Gesundheit

Er ging in Hausschuhen spazieren – Wiwis Weg durch die Demenz ihres Mannes

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Wiwi Christensen in der Wohnung, in der sie den Lebensabend gemeinsam mit ihrem Mann verbringen wollte.

Wiwi Christensen hat ihren demenzkranken Mann bis zum Tod begleitet. Besonders schwer war die Zeit, in der sie ihn im gemeinsamen Zuhause gepflegt hat. Sehr offen berichtet sie von ihren Sorgen und Problemen in dieser Zeit – und hat einige Wünsche.

Als Kurt Christensen das Haus verließ, trug er Hausschuhe. Für Wiwi, seine Frau, war das der Moment, in dem ihr klar wurde: Etwas stimmt nicht.
„Mein Mann Kurt war immer aktiv, hat viel selbst am Auto und Haus repariert. Das hörte auf“, erinnert sich die heute 77-jährige Sonderburgerin.

Zunächst schenkte sie den Veränderungen wenig Beachtung. Kleine Aussetzer vielleicht, ein bisschen Vergesslichkeit. Doch dann kam jener Tag.
„Dann sagte Kurt eines Tages, er wolle spazieren gehen. Er war ein Mann, der immer gut gekleidet war. Er macht sich mit Hausschuhen auf den Weg. Das fand ich schon merkwürdig. Dann kam er von dem Spaziergang zurück und wirkte verwirrt.“
Ein seltsamer, beunruhigender Ausdruck lag in seinem Gesicht. Für Wiwi war das zu viel – sie rief den Notarzt.

Nach mehreren Untersuchungen folgte die Gewissheit: „Mein Mann litt unter vaskulärer Demenz.“

Die Diagnose – und das lange Abschiednehmen

Vaskuläre Demenz ist gekennzeichnet durch immer wiederkehrende, kleine Schlaganfälle. Diese hatten Kurts Gehirn nach und nach beschädigt. 2014 wurde die Diagnose gestellt. Doch für Kurt schien sich nichts verändert zu haben. „Für Kurt war alles normal. Er wusste nicht, dass er krank war. Für ihn war immer noch alles normal. Für mich hat sich jedoch alles verändert“, sagt Wiwi.

Sie beobachtete, wie sich ihr Mann veränderte. „Als wir unsere Familie besuchen wollten, fuhr Kurt in eine völlig andere Richtung“, erinnert sie sich.

Oder die Szene im Wald, als er plötzlich querfeldein durchs Unterholz wollte. Die Orientierung schwand. Kurt verirrte sich – nicht nur geografisch, auch in seinem eigenen Wesen.

Wiwi und Kurt Christensen bei der Hochzeit 1969

Er war nicht mehr der Mann, den sie einst geheiratet hatte. „Mein Mann ist nicht mehr da“, sagte Wiwi 2020 in einem Interview mit dem „Nordschleswiger“. Es war ein schleichender Verlust.

Der stille Kampf einer Ehefrau

Der Alltag wurde schwer. Wiwi pflegte Kurt rund um die Uhr.
„Es gibt keine Pausen. Man ist rund um die Uhr zuständig und verantwortlich“, berichtet sie.

Und dann waren da die dunklen Gedanken: „Es gab Tage, da wollte ich zum Wasser gehen und nicht wiederkommen“, sagt sie leise. Natürlich hätte sie es nie getan, fügt sie hinzu. Aber der Gedanke sei dagewesen – und das sei schlimm.

Ein Heim – und ein kleiner Neuanfang

„Ich war allein – mit allem. Ich war frustriert, fühlte mich machtlos.“

Wiwi Christensen

2019 kam Kurt ins Pflegeheim nach Guderup. Eine schwere, aber notwendige Entscheidung.
„Und Kurt hat sich dort wohlgefühlt. Es ging ihm gut dort“, sagt Wiwi.

Manchmal fragte er, ob sie nicht nach Hause fahren könnten. „Wohin nach Hause, habe ich gefragt“, erzählt Wiwi Christensen. Dann nannte er die Adresse seines Elternhauses, in dem er aufgewachsen ist.

Drei Jahre später – und eine klare Botschaft

Knapp drei Jahre nach Kurts Tod 2022 spricht Wiwi heute offen über ihre Erfahrungen. Schon während der Pflegezeit hatte sie sich für mehr Aufmerksamkeit für das Thema Demenz eingesetzt.

„Demenz ist immer noch ein Stigma“, sagt sie. Dabei sei es eine Erkrankung des Gehirns, die mit tiefgreifenden Verhaltensveränderungen einhergehe. Und das müsse gesellschaftlich auch als solche anerkannt werden, fordert sie.

Was sie fordert, ist klar: mehr Unterstützung für pflegende Angehörige, bessere Vorbereitung durch die Kommunen, Entlastungsangebote – und vor allem Anerkennung.

„Darüber will man nicht sprechen. Dabei ist es so wichtig, denn Demenz geht uns alle an – als Erkrankte oder Angehörige.“

Wiwi Christensen

„Man hat ja keine Minute für sich. Schön wäre, wenn ich als pflegende Angehörige ein,- zweimal in der Woche einige Stunden für mich sein könnte oder etwas mit anderen unternehmen könnte.“

Ein Ort der Hilfe war für Wiwi einst das „Netværkshuset“ in Sonderburg – eine Begegnungsstätte für Angehörige. Doch es existiert nicht mehr. Die Lobby sei zu schwach, sagt sie heute ernüchtert.

Ein Rat, den sie allen gibt

Zum Schluss hat Wiwi Christensen noch einen Appell – einen, der ihr besonders am Herzen liegt: „Ganz wichtig ist eine Patientenverfügung, damit die juristischen Formalitäten geregelt sind, bevor es zu spät ist.“

Demenz – was ist das?

Hier erfährst du mehr über die 10 Warnzeichen:https://www.alz.org/de/10-symptome-alzheimer-demenz.asp

Quelle: www.alz.org