Kommentar

„Leben gefährden für ein paar Sekunden Zeitgewinn“

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Dashcam
Das Standbild der Fahrraddashcam, die in der Lenkermitte angebracht ist, zeigt ein knappes Überholmanöver bei Tempo 40. Mit einem Speed-Pedelec darf man den Radweg rechts in Deutschland nicht benutzen.

Wer Auto fährt, muss sich ins Bewusstsein rufen, dass er eine potenziell tödliche Waffe bewegt, schreibt Journalist Gerrit Hencke. Regelmäßig gefährden Autofahrende ihn auf seinem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Sein Appell: Entspannt euch! Nichts ist so wichtig und so eilig, dass man für ein paar Sekunden Zeitgewinn ein Leben gefährden muss.

Ja, ich muss wieder über das Radfahren sprechen. Oder sagen wir vielmehr, über das auf dem Fahrrad-gefährdet-Werden. In dieser Woche ist es mir gleich zweimal passiert. Bestimmte Situationen, die häufiger vorkommen, haben in der Welt der Radfahrenden bereits feste Begriffe.

Der Überholzwang: Wie der Name schon sagt, geht es hierbei um den Zwang, einen Radfahrenden überholen zu müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob in 100 Metern eine rote Ampel wartet, sofort danach abgebogen wird oder Gegenverkehr kommt. An der Person auf dem Rad muss vorbeigefahren werden. Notfalls auch mit deutlich zu geringem Abstand.

Egal ob Ungeduld, Egoismus oder beides: Am Ende sorgen solche Aktionen für maximal ein paar Sekunden Zeitgewinn.

„Der Punishment Pass“: die krassere Variante des Überholzwangs. Hier wird – offenbar zur Bestrafung des Radfahrenden, denn anders ist es nicht zu erklären – besonders rücksichtslos, schnell und dicht nebenhergefahren oder überholt. Meist passiert das gepaart mit Hupen oder „Radweg“-Rufen, weil die Menschen hinter dem Steuer meinen, die Radfahrerin oder der Radfahrer würde sich in diesem Augenblick falsch verhalten und sie in ihrer Fahrt behindern.

Die Situation erlebe ich oft dann, wenn ein Fahrradweg nicht benutzungspflichtig ist, also nicht mit einem der drei blauen Schilder ausgeschildert ist oder ein Gehweg mit dem Zusatz „Fahrrad frei“ die Benutzung optional macht.

Regelmäßiges Gefährdetwerden

Welche der beiden Varianten ich heute Morgen erlebte, lässt sich nicht zweifelsfrei definieren. Ich fuhr mit meinem Speed-Pedelec auf der Fahrbahn in Richtung Grenze. Ein Autofahrer aus Dänemark überholte mich ohne großen Abstand und mit nur kleiner Geschwindigkeitsdifferenz vor einer Verkehrsinsel und zog dann noch weiter zu mir rüber. Das alles passierte bei Tempo 40. Diese Gefährdung war unnötig, und Zeitgewinn brachte sie dem Mann ebenfalls nicht. Denn nur rund drei Minuten später fand ich das Auto auf dem Parkplatz eines Grenzshops wieder.

Den Radweg neben der Fahrbahn darf ich mit diesem Fahrzeug nicht benutzen, weil ich mich sonst selbst ordnungswidrig verhalte. Denn anders als in Dänemark dürfen die schnellen E-Bikes mit Tretunterstützung bis 45 km/h in Deutschland nicht auf den Radweg, gehören also auf die Fahrbahn. S-Pedelecs haben ein Versicherungskennzeichen wie ein Motorroller und sind massiver gebaut, was sie von einem normalen Fahrrad unterscheidet. Das wissen noch immer viele Menschen hinterm Lenkrad nicht und schätzen die Geschwindigkeiten manchmal falsch ein. Das Überholen abzubrechen kam aber nicht infrage. Wo wir wieder beim Überholzwang sind.

Und während man mit dem S-Pedelec in Tempo-30- und Tempo-40-Zonen gut mithalten kann, wird es in 50er-Zonen schwieriger. Und das führt offenbar zum Zorn. Was Pedale hat, gehört nicht auf die Fahrbahn, scheint für einige die Devise zu sein. Dass ich mich jedoch regelgerecht verhalte, scheint in dem Moment egal.

Ebenfalls in dieser Woche wurde ich auf dem Potterhusvej bei Apenrade mit Tempo 80 und nur 20 Zentimetern Abstand zu meinem Lenkerende überholt, obwohl die Fahrbahn komplett frei war. Solche Überholmanöver erlebe ich wöchentlich, egal ob mit dem E-Bike oder dem Rennrad. Manchmal mehrmals, manchmal nur einmal.

Zwischen Unwissen und Gleichgültigkeit

Warum konnte die Autofahrerin hier nicht einen Bogen machen? Der Autofahrer nicht abwarten, bis nach der Verkehrsinsel Platz ist? Eine Bodenwelle, ein Schlagloch, eine Windböe und der Abstand reicht vielleicht nicht mehr aus. Dann kommt es zum Unfall, der den Radfahrenden entweder ins Krankenhaus oder unter die Erde bringt. Weshalb geht man dieses Risiko als Autofahrender ein?

Vielleicht ist es Gleichgültigkeit, vielleicht Stress und Zeitdruck, eventuell können einige Menschen sich aus dem geschützten Raum „Auto“ auch nicht in den Radfahrenden hineinversetzen, für den sich das Überholmanöver nicht gut anfühlt. Aber auch Unwissen über die geltenden Verkehrsregeln kann eine Ursache sein.

Im Fall heute Morgen hat der dänische Autofahrer sicher nicht gewusst, dass ich auf die Fahrbahn gehöre und auch nicht, dass in Deutschland beim Überholen von Fahrrädern innerorts 1,5 Meter Abstand eingehalten werden müssen und außerorts sogar 2 Meter. In Dänemark gibt es dieses Abstandsgebot nämlich nicht. Dennoch rechtfertigt das keine solche Gefährdung.

Entspannt euch einfach

Straßenverkehr ist ein Miteinander, kein Gegeneinander. Leider vergessen viele Menschen hinterm Steuer, dass sie eine potenziell tödliche Maschine bewegen, die andere schwer und sogar tödlich verletzen kann. Auch auf Fahrrädern sitzen Menschen, die abends heile zu ihrer Familie zurückkehren möchten. Das muss zurück ins Bewusstsein. Nichts kann so eilig oder wichtig sein, dass für ein paar Sekunden Zeitgewinn Leben gefährdet wird. Entspannt euch einfach.