Schicksal

Das Kinderexperiment in Grönland

Das Kinderexperiment in Grönland

Das Kinderexperiment in Grönland

Kopenhagen/Nuuk
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Helene Thiesen wurde als Siebenjährige von Grönland nach Dänemark geschickt. Weder sie, noch ihre Mutter, wussten warum. Foto: Nikolai Linares/Ritzau Scanpix

Helene Thiesen hat ihr Leben lang viele Tränen über ihr Schicksal vergossen. Vergangenen Dienstag hat sich Staatsministerin Mette Frederiksen dafür entschuldigt, dass der Staat sie von Grönland zwangsumgesiedelt hatte. „Endlich“, sagt die 75-jährige Frau.

Es war ein Tag im Mai 1951, als zwei Herren der dänischen Kolonialverwaltung bei Helene Thiesens alleinstehender Mutter in Godthåb (dem heutigen Nuuk) auftauchten und fragten, welches das intelligenteste ihrer Kinder sei. Dies war offenbar die siebenjährige Helene.

Am Tag darauf wurde sie mit einem kleinen Boot zu dem im Hafen wartenden großen schwarzen Schiff gebracht. Am Kai standen ihre Mutter und ihre Geschwister. Die Situation sieht Helene Thiesen noch fast 70 Jahre später deutlich vor ihrem inneren Auge, spürt sie fast physisch.

„Mir waren die Arme so schwer, dass ich ihnen kaum zuwinken konnte. Wieso ließ mich meine Mutter einfach gehen? Ich verstand nicht, warum ich wegmusste“, erzählt sie dem „Nordschleswiger“.

Die Schiffsreise

Die Ursache für die Reise in das ferne Dänemark erfuhr sie erst Jahrzehnte später. Ein Dänemark, von dem die Siebenjährige keine konkrete Vorstellung hatte.

Fünf andere Kinder wurden in Godthåb auf das Schiff, die M/S Disko, gebracht.

Wir weinten gemeinsam die zwei Wochen, die die Schiffsreise dauerte.

Helene Thiesen

„Auf dem Schiff waren weitere Kinder, was das unheimliche Rätsel nur noch größer machte. Natürlich waren wir neugierig, aber vor allem war es fürchterlich, denn keiner von uns wusste, warum wir hier waren“, erinnert sich Thiesen.

Die anderen Kinder waren weiter nördlich eingesammelt worden. Zwei weitere kamen in Frederikshåb (Paamiut) dazu. Insgesamt wurden 22 Kinder mit der M/S Disko und auf anderen Wegen nach Dänemark geschickt.

„Wir weinten gemeinsam die zwei Wochen, die die Schiffsreise dauerte. Ja, eigentlich weinten wir wohl die gesamten eineinhalb Jahre, die wir in Dänemark waren“, erzählt Thiesen.

Die Rückkehr

Zunächst kamen sie und die anderen Kinder in ein Ferienlager der Kinderschutzorganisation „Red Barnet“, danach wurde Helene in eine Pflegefamilie und später eine andere gebracht. Sie hat keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Diese kannte noch nicht einmal die Adresse ihres Kindes.

Dann fing sie jedoch an zu reden, aber ich verstand kein Wort.

Helene Thiesen

Nach eineinhalb Jahren ging es dann nach Godthåb zurück.

„Das war eine riesige Freude.“

Bei der Ankunft wurde sie von ihrer Mutter und ihrer einen Schwester empfangen.

„Wir fielen uns um den Hals, und ich plauderte und plauderte und erzählte von Dänemark und von dem, was ich erlebt hatte. Doch dann merkte ich, dass meine Mutter so eigenartig schweigsam war. Dann fing sie jedoch an zu reden, aber ich verstand kein Wort.“

Denn die Mutter sprach nur grönländisch, und Helene hatte die eigene Sprache vergessen.

„Das brach mir das Herz.“

Das Kinderheim

Dann nahm jemand sie an die Hand und brachte sie in einen Bus. Sie und 15 der anderen Kinder wurden in das Kinderheim des Roten Kreuzes gebracht. Die restlichen sechs waren von dänischen Paaren adoptiert worden.

„Ich konnte vor lauter Tränen gar nicht aus dem Fenster des Busses schauen. Ich wusste nicht, warum ich nicht bei meiner Mutter bleiben durfte“, berichtet Thiesen.

Erinnerungen an das Kinderheim in Godthåb (Nuuk) Foto: Nikolai Linares/Ritzau Scanpix

Sie wurde in die dänische Schule geschickt und im Kinderheim durfte sie nur dänisch Sprechen. Ihre Muttersprache hat Helene Thiesen nie wieder erlernt.

Es sollten mehr als 40 Jahre vergehen bevor sie erfuhr, dass sie Teil eines Experiments oder Versuchs war, wie es in den Akten aus der damaligen Zeit benannt wird.

Die Antwort

Als Helene Thiesen in den 90er Jahren die Sozialberaterin Trine Bryld traf, begann diese, sich für den Fall zu interessieren. Gemeinsam fingen sie an die Sache zu untersuchen. Thiesen suchte die anderen 21 Kinder, und Bryld ging in die Archive.

Der Hintergrund des Experiments war, dass die Armut im damaligen Grönland groß war. Sowohl von dänischer als auch von grönländischer Seite gab es ein Bestreben, die Gesellschaft zu modernisieren. Organisationen wie das Rote Kreuz und „Red Barnet“ machten Druck.

Daher entstand der Gedanke, man brauche eine dänisch-sprachige Elite in Grönland, die diese Modernisierung vorantreiben konnte. Die 22 Kinder sollten sozusagen die Speerspitze dieser Elite bilden. Auch der grönländische Landesrat, der beratende Funktion hatte, unterstützte die Initiative.

Rückkehr. Hier bei Faxe lag das Ferienlager von „Red Barnet“, in dem Helene Thiesen und die anderen Kinder zunächst untergebracht wurden. Foto: Nikolai Linares/Ritzau Scanpix

Den Kindern wurde nicht nur die Sprache, sondern alles Grönländische aberzogen. Deshalb durfte Helene Thiesen auch nicht zu ihrer Mutter zurück.

Mit dem 1998 erschienen Buch „I den bedste mening“ (Mit den besten Absichten) machte Tine Bryld den Fall erstmals öffentlich.

Der Kampf

Seither kämpft Helene Thiesen für eine offizielle Entschuldigung des dänischen Staates.

Denn: Teil irgendeiner Elite wurde weder sie noch die anderen Kinder. Man hatte ihnen die Identität geraubt, ist die Schlussfolgerung eines am Dienstag erschienenen historischen Berichts.

„Die Erzählungen der Kinder sind von Erlebnissen der Einsamkeit, der Entfremdung und der Entwurzelung durchsetzt. Sie berichten von verlorener, zerrissener und zwiespältiger Identität“, so die Historiker.

Für Helene Thiesen bedeutet dies unter anderem, dass sie ihr Leben lang häufig verzweifelt war und leicht ins Weinen geriet.

„Ich wollte, dass der dänische Staat sich für das entschuldigt, das man uns angetan hat“, sagt Helene Thiesen.

2015 entschuldigte sich „Red Barnet“ für die Rolle der Kinderschutzorganisation bei dem Experiment. Sie hatte es von Anfang an angeschoben.

Doch eine dänische Regierung nach der anderen verweigerte die Entschuldigung. Zuletzt war es der vorherige Staatsminister Lars Løkke Rasmussen (Venstre), der argumentierte, es sei schließlich nicht die heutige Regierung gewesen, die das Experiment veranlasst hatte.

Der Brief

Daher mochte Helene Thiesen auch nicht so recht daran glauben, als die Sekretärin von Staatsministerin Mette Frederiksen sie am Montag anrief und fragte, ob sie am Tag darauf zu Hause sei, denn sie sollte einen Brief in Empfang nehmen. Frederiksen hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, sie werde sich entschuldigen, sobald der Historikerbericht vorliegt.

Jetzt weiß ich endgültig, dass nicht mit mir etwas nicht stimmte. Falsch war, was man uns angetan hat.

Helene Thiesen

„Ich dachte mir, dass es jetzt passiert, aber tief im Innersten hatte ich trotzdem Zweifel“, sagt sie.

Der Brief wurde ihr per Dienstwagen des Staatsministeriums übermittelt. Und da stand nun das Wort, auf das Helene Thiesen so viele Jahre gewartet hat: Entschuldigung.

„Ich bin dermaßen glücklich. Endlich haben wir es geschafft“, sagt sie am Tag darauf.

Denn auch wenn die Entschuldigung die vielen Tränen nicht rückgängig machen kann, so bedeutet die späte Genugtuung ihr dennoch unendlich viel. Denn durch die verlorene Identität hat sie sich immer fremd gefühlt.

„Jetzt weiß ich endgültig, dass nicht mit mir etwas nicht stimmte. Falsch war, was man uns angetan hat.“

Für 16 der Kinder kommt Mette Frederiksens Entschuldigung zu spät. Nur noch 6 von den 22 sind noch am Leben.

Literatur zu dem Thema:

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