Forschung

Politik: Die Biologie entscheidet über die Stimmabgabe

Veröffentlicht Geändert
Lene Aarøe verbindet in ihrer Forschung so unterschiedliche Disziplinen wie Politologie, Psychologie und Biologie.

Der Blutzuckerspiegel und ein besonderes Immunsystem können Einfluss darauf haben, welche Politik man unterstützt. Neue Forschungen zeigen, dass nicht nur die Vernunft, sondern auch Urinstinkte die Meinungsbildung prägen.

Man sitzt in geselliger Runde, und jemand schneidet ein politisches Thema an. Zunächst verläuft die Unterhaltung vollkommen friedlich, doch plötzlich werden die Stimmen schärfer, und die Gesichter laufen allmählich rot an. Man hört einander kaum noch zu, sondern versucht, durch Lautstärke Recht zu bekommen.

Professorin Lene Aarøe ist zu der Erkenntnis gelangt, dass Instinkte aus der frühen Geschichte der Menschheit dazu beitragen, politische Debatten emotional aufzuladen.

„Unsere politischen Haltungen kommen tiefer aus unserem Inneren, als wir unmittelbar annehmen“, sagt sie laut einem Artikel auf der Homepage der Universität Aarhus.

Blutzucker und Wohlfahrtsstaat

In ihrer Arbeit an der Universität verbindet Aarøe die klassische Politologie mit Erkenntnissen aus Psychologie und Biologie. So konnte sie bereits 2012 in einem Versuch feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Blutzucker und der Einstellung zum Wohlfahrtsstaat gibt.

Sie hatte eine Gruppe von Versuchsteilnehmenden gebeten, eine Zeit lang zu fasten. Vor dem Versuch erhielten sie eine Brause; die eine Hälfte mit Zucker, die andere ohne. Danach wurden sie zu ihrer Einstellung zum Wohlfahrtsstaat befragt. Gleichzeitig maß medizinisches Personal ihren Blutzuckerspiegel.

„Jene mit niedrigem Blutzucker, die eine zuckerfreie Brause erhalten hatten, befürworteten einen großzügigeren Wohlfahrtsstaat als jene, die eine Brause mit Zucker erhalten hatten“, so Aarøe.

Sie erklärt dieses Ergebnis mit dem regelmäßigen Auftreten von Hunger in der Geschichte der Menschheit. Wenn die Ressourcen knapp werden, haben wir Strategien, um sie zu beschaffen. Und eine solche Strategie ist, sich für eine Umverteilung starkzumachen.

Die politische Meinungsbildung ist von der Psyche und der Biologie geprägt.

„Politische Einstellungen entstehen im Geist und im Körper. Wir erhalten ein besseres Bild der politischen Meinungsbildung, wenn wir auch Erkenntnisse aus der Biologie einbeziehen“, sagt die Professorin.

Verteidigung der eigenen Gruppe

Für die Menschen der Steinzeit war die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidend, um zu überleben. Dieser Drang zur Gruppenzugehörigkeit erklärt auch, warum Menschen „ihre“ Partei bis zum Äußersten verteidigen.

Hier sieht Aarøe auch die Wurzeln der steigenden politischen Polarisierung, die vor allem in den USA zu beobachten ist. So sind sich Unterstützende der Republikaner und der Demokraten zutiefst uneinig, ob sich bei der Vereidigung von Obama 2007 oder der von Trump 2017 mehr Menschen vor dem Kapitol versammelt hatten. Dabei lässt es sich auf Fotos recht einfach ablesen.

„Wenn man Parteiidentifikation als soziale Gruppenidentifikation deutet, versteht man, warum Menschen mit starken Gefühlen reagieren, wenn ihre Partei angegriffen wird“, so Aarøe.

Immunsystem und Zuwanderung

Ein politisches Thema, das ausgesprochen stark polarisiert, ist die Zuwanderung. Auch hier sieht die Professorin die Wurzeln in der Biologie. Um sich vor Infektionen zu schützen, haben Menschen nicht nur ein physiologisches Immunsystem entwickelt. Wir haben auch ein psychologisches Immunsystem entwickelt: Wir halten Abstand zu Menschen, die uns „fremd“ erscheinen.

„Bei einigen Menschen ist dieses verhaltensmäßige Immunsystem so hyperaktiv, dass sie im Unterbewusstsein harmlose Unterschiede wie die Hautfarbe als potenzielles Infektionsrisiko deuten.“

Viele der klassischen Argumente für mehr Toleranz prallen an ihnen ab. Verweist man auf Positivbeispiele von Migrantinnen und Migranten, die sich integrieren, die Sprache lernen und demokratische Werte verinnerlichen, so kommt das nicht an. Es sind nämlich nicht diese Fragen, die die eigentliche Ursache für das Unbehagen sind.

„Dies ist ein Teil der Erklärung dafür, dass Debatten über die Zuwanderung häufig emotional aufgeladen werden“, sagt die Forscherin.

Sie hofft, dass ein größeres Wissen über diese Zusammenhänge zu einem größeren Verständnis unter den unterschiedlichen Gruppen in der Bevölkerung beitragen kann.

„Die politische Meinungsbildung ist von der Psyche und der Biologie geprägt, was uns noch vor wenigen Jahren gar nicht bewusst war.“

Lene Aarøe hat für ihre Forschung den Holst-Knudsen-Forschertalent-Preis erhalten. Er wird ihr am 28. Mai bei einer Festveranstaltung an der Universität Aarhus überreicht.