Meinung, dass es keine echten Fälle gibt, in denen jemand über Jahre gefangen gehalten wird. Und dann wurde der Fall Natascha Kamputsch öffentlich und der Fall von Josef Fritzel. Diese Welt ist voller Geschichten, die von Grausamkeit erzählen.

Allan Breckling und Jussi Adler-Olsen. „Allan Breckling hat nicht locker gelassen, bis ich kam“, verriet der Schriftsteller. Foto: Karin Riggelsen

Glaubst du selbst an „das Böse“ im Menschen – haben deiner Meinung nach alle Menschen eine gute und eine böse Seite in sich, und ist es eine Frage von Disziplin und Umständen, ob wir das Böse in Schach halten?

Ja, ich denke, dass jeder Mensch dazu fähig ist, Böses zu tun. Das Böse hat meiner Meinung nach seinen Ursprung in Rache, aber nicht alle haben Rachegefühle in sich. Sieh dir an, was die Menschen auf dem Balkan im Balkan-Krieg miteinander gemacht haben – niemand hätte damals gedacht, dass so etwas in Europa noch möglich wäre! Aber ja, wenn es um Rache, um vererbte und geschürte Gefühle von Rache und Vergeltung geht, dann ist das möglich.

Wir alle haben unsere schwachen Punkte. Wer Kinder hat und sich vorstellt, dass denen jemand was antut, ahnt, wozu man in der Lage wäre. Das ist etwas vollständig Natürliches. Ich hatte als Kind einen besten Freund namens Mørck. Mein Vater war Psychiater und hat in einer Klinik für psychisch Kranke gearbeitet, wo wir gelebt haben. Mørck lebte ebenfalls dort und hat sich liebevoll um mich gekümmert.

Brachte mir Katzenjunge und war herzensgut zu mir. Aber Mørck hatte seine Frau erschlagen – und war darüber krank geworden. Das war ein Beispiel für mich um zu erkennen, dass ein Mensch beide Seiten hat.

Ein Profi im Umgang mit der Presse und er hat Spaß dabei: Jussi Adler-Olsen. Foto: Karin Riggelsen

Wie beschaffst du dir all die Details für deine Handlungen und Spielorte? Wie viel Zeit steckst du in die Recherche?

Also für das „Washington-Dekret“ habe ich 2,5 Jahre recherchiert und alle möglichen Quellen gelesen, bis ich mich so gut damit ausgekannt habe, um darüber schreiben zu können. Ich habe mich durch Archive gewühlt und bin natürlich auch hingefahren. Klar hatte ich Grenzen, beispielsweise ins Weiße Haus zu kommen, aber ich habe mich so weit wie möglich hineinversetzen können.

Und jetzt, wo Trump an der Macht ist, muss man sagen: Ja, es ist möglich, dass ein einziger Mann die Macht an sich reißt und tut, was er will.

Wenn es um Polizeiarbeit für meine Bücher geht, gehe ich so vor: Ich setze mich hin und stelle mir vor, dass es meine echte Arbeit wäre. Dass ich Ermittler bin. Wenn ich an einen Punkt gelange, an dem ich einfach nicht weiterkomme, setze ich mich schon mal acht Stunden hin und starre auf die Tastatur und denke: Streng dich an, du musst weiterkommen!

Das ist für mich übrigens eines der besten Dinge am Schreiben: Dass ich einen Polizisten spielen kann. Über all das hinaus habe ich bei Bedarf einige Polizisten, die ich fragen kann.

Ich weiß zum Beispiel, dass es einen Unterschied zwischen einer Vernehmung und einem Verhör gibt und wo dieser Unterschied liegt. Das ist manchen Kollegen offenbar nicht klar. Es geht oft auch um den Jargon, wie der Umgangston ist. Für die vergangenen vier Bücher musste ich aber nicht nachfragen.

Und dann habe ich noch einen speziellen Polizisten in der Hinterhand, falls ich Fragen habe, der ist nämlich pensioniert. Und kann somit sagen, was er will.

Böse Taten basieren primär auf Rachegefühlen, glaubt der Autor. Foto: Karin Riggelsen

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Man muss als Schriftsteller vermutlich jede Menge Disziplin mitbringen …

Ja, schön wäre es! Ein Schreiballtag von 9 bis 13 Uhr? Vergiss es, nicht bei mir. Ich bin von Natur aus faul, das war mein Vater schon. Und wenn man faul ist, findet man immer einen guten Grund, um sich nicht faul zu fühlen. Also gestalte ich Häuser, spiele Gitarre, versuche, ein guter Vater oder Freund zu sein, Musik zu komponieren.

Ich bin im Grunde Schriftsteller geworden, damit ich mehr für meinen Sohn da sein konnte. Ich war 45 Jahre alt und Geschäftsführer eines großen Verlages und habe erlebt, wie immer wieder Kollegen einfach gestorben sind, die nicht sehr viel älter waren als ich. Da habe ich beschlossen, etwas zu ändern. Und so hatte ich plötzlich Zeit für meinen Sohn, konnte ihn zur Schule bringen, Pfannkuchen backen, all sowas. Ich konnte aufstehen und im Pyjama schreiben.

Am Spiel mit der Kamera hat Jussi Adler-Olsen definitiv seinen Spaß. Foto: Karin Riggelsen

Das sind doch aber alles Klischees, die man über das Schriftstellerleben im Kopf hat.

Ja, aber es war tatsächlich so. Aber natürlich muss man sich auch hinsetzen und schreiben. Als ich mein jüngstes Buch fertigstellen sollte, fehlten noch 125 Seiten bis zu einer gewissen Deadline, und ich musste mich ranhalten. Also bin ich nach Barcelona geflogen, da haben wir eine Wohnung, und habe mich in mein Universum begeben. Es gab nur das Bett, die Toilette, die Arbeit und Essen. Mehr nicht. Das habe ich einen Monat durchgezogen, und dann hatte ich es. Tatsache ist aber auch, dass die Grundhandlung für alle Mørck-Bücher seit 2005, 2006 feststeht. Ich habe also ein Gerüst, nach dem ich mich richten kann.

Seit 2005 steht fest, wie es mit dem Dezernat Q von Band 1 bis Band 10 weitergeht? So lange im Voraus hast du all die Bücher geplant?

Ja, das ist so. Ich habe hier und da unterwegs etwas geändert, aber nichts Grundlegendes. Und ich habe auch schon den allerletzten Satz für den allerletzten Band 10. Eines Morgens im Sommerhaus war der Satz plötzlich da. Ich bin aufgesprungen, um ihn schnell aufzuschreiben. Da wusste ich: Das ist es, du hast es!

Wann willst du in Rente gehen – oder geht man als Schriftsteller nicht in Rente?

Ehrlich, ich ahne es nicht. Ich bin jetzt 68 und werde bald zum ersten Mal Opa, worauf ich mich unglaublich freue! Manchmal denke ich, ich muss mich beeilen, damit ich Band 9 und 10 auch noch schreiben kann. Denn außer mir weiß niemand, wie die Geschichte weitergeht. Ich habe einen Freund, der ahnt das ein oder andere, aber wissen tue nur ich es.

Jussi Adler-Olsen Foto: Karin Riggelsen

Wenn du dann ein Enkelkind hast, vielleicht schreibst du dann Kinderbücher?

Ja, wer weiß? Ich habe mal ein Buch für meinen Sohn geschrieben, aus dem ich ihm dann immer abends einen Abschnitt vorgelesen habe …

Kennst du Nordschleswig, oder bist du heute das erste Mal hier im Landesteil?

Nein, ich kenne Nordschleswig recht gut. Meine Nichte wohnt an der Flensburger Förde auf dänischer Seite, daher bin ich öfters hier zu Besuch. Wenn man nach Deutschland fährt, ist es ja eine gute Gelegenheit, hier ranzufahren. Meine Frau kommt ursprünglich aus Esbjerg, das ist ja auch nicht weit weg von Nordschleswig.

Sprichst du Deutsch?

Nicht wirklich, ich kann es verstehen und etwas sprechen, aber von fließend sprechen kann man nicht reden. Wobei ich ja tatsächlich deutsche Wurzeln habe, mein Urgroßvater kam aus Albertsdorf und ist dann nach Dänemark ausgewandert, wo er Kachelöfen verkauft hat. Ich spreche zwar nicht richtig Deutsch, aber ein Teil von meinem Urgroßvater und meinem Opa mütterlicherseits und den Brüdern meiner Mutter war immer Deutsch, nämlich die Ordnung, die Disziplin, der Stil, sich nach außen zu geben oder sich zum Essen umzuziehen. Einen Teil davon habe ich wohl in mir.

Nach dem Interview ging es für den Autor zum Bogcafé ins Hotel Sonderburger Strand: Journalistin Sara Wasmund und Jussi Adler-Olsen. Foto: Karin Riggelsen

Jussi Adler-Olsen: Leben und Werke

Jussi Adler-Olsen, geboren im August 1950, lebt mit seiner Frau in Valby bei Kopenhagen. Beide haben einen Sohn. Vier Monate im Jahr verbringt das Paar in Barcelona, wo sie eine Wohnung besitzen.

1995 begann Jussi Adler-Olsen, als Vollzeit-Autor zu leben. 1997 erschien sein erster Roman „Das Alphabethaus“ (Alfabethuset ). Nach seinem Welterfolg „Das Washington-Dekret“ 2006 erschien 2007 das erste Buch der Serie rund um Sonderermittler Carl Mørck, Assad und Rose im Kopenhagener Dezernat Q.

Weltweit hat der Däne rund 14 Millionen Bücher verkauft, vor allem seine Bände rund um die Abteilung Q sind wahre Erfolgsgeschichten. 10 Romane der Q-Serie sind geplant.
Bislang erschienen sind acht Werke: „Erbarmen – Die Frau im Käfig“ (Kvinden i buret), „Schändung – Die Fasanenmörder“ (Fasandræberne), „Erlösung – Faschenpost von P“ (Flaskepost fra P), „Verachtung – Akte 64“ (Journal 64), „Erwartung – der Marco Effekt“ (Marco effekten), „Verheißung – der Grenzenlose“ (Den grænseløse), Selfies und Offer 2017.

Im Juni 2019 erscheint in Dänemark ein weiteres Buch der Mørck-Serie, Teil 9.

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