Geschichte

Bewegende Einblicke in Befreiungsaktion Weiße Busse 1945

Bewegende Einblicke in Befreiungsaktion Weiße Busse 1945

Bewegende Einblicke in Befreiungsaktion Weiße Busse 1945

Volker Heesch
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Im Museum „Frøslevlejrens Museum“ in Fröslee (Frøslev) ist einer der weiß mit rotem Kreuz gemalten Busse erhalten, mit denen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs Tausende aus deutschen KZ-Lagern gerettet worden sind. Foto: Volker Heesch

Mit ihrem Buch „Wir sollten leben. Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit“ liefern Bernd Philipsen und Fred Zimmak anhand der Rettung von 153 jüdischen KZ-Häftlingen aus dem Arbeitserziehungslager Kiel bei der von Folke Bernadotte organisierten Rettungsaktion Informationen über viele bisher unbekannte Hintergründe.

In Dänemark ist die Befreiung von gut 20.000 Personen, vor allem KZ-Gefangenen, aus den Händen des von Heinrich Himmler geleiteten SS-Terrorsystems mithilfe von weiß gemalten Rotkreuzfahrzeugen als Rettungsaktion für verschleppte dänische Polizisten und Grenzgendarmen sowie dänischen und norwegischen Widerstandskämpfern in die Geschichte eingegangen. Weit weniger bekannt ist, dass bei der maßgeblich vom Schweden Folke Bernadotte organsierten Rettungsaktion im April und Mai 1945 auch jüdische KZ-Gefangene, die vielfach schon vom Tode gezeichnet waren, in Sicherheit gebracht wurden. Sie wurden kurz vor dem Zusammenbruch des Hitlerstaates mit den Weißen Bussen zunächst nach Pattburg (Padborg) evakuiert und, durch freiwilliges dänisches Personal betreut, nach Schweden gebracht.

Fred Zimmak (links) und Bernd Philipsen, der viele Jahre für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag als leitender Jorunalist tätig gewesen ist, haben ebenso wie weitere Autorinnen und Autoren im großen Umfang bisher wenig bekannte Quellen zum Thema Rettungsaktion mit den Weißen Bussen 1945 ausgewertet. Foto: Privat
Der Buchtitel „Wir sollten Leben“ ist ein Zitat einer Überlebenden, die 1945 aus Kiel gerettet wurde. Foto: Verlag Novalis

Im kürzlich im Verlag Novalis erschienenen Buch „Wir sollten leben. Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit“ liefern der in Flensburg lebende Journalist Bernd Philipsen und der Schwede Fred Zimmak, dessen Eltern zu den 1945 bei der Befreiungsaktion geretteten Menschen zählten, eine umfangreiche Dokumentation mit biografischen Angaben und Lebensstationen zu diesem Geschehen.

Friedrichstädter Jude verhandelte 1945 mit Himmler

Die relativ kleine Gruppe Menschen wurde mit den vom dänischen Roten Kreuz aus Pattburg nach Kiel entsandten Bussen gerettet. Das erste Kapitel im Buch, das mit einem Begleittext der schleswig-holsteinischen Bildungs- und Kulturministerin Karin Prien (CDU) eingeleitet wird, stellt den in Friedrichstadt in der dortigen jüdischen Gemeinde geborenen Norbert Masur (1901-1971) vor.

Wichtigster Helfer Folke Bernadottes

Er war wichtigste Helfer Folke Bernadottes bei der Durchführung der Rettung auch jüdischer KZ-Häftlinge. Bernd Philipsen, der sich unter anderem um die Erforschung der Geschichte und des Untergangs jüdischen Lebens in Südschleswig verdient gemacht hat, berichtet über die dramatischen Umstände der Rettungsaktion, bei der Norbert Masur dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, als Jude mit schwedischer Staatsbürgerschaft in der eigenen Muttersprache dem berüchtigten Spitzennazi die Freilassung jüdischer Gefangener abringen konnte. Masur war nach dem Umzug der Familie aus Friedrichstadt nach Hamburg aus beruflichen Gründen in Stockholm ansässig geworden.

Kenntnis von Vernichtung der Juden

Er hatte genaue Kenntnis von der Vernichtung der Juden im NS-Herrschaftsbereich. Er war per Flugzeug am 19. April 1945 zusammen mit Bernadotte nach Berlin geflogen. Philipsens Text enthält Originaldokumente und Schriften aus der Zeit der Befreiungsaktion, an der Masur als Vertreter des „World Jewish Congress“ maßgeblichen Anteil hatte.

Philipsen berichtet über Ehrungen Masurs durch den dänischen König, Schweden, Israel sowie Frankreich und stellt fest, dass in Friedrichstadt, wo sein Geburtshaus erhalten ist, bis heute kein Hinweis auf das Wirken Norbert Masurs zu finden ist. Es folgen in dem mit zahlreichen historischen Fotos, Faksimiles und Personenverzeichnissen illustrierten Buch weitere Kapitel aus der Feder Bernd Philipsens, in denen der Verlauf der Rettungsaktion für die kleine Gruppe KZ-Gefangener durch die Weißen Busse beleuchtet wird.

In Pattburg (Padborg) fand im April und Mai die Erstversorgung der schwer von ihrer KZ-Inhaftierung gezeichneten Menschen statt. Foto: Lokalhistorisk Arkiv Bov

So erfährt man, dass die Busse teilweise in Pattburg für die Fahrt nach Deutschland weiß gestrichen wurden und zur Aufnahme der schwer mitgenommenen Menschen aus den Lagern in Deutschland Quarantänestationen und ärztliche Versorgung vorbereitet wurden. Nachzulesen ist, dass die angesichts der grausamen Behandlung im Lager in Kiel in Todesgefahr schwebenden Männer und Frauen anfangs Hemmungen hatten, die Busse aus Dänemark zu betreten, weil sie eine Falle der SS befürchteten. Die Aufnahme in Pattburg durch dänisches Personal war für die Gruppe nach Jahren schrecklicher Behandlung und Zwangsarbeit wie ein Wunder, Nach der Deportation vor allem auch aus deutschen Heimatorten hatte deren Leidensweg im Ghetto Riga seinen Anfang genommen, mit jahrelanger Zwangsarbeit, Misshandlungen durch die SS-Bewacher und Hinrichtungen. Die Gruppe aus Kiel bestand aus den wenigen Überlebenden der „baltischen Hölle“, in die Zehntausende bereits 1941 verschleppt worden waren.

In weiteren Kapiteln stellen Autorinnen und Autoren die Einzelschicksale von Personen aus dem Kreis der aus Kiel geretteten Menschen dar, die 1944 aus Riga meist zur Zwangsarbeit, bei der viele Gefangene umgekommen sind, nach Libau (Liepaja) gebracht wurden, und vor der Eroberung Lettlands durch die sowjetische Armee im Februar 1945 per Schiff über die Ostsee und den Nord-Ostsee-Kanal nach Hamburg transportiert worden sind. Die Lektüre der Zeilen mit Details zur Leidensgeschichte der vorgestellten Personen ist gerade deshalb so beeindruckend, da diese in Form von Zitaten aus Briefen kurz nach der Befreiung, Interviews oder auch Aussagen aus Prozessakten vermittelt werden. Fassungslos erfährt man vom Aufenthalt der Männer und Frauen in der weitgehend zerstörten Hansestadt Hamburg, die aus Libau ins Gestapogefängnis Fuhlsbüttel gelangten, wo sie unter Lebensgefahr Zwangsarbeit leisten oder Bomben räumen mussten. Am 12. April 1945 wurden sie in einem dreitägigen Todesmarsch ins 80 Kilometer entfernte Kiel in die letzte Leidensstation getrieben. Ständig starben Mitglieder der Gefangenengruppe, deren weiteres Schicksal nach der Ankunft in Schweden ebenfalls thematisiert wird.

Geschichte wird anschaulich vermittelt

Die Beiträge mit Berichten über die Lebensgeschichte der aus Kiel befreiten Personen öffnen die Augen, wie in Deutschland in großen Städten oder Dörfern ungeachtet ihrer sozialen Stellung Juden dem bösartigen Treiben des Nazisystems ausgesetzt waren. Wie sie oft erleben mussten, dass sich Mitbürger an ihren Besitztümern bereicherten, als die Familien vor der Deportation nach Riga standen. Es wird sichtbar, dass bereits gleich nach der Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 der antijüdische Terror begann. Es werden Rettungsaktionen für jüdische Kinder kurz vor Kriegsbeginn 1939 thematisiert und leider sehr seltene Beispiele vorgestellt, dass Eltern, die die KZ-Hölle überlebt haben, mit ihren Kindern wiedervereint wurden.

Thema Leben nach der Befreiung

Sehr beeindruckend sind auch die Berichte über das Leben der befreiten Personen nach der Ankunft in Schweden, wo sie sich in unterschiedlichen Einrichtungen erholen konnten. Wo sie oft rasch versuchten, Kontakt zu überlebenden Verwandten Kontakt aufzunehmen, vielfach aber erfuhren, dass ihre Familien ausgelöscht waren. Während die Eltern des Mitherausgebers Fred Zimmak sich eine Existenz in Schweden aufgebaut haben, sind viele andere in die USA, Südamerika oder Australien ausgewandert. Oft lebenslang gezeichnet vom NS-Terror.

Besuche in Heimatorten

Bekanntschaft macht man auch mit Mitgliedern aus der Gruppe der Befreiten, die nach Deutschland zurückgekehrt sind, sowie einige Personen, die oft im hohen Alter in ihre Heimatorte in Deutschland gekommen sind. Anlass waren oft Einladungen örtlicher Initiativen, beispielsweise mit Stolpersteinen an ermordete Angehörige zu erinnern. Aber auch Einladungen von Kommunalpolitikern, die ihnen zu vermitteln versuchten, dass man sich in Deutschland der Nazi-Vergangenheit erinnert und bereit ist, Konsequenzen zu ziehen. Das 282 Seiten umfassende Buch ist zum Preis von 19,80 Euro im Buchhandel oder bei dem in Steinbergkirche in Angeln ansässigen Verlag Novalis, E-Mail info@novalisverlag.de, erhältlich.

Mehr lesen