Minderheiten

70 Jahre Bonn-Kopenhagen im Flensborghus gefeiert

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Thomas Steensen
Im Flensborghus wurden die Bonn-Kopenhagener Erklärungen am Dienstag gefeiert – unter anderem mit einem Fachvortrag von Thomas Steensen.

Mit zwei Fachvorträgen und vor großem Publikum wurde an die historische Absprache erinnert, die am 29. März 1955 unterzeichnet wurde. Die beiden Erklärungen gelten heute als Vorbild, wie aus einer Konfliktregion eine Vorbildregion werden konnte.

„Diese Erklärungen, die am 29. März 1955 unterzeichnet wurden, sind ein bedeutendes Zeugnis für den Dialog und das Verständnis zwischen Dänemark und Deutschland, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Minderheiten in unseren Ländern“, sagt Henry Bohm, Vorsitzender von „Historisk Samfund for Sønderjylland“, in seinem Grußwort zu Beginn des Vortragsabends im gut gefüllten Flensborghus in der Norderstraße.

Zwei Fachvorträge

Auf Einladung von „Historisk Samfund for Sønderjylland“ war auch die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte Gastgeberin der feierlichen Veranstaltung. Für diese konnten der Historiker und ehemalige Generalkonsul in Flensburg, Henrik Becker-Christensen, sowie der Historiker Thomas Steensen gewonnen werden, der über die fehlende Erwähnung der friesischen Volksgruppe in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen referierte.

Becker-Christensen erklärte, dass die beiden Erklärungen mit dem Kalten Krieg zusammenhingen und mit dem Wunsch, die Beziehungen zwischen Westdeutschland und Dänemark zu stabilisieren. So sollte Deutschland dem Verteidigungsbündnis Nato beitreten. Gerade weil nach dem Zweiten Weltkrieg die Spannungen zwischen Mehrheit und Minderheit in beiden Ländern zunahmen, sollte ein Minderheitenabkommen der Welt zeigen, wie Konflikte auch friedlich beigelegt werden können.

Vorbild für andere Regionen

Henrik Becker-Christensen
Henrik Becker-Christensen

Der dänische Staatsminister Hans Christian Hansen und Bundeskanzler Konrad Adenauer trafen sich am 29. März 1955 in Bonn, um diese historische Absprache einzugehen. Später sagte Hansen in einer Rede, er habe in einem „fliegenden Koffer“ gesessen, um die „Bände der Verständigung“ zwischen beiden Ländern im Rahmen der Atlantik-Mächte zu knüpfen.

In einem Zusatzprotokoll wurde außerdem der Streit um die 5-Prozent-Sperrklausel beigelegt. Die Partei der dänischen Minderheit war ab der Landtagswahl 1958 von dieser Hürde befreit. Versuche, dies in den 2000er- und 2010er-Jahren erneut zu ändern, scheiterten.

Die beiden Erklärungen stehen heute als Vorbild für andere Regionen. Becker-Christensen hob hervor, dass gerade die Entwicklungen nach 1989 gezeigt hätten, dass die Worte der Bonn-Kopenhagener Erklärungen – wonach das Bekenntnis zum eigenen Volkstum und zur eigenen Kultur „frei ist und nicht von Behörden bestritten oder nachgeprüft werden darf“ – nicht in allen Teilen Europas eine Selbstverständlichkeit sind.

Interner Richtungsstreit

Warum sich die friesische Volksgruppe nicht in den Erklärungen wiederfindet, erläuterte anschließend Thomas Steensen. Die Friesinnen und Friesen führten demnach einen jahrzehntelangen internen Kampf, der sich seit den 1840er-Jahren „gleichsam wie ein negativer roter Faden durch die Geschichte der friesischen Bewegung Nordfrieslands zog: Der übermächtige deutsch-dänische Konflikt überschattete und überlagerte immer wieder die Bestrebungen für die friesische Sprache und Kultur“, so Steensen. Und so gab es auch eine Zweiteilung in der Volksgruppe. Intern zerstritten und uneinig, fokussierten sie sich in den Folgejahren auf den Grenzkampf.

Kieler Erklärung

Die Kieler Erklärung von 1949 war ein erster Meilenstein im Minderheitenrecht und garantierte der dänischen Minderheit das freie Bekenntnis zum dänischen Volkstum und zur Kultur. Im Abschnitt IV heißt es: „Die hier aufgestellten Grundsätze gelten sinngemäß auch für die friesische Bevölkerung“. Knackpunkt: An den Verhandlungen zur Kieler Erklärung nahm kein Vertreter der Nationalen Friesen teil, denn die Bewegung innerhalb der Volksgruppe konnte sich offenbar keinen Verbleib Südschleswigs bei Deutschland vorstellen. Steensen: „Keinen Vertreter dabei gehabt zu haben, muss man als geradezu fahrlässig bezeichnen.“

Langer Weg zur Anerkennung

Thomas Steensen

Als im Zuge der Bonn-Kopenhagener Erklärungen im September 1955 die Kieler Erklärung aufgehoben wurde, ging auch die „Friesenklausel“ verloren. Ein Schock für die Volksgruppe.

Erst in den 1980er-Jahren setzte ein Umdenken ein. 1990 wurden die Friesen dann in der Landesverfassung erstmals verbindlich anerkannt. Seither hat sich die positive Entwicklung fortgesetzt – etwa durch europäische Minderheitenrechte, die finanzielle Förderung durch den Bund oder den Einsatz eines beratenden Ausschusses in Berlin für Fragen der friesischen Volksgruppe.