Internationaler Frauentag

Der Hass ließ sie drei Jahre lang verstummen

Der Hass ließ sie drei Jahre lang verstummen

Der Hass ließ sie drei Jahre lang verstummen

Kopenhagen/Nyborg
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Sonja Marie Jensen war erschrocken über die Reaktionen, als sie 2017 eine Debatte über sexuelle Belästigung in der Politik anregen wollte. Während der Diskussion im vergangenen Herbst erlebte sie einen entscheidenden Wendepunkt. Foto: Birgitte Carol Heiberg/Jysk Fynske Medier/Ritzau Scanpix

Vor einem halben Jahr erfasste eine Debatte über Sexismus und Belästigung Dänemark. Anlässlich des 8. März hat „Der Nordschleswiger“ nachgefragt, was sich geändert hat. So einiges, meint eine junge Politikerin, die bereits 2017 im Auge des Orkans landete.

Die Debatte über sexuelle Belästigung vor einem halben Jahr hat die Auseinandersetzung mit dem Problem in entscheidenden Punkten geändert.

Das meint zumindest die sozialdemokratische Bürgermeisterkandidatin in Nyborg, Sonja Marie Jensen, die bereits vor knapp vier Jahren eine ähnliche Debatte losgetreten hatte.

Mediensturm

Im April 2017 hatte die heute 26-jährige Frau in der parteinahen Webzeitung „Pio“ einen Diskussionsbeitrag veröffentlicht, in dem sie die regelmäßige sexuelle Belästigung beschrieb, der sie als junge weibliche Stadtratspolitikern ausgesetzt war.

„Danach war die Hölle los“, erinnert sich die junge Frau.

„Etliche Medien brachten die Meldung mit dem gelben Breaking-Balken. Ich hatte nicht im Traum daran gedacht, dass Klapse auf den Hintern im politischen Leben eine so große Nachricht werden würden. In meiner Naivität dachte ich, dass das doch jeder weiß, weil so viele passiv zugesehen haben, während diese Vorfälle passierten.“

Eigentlich sollten ja das Lob und die Anerkennung in mir den größten Raum einnehmen. Aber das verschwand in den Beschimpfungen und dem Hass, der mir entgegenschlug.

Sonja Marie Jensen (Soz.), Bürgermeisterkandidatin in Nyborg

Sie erlebte zweierlei Reaktionen. Die öffentlichen waren zunächst überwiegend negativ, ihre Motive wurden hinterfragt, und es gab allerhand Schuldzuweisungen. Gleichzeitig schrieben etliche Frauen sie persönlich an, bedankten sich und berichteten von den eigenen Erfahrungen. An die Öffentlichkeit treten wollten die meisten jedoch nicht.

„Eigentlich sollten ja das Lob und die Anerkennung in mir den größten Raum einnehmen. Aber das verschwand in den Beschimpfungen und dem Hass, der mir entgegenschlug. Ich war im Innersten getroffen.“ Die Erinnerung daran ist bei Jensen offensichtlich noch sehr lebhaft.

„Die Beschimpfungen zogen sich bis in den Kommunalwahlkampf ein halbes Jahr später.“

Rücktritt eines DSU-Vorsitzenden

Diese Erfahrung sollte ein halbes Jahr später für sie entscheidend werden. Gemeinsam mit vier anderen Frauen schrieb sie an den Hauptvorstand der sozialdemokratischen Jugendorganisation DSU, dass der damalige Vorsitzende Lasse Quvang Rasmussen sie wiederholt belästigt habe. Dieser musste daraufhin zurücktreten.

„Ich flehte den Vorstand an, nicht die Wahrheit über den Grund des Rücktritts zu sagen. Heute würde ich mir wünschen, dass damals die Wahrheit erzählt worden wäre. Vieles wäre dadurch leichter geworden. Aber es war mir damals einfach nicht möglich. Meine Angst, all die Widerwärtigkeiten noch einmal ertragen zu müssen, war einfach zu groß.“

Sofie Marie Jensen ist nämlich heute noch davon überzeugt, dass vonseiten der Medien eine intensive Jagd auf die Absender der Mail eingeleitet worden wäre.

Sonja Marie Jensen befürchtete eine mediale Jagd auf sie, sollte bekannt werden, dass der DSU-Vorsitzende wegen Anschuldigungen sexueller Belästigung hatte zurücktreten müssen. Foto: Birgitte Carol Heiberg/Jysk Fynske Medier/Ritzau Scanpix

Erst zwei Jahre später sickerte durch, warum der DSU-Vorsitzende zurücktreten musste.

Jensen brauchte noch einen weiteren Anstoß, um über ihre Rolle in der Sache zu berichten.

Sofie Lindes Statement

Der kam, als die Fernsehmoderatorin Sofie Linde Anfang September vergangenen Jahres vor laufender Kamera von den sexuellen Belästigungen erzählte, denen sie ausgesetzt war.

Die ersten Reaktionen auf Lindes Auftritt erinnerten Sofie Marie Jensen auf fatale Weise an die Reaktionen, die sie selbst erlebt hatte.

„Ich habe es noch kaum jemanden erzählt, aber ich habe Sofie Linde eine paar Tage später geschrieben. Ich schrieb ihr, dass mir klar sei, dass sie jetzt nicht besonders angenehme Dinge durchmache und erzählte ihr, dass ich großen Respekt davor habe, dass sie sich der Debatte stellt.“

Drei Wochen später stellt sich dann auch Sonja Marie Jensen der Debatte. Der „Avisen Danmark“ erzählt sie, dass sie eine der Frauen gewesen war, die die Klage über den ehemaligen DSU-Vorsitzenden verfasst hatten. Sie erklärte auch, warum sie so lange geschwiegen hatte. Lasse Quvang Rasmussen hat ihre Informationen in dem Artikel weitgehend bestätigt.

Der Wendepunkt

Jensen beobachtete, wie sich die Stimmung nach Sofie Lindes Fernsehauftritt wandelte.

Anfang September veröffentlichten 701 Frauen an Medienarbeitsplätzen eine Unterstützererklärung für Linde.

Ich bekam regelrecht Gänsehaut, als ich das sah. Das ist der entscheidende Wendepunkt, da war ich mir sicher.

Sonja Marie Jensen (Soz.), Bürgermeisterkandidatin in Nyborg

Der für Jensen entscheidende Augenblick kommt, als sie gegen Ende September auf dem Weg zu „DR“ in Kopenhagen ist, weil sie an der Sendung „Deadline“ teilnehmen soll. Eine neue Titelseite von „Politiken“ erreicht sie unterwegs als digitale Kopie. Diesmal sind es 322 Politikerinnen, die berichten, sie hätten verbale und physische Übergriffe erlebt.

„Ich bekam regelrecht Gänsehaut, als ich das sah. Das ist der entscheidende Wendepunkt, da war ich mir sicher. Jetzt war es nicht nur eine Einzelne, die davon berichtet, jetzt waren wir plötzlich viele.“

Denn, wie könnte es fast anders sein, einer der 322 Namen, die „Politiken“ abdruckte, lautete Sonja Marie Jensen.

„Jetzt konnten sie nicht mehr sagen, es wären Einzelfälle. Jetzt musste jedem und jeder klar sein, dass wir es mit einem strukturellen und kulturellen Problem zu tun haben.“

Gründlichere Auseinandersetzung

Nun, ein halbes Jahr später, nimmt die Debatte deutlich weniger Raum ein. Ganz natürlich stiehlt die Pandemie nun wieder die Überschriften. Jensen ist sich jedoch sicher, dass die zweite MeToo-Welle die Situation unwiderruflich verändert hat.

„Zunächst haben im Herbst alle Parteien schöne Erklärungen abgegeben, es wurden Vertrauensanwälte engagiert und Papiere verabschiedet. Jetzt wird das Problem vielerorts sehr viel ernsthafter und gründlicher bearbeitet.“

Sie meint jedoch auch, dass eine gewisse Polarisierung stattgefunden hat, und einige nun die MeToo-Debatte grundsätzlich hinterfragen und die Rechtssicherheit gefährdet sehen.

„Selbstverständlich muss die Rechtssicherheit der Männer gewährleistet sein. Aber es geht vor allem auch um das Rechtsgefühl der Frauen, die Übergriffen ausgesetzt waren. Wir werden das nur auflösen, wenn Christiansborg noch in ganz anderem Maße aktiv wird“, lautet ihre Aufforderung an die Polit-Kollegen in der Landespolitik.

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