Leitartikel

„Alternative Kernschmelze“

Alternative Kernschmelze

Alternative Kernschmelze

Nordschleswig/Sønderjylland
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Vor sechs Jahren wurden die Alternativen gegründet. Sie brachten Farbe in die dänische Politik. Doch heute steht die politische Partei vor dem Ende, meint Cheferdakteur Gwyn Nissen.

2019 war ein verrücktes Jahr in der dänischen Politik – und es geht sogar weiter. Nach der Krise in der Partei Venstre und dem Zusammenbruch der Liberalen Allianz nach den Folketingswahlen im Sommer 2019 erleben wir nun die Kernschmelze einer weiteren Partei, der Alternativen.

2013 unter anderem vom früheren Minister und Parteimitglied der Radikalen Venstre, Uffe Elbæk, gegründet, wollten die Alternativen frischen Wind in die dänische Politik bringen. Mit Werten wie Transparenz, Humor, Empathie und Mut wollten sie neue Wege gehen und das politische Establishment wachrütteln. Die Alternativen wollten mehr als nur eine Partei sein – sie waren nach ihrer eigenen Auffassung eine Bewegung, eine Kultur und ein politisches Gefühl zugleich. Für andere waren sie einfach nur „zu viel“.

Mit knapp 4,8 Prozent zog die neu gegründete Partei 2015 ins Folketing und blieb auch nach einem Dämpfer bei der Wahl 2019 (3,0 Prozent) auf Christiansborg. Dort mischte der bunte Haufen der Alternativen das Parlament mit ungewöhnlichen Vorschlägen auf, zum Beispiel steuerfreie Einkünfte und kürzere Arbeitszeit.

Doch nur in einem Bereich konnte die Partei wirklich überzeugen: Die Alternativen brachten das Klima in Dänemark auf die politische Tagesordnung. Belohnt wurden sie dafür von den Wählern aber nicht. Stattdessen holten die politischen Skandale auch die alternative Partei ein: interne Machtkämpfe, eine Partykultur, ein Leiter ohne Führungskompetenzen und eine miese interne Kommunikation bis hin zum Mobbing.

Die Alternativen erwiesen sich als kein bisschen besser als andere Parteien. Daher zog Uffe Elbæk im Dezember die Reißleine und gab den Vorsitz ab. Dass er damit die Kernschmelze seiner Partei auslöste, hatte er nicht auf der Rechnung. Wobei jeder politisch Interessierte in Dänemark wusste, dass Elbæk stets der Inbegriff der Alternativen gewesen ist. Elbæk war und ist die Partei schlechthin, auch wenn er jetzt – wie viele andere prominente Parteimitglieder übrigens auch – sein Parteibuch abgegeben hat.

Als die Alternativen 2013 aus der Taufe gehoben wurden, hatte Uffe Elbæk damals Josephine Fock an seiner Seite. Sie ist auch die neue Vorsitzende, bekam die Partei aber bisher nicht in den Griff. Ihr Image spaltet die Mitglieder, und außerdem stand sie weiterhin im Schatten von Elbæk.

Nun ist Elbæk weg, doch damit zeichnet sich noch kein Weg für Josephine Fock ab und was von den Alternativen übrig geblieben ist. Selbst sagte sie vor Kurzem: „Ich würde heute den Alternativen nicht meine Stimme geben.“

Das denken viele Wähler sicherlich auch, denn in der Partei ging es in den vergangenen Wochen und Monaten nicht um Politik, sondern ausschließlich um Animositäten und persönliche Streitereien. Das verzeihen die Wähler selten. Die Alternativen können von Glück reden, dass die nächste Wahl erst in drei Jahren stattfindet. Bis dahin muss die Partei aber vieles auf die Reihe bringen – und dazu noch auf ein Wunder hoffen. Sollte dies nicht gelingen, wird es in der dänischen Politik nicht mehr ganz so bunt sein – und auch nicht so verrückt wie in den vergangenen sechs Jahren.

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