Demokratie

Die Zweitstimme ist bei der Bundestagswahl entscheidend

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In Deutschland hat man zwei Stimmen; in Dänemark nur eine (Archivfoto).

Am Sonntag entscheiden die deutschen Wählerinnen und Wähler, wie der Bundestag zusammengesetzt wird. Um das Ergebnis zu verstehen, muss man so einige Unterschiede zum dänischen Wahlsystem beachten. „Der Nordschleswiger“ erklärt, worin sie bestehen.

Wie ist das noch einmal genau mit der Erst- und Zweitstimme bei der Bundestagswahl am 23. Februar? Selbst Menschen, die gewohnt sind, an deutschen Wahlen teilzunehmen, können da unsicher werden. Wer als Dänin oder Däne noch nie das Vergnügen hatte, kann ernsthaft ins Schleudern geraten.

Deshalb gleich einmal die Kurzfassung der Erklärung vorweg: Die Zweitstimme entscheidet, mit welcher Stärke die Parteien im Bundestag vertreten sind. Sie bestimmt also über die Mehrheitsverhältnisse. Die Erststimme entscheidet ausschließlich, welche Personen in das Parlament einziehen.

Bei der Folketingswahl geben die Wählerinnen und Wähler nur eine Stimme ab. Mit der bestimmen sie sowohl die Zusammensetzung des Parlaments als auch, welche Kandidatinnen und Kandidaten gewählt werden.

Abgeordnete entsprechend der Stimmzahl

Hinter dieser einfachen Erklärung verbergen sich tiefgreifendere Unterschiede im Wahlsystem. Was in beiden Systemen jedoch gleich ist, ist das Verhältniswahlrecht (forholdstalsvalg). Das bedeutet, die Stärke der Fraktionen entspricht dem Anteil der Stimmen, die die Partei erhalten hat. Damit unterscheidet sich das System in Dänemark und Deutschland grundsätzlich von dem in den USA oder in Großbritannien.

Um genau zu sein, sind es bei der Bundestagswahl die Zweitstimmen, die die Anzahl der Abgeordneten der einzelnen Parteien bestimmen. Mit der Zweitstimme wählt man die Landesliste, die die Parteien für jedes Bundesland einzeln aufstellen. Hier haben sie die Kandidatinnen und Kandidaten nacheinander aufgelistet und diese werden genau in dieser Reihenfolge gewählt.

Erststimme nach Wahlkreisen

Mit der Zweitstimme wählt man die Partei (Archivfoto).

Doch selbst wenn man auf Platz 1 steht, kann man nicht sicher sein, wenn man für eine große Partei kandidiert. Hier kommen nämlich die Erststimmen ins Spiel. Mit der wählt man die Wahlkreiskandidatin oder den Wahlkreiskandidaten. Die Person, die im jeweiligen Wahlkreis die meisten Stimmen erhält, ist gewählt. Die übrigen gehen leer aus.

Die Wahlkreiskandidatinnen und -kandidaten schieben sich also sozusagen vor die Kandidierenden auf der Landesliste. Erringt eine Partei in einem Bundesland genau die Anzahl Kreismandate, die ihr aufgrund der Zweitstimmen zustehen, wird also keine Person von der Landesliste gewählt (außer sie kandidiert auch in einem Kreis).

Überhang- und Ausgleichsmandate sind abgeschafft

Jetzt kann es natürlich vorkommen, dass eine Partei mehr Kreismandate erhält, als ihr insgesamt in dem jeweiligen Bundesland zustehen. Dann erhalten die Personen mit den schwächsten Erststimmenergebnissen kein Mandat.

Das ist aber erst seit einer Wahlrechtsreform von 2023 so. Bislang wurden in allen Fällen sämtliche Kreismandate verteilt. Die dann nach dem Verhältniswahlrecht zu viel waren (Überhangmandate), wurden dann durch extra Mandate für die anderen Parteien ausgeglichen (Ausgleichsmandate).

Nur ein Kreuzchen für das Folketing

Daher stand die Gesamtanzahl der Abgeordneten bislang nicht von vornherein fest. Ab Sonntag sitzen exakt 630 Personen im Bundestag. Im Folketing steht die Anzahl der Mitglieder bereits seit eh und je fest, nur sind es mit 179 deutlich weniger. In der dänischen Politik spricht man daher davon, dass man bis 90 zählen können muss, um eine Mehrheit zu erlangen.

Das eine Kreuzchen, das man bei einer Folketingswahl machen kann, setzt man entweder vor den Namen einer Partei oder Kandidatin beziehungsweise eines Kandidaten. Die Namen der Personen sind unter dem Parteinamen gereiht. Somit hat man mit seiner einen Stimme sowohl Einfluss darauf, wie stark die einzelnen Fraktionen sind, als auch, welche Personen gewählt werden.

Bei der Folketingswahl kann man entweder eine Partei oder eine Person wählen (Archivfoto).

Persönliche Stimmen können entscheiden

Wie groß dieser Einfluss auf die Personenwahl ist, kommt darauf an, welche Aufstellungsform die jeweilige Partei gewählt hat. Sind die Kandidatinnen und Kandidaten parallel aufgestellt (sideordnet opstilling) entscheiden allein die persönlichen Stimmen. Stellt die Partei nach Wahlkreisen (kredsvis opstilling) oder mit einer Parteiliste (partiliste) auf, haben auch die Parteistimmen Einfluss darauf, wer gewählt wird.

In Nordschleswig entsprechen die Wahlkreise den Kommunen. Die Kreise gehören zum Großkreis Südjütland (Sydjylland). Kandidatinnen und Kandidaten, die in einem Wahlkreis aufgestellt worden sind, stehen in sämtlichen Wahlkreisen auf dem Stimmzettel.

Man kann in diesem Artikel zur Wahl 2022 mehr über das dänische Wahlsystem erfahren:So funktioniert die Folketingswahl.