60 Jahre DGN

Von der Schülerin zur Rektorin

Von der Schülerin zur Rektorin

Von der Schülerin zur Rektorin

Apenrade/Aabenraa
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lse Friis leitete 17 Jahre lang das DGN. Foto: Karin Riggelsen

17 Jahre lang leitete Ilse Friis das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig, als Gymnasiastin besuchte sie selbst das DGN. Wir haben die ehemalige Schülerin und Rektorin zum Interview getroffen.

17 Jahrgänge hat Ilse Friis an ihrem Gymnasium zum Abitur begleitet. In diesem Sommer sind die letzten „ihrer“ Schüler als Studenten entlassen worden – doch auch knapp zwei Jahre nach ihrer Pensionierung ist die ehemalige Schulleiterin dem Deutschen Gymnasium für Nordschleswig eng verbunden.

Das Gymnasium hat ihr Leben, ihre Karriere geprägt. Ihrerseits hat sie dem Gymnasium neues Leben gegeben, damals, im Jahr 2000, als die Schülerzahlen rückläufig waren und Ilse Friis als neue Schulleiterin kam und die Schule aus der Krise manövrierte. Als Kind der deutschen Minderheit war es gar keine Frage, auf welches Gymnasium die junge Ilse zu gehen hatte. „Da gab es keinerlei Diskussion. In Fredstedt/Fredsted waren wir die einzige deutsche Familie, wir waren deutsche Minderheit und besuchten von Anfang an die deutsche Schule.

Es kam niemandem in den Sinn, dass ich nicht das deutsche Gymnasium in Apenrade besuchen würde. Alles andere wäre undenkbar gewesen, damals“, erinnert sich die heute 66-Jährige an die einstige Schulzeit am DGN. Für sie bedeutete das: täglich zweimal fünf Kilometer lange Radwege zur Bushaltestelle sowie eine Busfahrt von Hadersleben/Haderslev über Wilstrup nach Apenrade und wieder zurück.

Anfangszeit in schwarz und weiß

1969, als Ilse Friis ins Gymnasium nach Apenrade wechselte, da wehte am DGN ein anderer Wind. „Der Umgangston war sehr formell, sehr deutsch“, wie es Ilse Friis beschreibt. „Da gab es eine gehörige Distanz zwischen den Lehrern und den Schülern. Wir waren unter uns, elitär ist das falsche Wort, aber wir Schüler kamen alle aus der Minderheit oder einige wenige aus Nato-Familien. Niemand aus der Mehrheitsbevölkerung schickte sein Kind wegen der Zweisprachigkeit aufs DGN. Wir wuchsen in einer Zeit auf, die sehr schwarz und weiß war“, erinnert sich Ilse Friis.

Man blieb unter sich. Kontakt zu anderen Gymnasiasten dänischer Schulen? Hat es nicht gegeben. „Wir fuhren nach der Schule mit dem Bus nach Hause, und dann hatten wir ja noch unseren Sport in den deutschen Vereinen. Da gab es wenige Gelegenheiten, dänische Gleichaltrige kennenzulernen. Das DGN war damals sehr in sich geschlossen.“ Damals, da gab es drei Real- und sechs Gymnasialklassen, je aufgeteilt in den sprachlichen und den mathematischen Zweig. Lehrkräfte wurden von den Schülern gesiezt, Dr. Sass, Fräulein Linke, Herr Doege, Herr Schulz, Herr Diers und wie sie alle hießen, Ilse Friis könnte noch viele Namen nennen.

„Als mein Sohn dann von 1994 bis 1997 am DGN Abitur machte, da hatte sich der Ton schon gelockert, die meisten Schüler duzten die Lehrer mittlerweile“, erzählt Ilse Friis. „Heute gibt es zwischen Lehrkräften und Schülern ein sehr offenes Verhältnis, aber mit Respekt. Ich habe erlebt, dass es manchen Schülern aus Deutschland anfangs schwerfällt, bei einer Ansprache mit ,du’ den Lehrer trotzdem mit dem gehörigen Respekt zu behandeln.“

Ilse Friis hat das DGN in ihrer Anfangszeit erfolgreich durch eine Krise manövriert. Foto: Karin Riggelsen

Als Rektorin das DGN aus einer Krise geführt

Ebenfalls völlig anders als heute war die Einbeziehung der Eltern. Oder eben: die Nicht-Einbeziehung. „Mein Vater war nie am DGN, und meine Mutter kam zur Entlassungsfeier. Aber Elternabende oder Elterngespräche? Sowas gab es einfach nicht. Auch als mein Sohn am DGN war, gab es wenig bis keine Elterngespräche. Das kann aber auch an meinem Sohn gelegen haben, der entsprechende Einladungen einfach nicht weitergeleitet hat“, lacht Ilse Friis. „Das Verhältnis ist heute ja ganz anders. Heute muss man die Eltern ab und zu daran erinnern, dass das Kind erwachsen ist!“

Ilse Friis kam in einer Zeit an die Schule, in der sich die Institution in einer schweren, existenziellen Krise befand. Nach 23 Jahren als beliebter und geschätzter Schulleiter war Hans Jürgen Nissen in den Ruhestand gegangen. Seit Mitte der 1990er und unter seinem Nachfolger Norbert Spahn verlor das DGN zunehmend Schüler.

„Die Schülerzahl war so gerade noch 100, das war schon bedrohlich für die Schule.“ Als die Schulleiterstelle 2000 schließlich neu ausgeschrieben wurde, zögerte Ilse Friis nicht. Nicht mehr. „Ich hatte schon 1996 überlegt, aber da war mein Sohn noch Schüler am DGN, und daher kam das nicht infrage. Wir sind beide sehr temperamentvoll“ fügt die ehemalige Schulleiterin schmunzelnd hinzu.

Ilse Friis bekam die Stelle als neue Rektorin – und verließ die ihrige als Bereichsleiterin an der Handelsschule, damals „Købmandsskole“, heute IBC. Vor ihr lag eine große Aufgabe, um die fallenden Schülerzahlen zu stoppen – und um die Entwicklung zu drehen. Zusammen mit dem damals jungen Lehrer Jens Mittag setzten sie die Vision von einer umfassenden Digitalisierung in die Tat um. Die Schule investierte in 60 Laptops, was zur damaligen Zeit eine ungeheure, eine ungewöhnliche Investition bedeutete.

„Die 2- und 3g-ler waren zwar sauer, dass sie nicht in den Genuss der Laptops kamen, sondern noch an den alten Computern sitzen mussten. Aber als einmal ein Laptop gestohlen wurde, haben sie doch Solidarität gezeigt und den Dieb verfolgt“, erinnert sich die 66-Jährige. „Heute ist unsere Schule komplett durchdigitalisiert. Durch diesen Schritt damals, ins Digitale zu investieren, haben wir viele Schüler dazugewonnen“, ist sie sich sicher. „Wir waren damals sogar für dänische Verhältnisse weit voraus. Von den digitalen Zuständen in Deutschland ganz zu schweigen …“

„Wenn die Schülerzahl bei 150 ist, kann ich in Pension gehen"

Eine weitere Veränderung ergab sich, als das Ministerium die scharfe Trennung zwischen sprachlichem und mathematischem Zweig aufhob. Das Wahlfachgymnasium entstand. „Das war natürlich auch eine Herausforderung für unsere relativ kleine Schule, wir konnten ja nicht alles anbieten.“ Als sich die Möglichkeit 2003 ergab, nahm das DGNan einer ministeriellen Versuchsreihe als Studienrichtungsgymnasium teil, sodass sich die Schüler zwar je nach Neigung Fächer auswählen konnten, ein fachlicher Grundstamm jedoch Voraussetzung war. „Das Wahlfachgymnasium war ein Büfett, von dem man sich nehmen konnte, was man wollte. Das Studienrichtungsgymnasium war eine Menükarte, wo man sich gewisse Dinge hinzubestellen konnte.“

Neue, spannende Fächerkombinationen seien entstanden, so Friis, auch die allgemeine Studienvorbereitung als Schulfach habe den Schülern geholfen, „um die Ecke zu denken“. Was die Lehrerschaft angeht, auch sie wuchs im Takt mit den steigenden Schülerzahlen stetig an. Fachkräfte aus Dänemark wurden zur Normalität, „früher undenkbar, da kamen die Lehrkräfte bis auf die Dachkraft Dänisch ausschließlich aus Deutschland“, so Friis. Junge Lehrkräfte rückten ins Team, „die Lehrerschaft verjüngte sich deutlich“, erinnert sich Friis.

„Als ich anfing, hatte ich gesagt: Wenn die Schülerzahl bei 150 ist, kann ich in Pension gehen. Doch das kam dann doch schneller als gedacht, und an Pension wollte ich noch nicht denken“, sagt sie. Aktuell hat das DGN knapp 200 Schüler. „Eine sehr gute Stärke, das gibt finanzielle Planungssicherheit, und mehr Schüler müssen es nicht sein.“

Durch die Öffnung der dänischen Volksschulen in den 1980ern, aber vor allem durch Internatsschüler von Amrum sowie durch eine starke Zusammenarbeit mit der Deutschen Nachschule Tingleff kamen in den 1990ern mehr und mehr Externe von außerhalb der Minderheit ans DGN. Auch heute ist die Nachschule einer der größten „Zulieferer“ von Schülern.

Großen Wert legte Ilse Friis von Anfang an auf die Inneneinrichtung der Schule. Stilvoll und hochwertig sollte sie sein, der Atmosphäre wegen. Man investierte weiter in dänische Markenlampen und -Stühle und eine hochwertige Inneneinrichtung. Eine Investition, die buchstäblich in den Rahmen passte: Bereits Schulleiter Hans Jürgen Nissen hatte in seiner Zeit großen Wert darauf gelegt, die Schule mit Kunstwerken auszustatten.

„Die Einrichtung beeinflusst die Atmosphäre und die beeinflusst die Schüler. Wenn es überall bröckelt und blättert, wirkt sich das aus. Ich wollte das Geld lieber für gezielt gute Sachen ausgeben. Manche haben das vielleicht nicht ganz verstanden. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Schüler es sehr wohl spüren, wenn wertvolle Kunst an den Wänden hängt. Auch wenn sie es nicht unbedingt bewusst wahrnehmen.“

Was wünscht die ehemalige Schülerin und Schulleiterin „ihrem“ Gymnasium zum 60. Geburtstag? „Ich wünsche und hoffe, dass es ein modernes, offenes Gymnasium bleibt. Mit der Stärke der Zweisprachigkeit, mit den zwei Examen, dem deutschen und dem dänischen, die die Schüler erhalten. Es ist ja eine unglaubliche Bereicherung, eine große Qualität, diese Wahl zu haben, in zwei Ländern studieren zu können.

Man muss immer vor Augen haben, was man mit dem DGN alles an Extras erhält! Dass man so viel mehr mit ins Leben nimmt.

Ilse Friis

Das DGN hat eine Qualität, die ist einmalig. Die erfolgreiche Theater-AG, die digitale Ausstattung, das Miteinander an einer kleinen Schule und ein entsprechender sozialer Umgang. Ich wünsche dem DGN, dass es die Schüler aus der Minderheit attraktiv finden, am DGN Abitur zu machen, und sie nicht aus Bequemlichkeit das dänische Gymnasium vor Ort vorziehen. Man muss immer vor Augen haben, was man mit dem DGN alles an Extras erhält! Dass man so viel mehr mit ins Leben nimmt.“

Das gilt in besonderer Weise auch privat für Ilse Friis und ihren Mann. Der ging damals am DGN in ihre Parallelklasse …

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