Geschichte

Als die Deutschen nach Dänemark flohen: Spurensuche im Archiv

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Sidsel von Qualen von Historie Haderslev hat Archivarien zum Thema Flucht 1945 für den Besuch zusammengestellt.

Vor 80 Jahren flohen viele Tausend Deutsche vor der vorrückenden Roten Armee nach Dänemark. „Historie Hadersleben“ bewahrt Dokumente, Fotos und Berichte aus jener Zeit auf, die einen Einblick in die Situation bei Kriegsende und danach geben.

„Du musst in den zweiten Stock“, sagt die Bibliothekarin im Kulturhaus Bispen. „Da findest du das Archiv.“ Dort angekommen winkt Sidsel von Qualen von „Historie Haderslev“ durchs Fenster, geht zur Tür und bittet den Besuch herein.

Sie ist vorbereitet und hat im Archiv herausgesucht, was die Kommune an Material aufbewahrt hat über die Zeit vor 80 Jahren, als Deutschland vor dem Zusammenbruch stand und die Menschen aus den Ostgebieten vor der vorrückenden Roten Armee flüchteten – auch nach Dänemark.

Und es kamen viele. „Über 200.000“, sagt Sidsel von Qualen und stellt braune und graue Pappkartons und grün-graue Briefumschläge auf den Tisch. Fotografien und Verwaltungsunterlagen geben einen Einblick in die Zeit, in der Dänemark vor der Herausforderung stand, viele Menschen aufzunehmen aus einem Land, das das Königreich einige Jahre zuvor überfallen und besetzt hatte.

Viele Flüchtlinge, meist Alte, Frauen und Kinder, erreichten Dänemark in einem schlechten Zustand. In Hadersleben wurde die Alte Kathedralschule zu einem Flüchtlingskrankenhaus – zwei Jahre lang bis 1947.

Sidsel von Qualen zieht einen prall gefüllten Ordner aus der Pappbox. Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus. Keine Krankenakten, sondern Inventarlisten, Tagesabläufe, wie der Hinweis auf einen „besinnlichen Abend mit Gesang und Rezitationen“, um den gleichförmigen Aufenthalt im Krankenhaus aufzulockern.

Behandlung im Flüchtlingskrankenhaus

Kinder mit dänischen Vätern trotz Fraternisierungsverbots

Dann kommt ein Verwaltungs-Resümee zum Vorschein: 1.744 Patientinnen und Patienten, 622 große und kleine Operationen und 48 Geburten. „Von den Neugeborenen hatten etwas weniger als die Hälfte dänische Väter“, liest die Archivarin vor. Das war pikant, denn: Es gab ein Fraternisierungsverbot. Der dänische Staat wollte nicht, dass es zu engeren Kontakten zu den Deutschen kommt. Und Dänemark wollte die deutschen Flüchtlinge so schnell es geht wieder loswerden, doch die Alliierten sperrten sich, da die Versorgungslage in den Besatzungszonen sehr angespannt war.

Um eine Annäherung zu verhindern, mussten die Flüchtlinge nach und nach in Lager umziehen. „In den ersten Monaten waren die Flüchtlinge in Nordschleswig oft bei Privatleuten untergebracht“, erzählt die Archivarin. Auch darüber wurde genau Buch geführt. Organisiert vom Flüchtlingshilfswerk Nordschleswig. Die Meldekarten bewahrt das Archiv ebenfalls auf. Die Menschen wurden in kleineren Lagern gesammelt, in der Kommune Hadersleben in Anslet. Später kamen sie ins Oksbøllager, dort gibt es seit 2022 ein Museum, das sich dem Thema Flucht und Vertreibung widmet.

In Anslet war auch Jörg Baden untergebracht, der schwer erkrankte und im Flüchtlingskrankenhaus behandelt wurde. Später kamen er und seine Familie ins große Lager in Oksbøl. Er hat gute Erinnerungen an die Zeit in Hadersleben.

Die einen kamen immer wieder in den Ferien nach Dänemark, die anderen wollten nie mehr das Land besuchen.

Sidsel von Qualen, Historie Haderslev

Andere nicht. „Die einen kamen immer wieder in den Ferien nach Dänemark, die anderen wollten nie mehr das Land besuchen“, fasst die Archivarin die Situation zusammen. Auch diese negativen Erfahrungen finden sich in den Kartons – in Form von Zeitungsberichten, genauso wie Hinweise auf wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema. „Es gibt wohl kein Entweder-oder. In unserem Landesteil gab es vielleicht auch etwas mehr Verständnis“, sagt Sidsel von Qualen mit Blick auf die deutsche Minderheit und erwähnt das Buch „De Uønskede“ (Die Unerwünschten), in dem der Autor Thomas Harder einen kritischen Blick auf viele Todesfälle unter den Flüchtlingen wirft.

Wie kamen die Flüchtlinge nach Nordschleswig? „Mit dem Zug oder mit dem Schiff“, sagt Sidsel von Qualen und breitet einige Fotoalben auf dem Tisch aus, die im Laufe der Jahre in den Besitz des Archivs gekommen sind. Zwei Schiffe, eines aus Stettin, eines aus Flensburg als letzten Hafen, brachten die Menschen nach Hadersleben. Aber auch Züge. „Die wurden vermutlich aus Flensburg weitergeleitet, weil dort kein Platz mehr war“, so die Archivarin.

Und sie zeigen Menschen vor dem Haderslebener Bürgerverein. „Dort war der Erzählung nach unter der Bühne die Statue des Kaisers versteckt. Als die Bühne vermutlich zur Brennholzbeschaffung abmontiert wurde, kam ein Fuß zum Vorschein. Man vermutete ein Verbrechen. Die Polizei stellte aber fest, dass es nicht der Fuß eines Toten war, sondern der aus Metall von Kaiser Wilhelm I. Aber ob das wahr ist?“ Das kann Sidsel von Qualen nicht sagen. Doch wer hätte es gedacht: 80 Jahre später sorgt eben jener Kaiser wieder für Schlagzeilen.

Das Bild zeigt vermutlich Flüchtlinge vor dem Bürgerverein in Hadersleben