Leitartikel

„Wehret den Anfängen“

Wehret den Anfängen

Wehret den Anfängen

Nordschleswig/Sønderjylland
Zuletzt aktualisiert um:

Dänemark schneidet in einer Studie über den Antisemitismus gut ab. Aber hierzulande kommt der Judenhass auch zutage, und Dänemark kann sich aus der europäischen Debatte nicht heraushalten. Du auch nicht, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Antisemitismus ist in Dänemark ein geringeres Problem als in anderen europäischen Staaten. Grund zur Freude gibt es aber dennoch nicht, denn der Antisemitismus in Europa ist steigend – auch hierzulande –, und die Hass-Aktion gegen einen jüdischen Friedhof in Randers am Wochenende zeigt, dass auch Dänemark sich mit dem Problem auseinandersetzen muss.

14 Prozent der Juden in Dänemark empfinden den Antisemitismus als ein „sehr großes Problem" und 42 Prozent als „einigermaßen großes Problem". In Deutschland sind es 43 und 42 Prozent – in Frankreich 65 und 30 Prozent. Das zeigt eine Studie aus 2018.

Es mag sein, dass Dänemark unter den europäischen Ländern damit den besten Platz einnimmt, doch dafür zeigen sich 41 Prozent der Juden in Dänemark nie oder selten mit Symbolen/Kleidung, die sie als Juden erkennbar machen. Das ist in Europa ein Spitzenwert im negativen Sinne.

Dänemark kann sich daher aus der europäischen Debatte nicht heraushalten – und darf es auch nicht. Der Aufschrei am Wochenende war groß: Die Politik hat die Grabschändung in Randers verurteilt, und in Silkeborg gingen Einwohner auf die Straße, um gegen den Judenhass zu protestieren. Dort hatten Täter einen Davidstern mit der Aufschrift „Jude" an den Briefkasten eines jüdischen Paares geklebt.

Das sind schnelle und gute Reaktionen als Signal an die jüdische Gemeinschaft, dass sie wohlgelitten ist und dass Juden in unserer Gesellschaft ein normales Leben ohne Furcht und Repressalien verdient haben. Wie alle anderen.

Aber dem ist leider nicht so. Denn neben der Statistik ist es auch Fakt, dass Juden in Dänemark sich heute bereits schützen müssen: Vor den Schulen und Synagogen stehen bewaffnete Soldaten und Polizei. Es ist zur Normalität geworden – normal ist es aber nicht. Oder stellen wir uns vor, die Institutionen unserer eigenen Kinder – oder die Kirche – müssten bewacht werden.

Gegen Rassismus und Übergriffe von rechts oder von islamistischen Bewegungen kann der Rechtsstaat vorgehen. Gegen den kleinen Rassismus im Alltag aber – gegen Juden und andere Bevölkerungsgruppen – können nur wir reagieren. Dort wo alles beginnt, im Kleinen, haben wir eine Stimme. Du und ich, und wir haben die Pflicht, sie zu nutzen – auch gegen die „harmlosen" Bemerkungen im Alltag. Der Antisemitismus begann nicht mit der Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg. Es fing klein an. Klein und „ungefährlich". Wehret den Anfängen.

Mehr lesen

Leserbrief

Gisela Margarete Seffel
„Wie geschaffen für den Berg“

Leitartikel

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
„Realistische Eisenbahnpolitik nötig“