Gesellschaft

Vom Flüchtlingslager nach Sonderburg: Hanane Gheiths Blick auf gelungene Integration

Die 49-jährige Hanane Gheith arbeitet ehrenamtlich als Vorsitzende des Integrationsrats in Sonderburg.

Als neunjähriges Mädchen kam Hanane Gheith aus einem Flüchtlingslager aus dem Libanon nach Dänemark. Heute leitet sie den Integrationsrat der Kommune Sonderburg und arbeitet als Projektleiterin für Sprachprojekte an der Sozial- und Gesundheitsschule in Apenrade. Sie erzählt, wie sie Integration zwischen zwei Kulturen erlebt und warum Sprache Macht bedeutet.

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Zusammenfassung

  • Hanane Gheith leitet den Integrationsrat in Sonderburg und fördert an der Sozial- und Gesundheitsschule Apenrade Mehrsprachigkeit und sprachsensiblen Unterricht.
  • Für sie basiert gelungene Integration auf Sprache, Respekt, Zuverlässigkeit und der Anerkennung von Mehrsprachigkeit als Stärke.

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Wie gelingt Integration? Darüber kann Hanane Gheith aus eigener Erfahrung sprechen: Sie kam als neunjähriges Kind aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon nach Dänemark. Integration erlebte sie in ihren ersten Jahren zunächst als dauerndes Unterwegssein zwischen zwei Welten. In Sonderburg (Sønderborg) engagiert sie sich heute als Vorsitzende des Integrationsrates, beruflich arbeitet sie als Projektleiterin für Sprachförderung an der Sozial- und Gesundheitsschule in Apenrade (Aabenraa).

„Ich habe meine Wurzeln in Palästina und habe eine arabische Herkunft. Seit ich in Dänemark bin, stehe ich in der Mitte und versuche, beide Enden zusammenzubringen“, sagt sie. Die Familie lebte in der Flüchtlingssiedlung Baalbak im Libanon, bevor sie 1986 nach Dänemark zog. „Die ersten Jahre in Dänemark waren wie ein Tanz, dessen Schritte ich nicht kannte“, erinnert sie sich.

Viele entschuldigen sich fast für ihre Existenz, weil sie Dänisch nicht vollständig beherrschen.

Hanane Gheith

Was hat ihr bei der Integration in ein fremdes Land geholfen? Prägend waren Sommeraufenthalte bei dänischen Familien, sagt sie. Beim Camping in Esbjerg erlebte sie, wie ihre Gastfamilie beim Grillen Rücksicht auf ihre religiösen Regeln nahm. Auf dem Grill lagen Medister-Würste mit Schweinefleisch, doch die Gastmutter hielt für die muslimischen Kinder Alternativen bereit. 

„Das hatte sie unseren Eltern versprochen, und da dachte ich: Natürlich gibt es Unterschiede zwischen uns. Aber am Ende sind wir alle Menschen“, erzählt Hanane Gheith. „Im Grunde geht es darum, ein anständiger Mensch zu sein, unabhängig von Religion, Herkunft oder Tradition.“

Der erste Wohnsitz der Familie von Hanane Gheith war in Broacker (Broager).

Heute hilft sie anderen bei der Integration. Beruflich arbeitete sie als Volksschullehrerin, als Ehrenamtliche in einem Frauenhaus und als Leiterin von Konsultationsgesprächen mit mehrsprachigen Familien. „In diesen Gesprächen versuche ich, dass niemand durch die Ritzen fällt“, sagt sie.

Sprache als Schlüssel zum guten Leben

An der Sozial- und Gesundheitsschule ist sie verantwortlich für Sprachprojekte und verbindet sprachliche Feinheiten mit kulturellen Fragen des Berufsalltags. „Sprache kann sowohl vereinen als auch trennen“, sagt sie. „Wenn man sich in einer Sprache nicht so gut ausdrücken kann, macht das etwas mit einem. Man ist weniger selbstbewusst, und je nachdem, wie man spricht, nehmen dich die Menschen wahr.“

Sie weiß: Winzige Nuancen in der Sprache können sowohl einladen als auch abweisen. „Sprache kann der Schlüssel zu einem guten Leben sein, weshalb Lehrerinnen und Lehrer ihre vornehmste Aufgabe darin sehen, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, sowohl die kulturellen als auch die sprachlichen Codes zu entschlüsseln.“

Sobald jemand weiß, was ein Tisch ist, ist der Weg zum dänischen Wort ‚bord‘ nicht mehr so weit.

Hanane Gheith

Im Sprachcafé von „Sosu Syd“ setzt sie daher auf „Translanguaging“: Die Schülerinnen und Schüler nutzen zunächst ihre Herkunftssprache, schlagen Begriffe nach und übersetzen dann ausgewählte Wörter ins Dänische zurück. „Wir erlauben ihnen, zunächst in der eigenen Sprache zu denken und zu reflektieren“, sagt sie. „Sobald jemand weiß, was ein Tisch ist, ist der Weg zum dänischen Wort ‚bord‘ nicht mehr so weit.“

Mit Sprachporträts machen die Lernenden sichtbar, welche Sprachen sie beherrschen und welche sie noch lernen wollen. „Viele entschuldigen sich fast für ihre Existenz, weil sie Dänisch nicht vollständig beherrschen“, beobachtet sie. Das Sprachporträt soll dieses Minderwertigkeitsgefühl aufbrechen.

Ehrenamt im Integrationsrat

Im Integrationsrat der Kommune Sonderburg engagiert sich Hanane Gheith seit zwei Jahren. In der neuen Amtsperiode hat sie den Vorsitz übernommen: „Integration bedeutet mir viel. Deshalb stelle ich mich als Vorsitzende zur Verfügung.“ Im Rat arbeiten Vertreterinnen und Vertreter aus sieben bis acht Nationalitäten gemeinsam mit Mitgliedern des Stadtrates ehrenamtlich. 

Wir sprechen heute sowohl Dänisch als auch Arabisch zusammen. Das wechselt je nach Gefühl.

Hanane Gheith

„Wir können sichtbar machen, wo eine besondere Anstrengung nötig ist“, beschreibt sie die Aufgabe. Der Rat beobachtet kommunale Pläne, kommentiert Vorhaben und zeigt Bereiche mit zusätzlichem Handlungsbedarf auf, etwa bei Willkommensklassen oder in der Zusammenarbeit mit Stadtteilmüttern. „Wir haben vor, unsere Sichtbarkeit zu erhöhen, das ist für uns Punkt eins“, sagt sie.

Auf die Situation in Sonderburg blickt sie differenziert. „Ich denke, es läuft gut in der Kommune Sonderburg“, sagt sie, sieht aber eine Lücke zwischen Medienbild und Alltag. „Die Medien zeichnen oft ein sehr karikiertes Bild, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.“ Sie wünscht sich mehr vorbeugende Initiativen und gleiche Maßstäbe in der Berichterstattung.

„Das ist für mich der schmerzhafte Teil der Integration“

In ihrem Familienleben hat sie persönlich erlebt, wie Integration und Identität miteinander ringen. In dem Fall zwischen Dänisch und Arabisch. Hanane Gheiths älteste Tochter Yasmin antwortete der Mutter anfangs auf Arabisch, dann meist auf Dänisch. „Da wurde mir klar: Sie muss natürlich auch verstehen, was Oma und Opa sagen“, erzählt Hanane Gheith. Die Tochter besuchte schließlich eine arabische Vorschulklasse und spricht heute Arabisch und Dänisch, arbeitet selbst am BC Syd und berät Jugendliche beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. „Wir sprechen heute sowohl Dänisch als auch Arabisch zusammen. Das wechselt je nach Gefühl.“

Die beiden jüngeren Kinder im Alter von 13 und 8 Jahren sprechen hingegen nur Dänisch. „Das ist für mich der schmerzhafte Teil der Integration“, sagt die Mutter.

Hanane Gheith ermutigt Eltern zur Mehrsprachigkeit. „Die Forschung zeigt, dass Kinder bis zu sieben Sprachen gleichzeitig lernen können, also nicht den Mut verlieren“, sagt sie. Für sie gelingt Integration, wenn Kinder sich in beiden Sprachen zu Hause fühlen und Mehrsprachigkeit als Ressource erleben.

„Sprache, gegenseitiger Respekt, verlässliche Versprechen und Neugier auf den anderen bilden für mich die Grundlage für ein gemeinsames Leben in Sonderburg.“