Karriere

Wie Julie im Wembley-Stadion vor 50.000 Fußballfans stand

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Julie Alsbro Thomsen ist Schiedsrichterin mit Leib und Seele

Die 23-jährige Apenraderin stand kürzlich mit drei weiteren Schiedsrichterinnen im legendären englischen Stadion. Was sie dabei erlebt hat und was sie antreibt, Fußballschiedsrichterin zu sein, erzählt sie im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Knapp 50.000 Zuschauerinnen und Zuschauer sind am 30. Mai im Londoner Wembley-Stadion. Millionen weitere verfolgen das Spiel der UEFA Women’s Nations League zwischen England und Portugal an den Bildschirmen. Als die englische Nationalhymne erklingt, singen Tausende mit – „God save the King“ hallt durch das Stadion. Für viele ein Gänsehautmoment.

Auch für Julie Alsbro Thomsen. Die 23-Jährige aus Apenrade steht an diesem Tag mitten auf dem Rasen – allerdings nicht als Zuschauerin, nicht als Spielerin, sondern als Schiedsrichterin, als sogenannte vierte Offizielle. Mit zwei dänischen Kolleginnen und einer österreichischen ist sie für die Spielleitung im wohl bekanntesten Fußballstadion Europas eingeteilt.

Sie wirkt konzentriert, als sie auf dem Rasen steht und die Ränge hochblickt. „Ein Moment, der so unwirklich für mich war“, sagt sie später, Wochen nach dem Spiel, auf dem Sofa der „Nordschleswiger“-Redaktion. „Überwältigend“, fasst sie den Moment zusammen.

Julie (2. v. r.) beim Einzug ins Wembley-Stadion

Der Weg zur Pfeife

Dass sie einmal in Wembley pfeifen würde, war damals kaum vorstellbar – als sie mit etwa 13 oder 14 Jahren selbst noch als Spielerin auf dem Feld stand. „Ich konnte manche Entscheidungen des Schiedsrichters nicht nachvollziehen, habe mich über rote Karten aufgeregt und gedacht, das kann doch nicht so schwer sein“, erinnert sie sich.

Also meldete sie sich zu einem Lehrgang an. Nur um sich selbst zu beweisen, dass sie es auch kann. „Ich wollte vielleicht zwei oder drei Spiele pfeifen.“ Heute weiß sie: So einfach ist das nicht. „Ich war bei meinem ersten Einsatz so nervös. Man schaut ja nicht nur Fußball, man muss sich dazu verhalten, was auf dem Platz passiert.“

Julie Alsbro Thomsen (r.) beim Spielerinnenwechsel

Erste Schritte – und erste Zweifel

Sie ist damals 15, steht auf dem Platz, leitet ein Jugendspiel – vor Gleichaltrigen. „Ich musste mich in der Rolle erst zurechtfinden. Die waren aber alle sehr nett zu mir“, sagt sie. Und trotzdem eine Herausforderung: Entscheidungen treffen, Haltung zeigen, sich nicht verunsichern lassen.

Was als kurzer Selbstversuch begann, wurde zur dauerhaften Aufgabe. Und mehr noch: zur Leidenschaft. „Ich habe das als Herausforderung gesehen – und es hat mit der Zeit einfach Spaß gemacht“, sagt sie.

Sie wächst an der Aufgabe, persönlich wie sportlich. Entscheidungen treffen und dazu stehen – das ist für sie längst nicht mehr nur auf dem Spielfeld wichtig.

Rückhalt, Ehrgeiz, Auslandseinsätze

Unterstützt wird sie von einem Mentor. „Wir haben fast täglich Kontakt – wir schreiben, telefonieren, bereiten Spiele vor und nach.“ Das gibt Sicherheit, sagt sie. Und es gibt Raum für Weiterentwicklung. Denn: Julie ist ehrgeizig. „Mich verbessern, mich ständig weiterentwickeln und bei größeren Spielen dabei zu sein – das treibt mich an.“

Inzwischen war sie bei internationalen Einsätzen in Griechenland, Slowenien, der Schweiz, in Portugal und Andorra. Wembley war dennoch etwas Besonderes.

Der große Moment

Zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff betritt sie das Stadion. Noch leer, noch ruhig. „Eine besondere Erfahrung, in so einem großen Stadion zu stehen – ohne Zuschauer“, sagt sie.

Vor dem Spiel müssen verschiedene Abläufe durchgegangen werden: „Der Ball wird überprüft, die Tore kontrolliert, die Kommunikation getestet – auch die Auswechseltafel.“ Sogar ein Tor hat sie dabei geschossen – zur Überprüfung der Tortechnik. Und dann kommt der Moment: Einlauf mit den Teams. Die Hymne. Der Adrenalinschub.

Nach dem Spiel werden die Szenen analysiert – auch, um den Kopf wieder klar zu bekommen. „Das hilft beim Adrenalinabbau“, sagt sie.

Erinnerungen an die ersten Jahre

Julie hat seit ihrem fünften Lebensjahr Fußball gespielt.

Die Bilder aus Wembley sind noch frisch. Und doch hat Julie die Anfänge in Nordschleswig nicht vergessen. Viele gute Erinnerungen – aber auch einige schwierige.

„Wenn die Eltern von der Seitenlinie ihre Kommentare in meine Richtung rufen – das sind Momente, die im Kopf bleiben.“ Besonders schwierig: als Jugendliche mit Erwachsenen zu diskutieren. „Wenn ich als 15-Jährige auf dem Platz stehe und eine 30-jährige Mutter schimpft – und ich ihr sagen muss, sie soll damit aufhören. Das ist doch unnötig“, sagt sie.

Solche Erlebnisse seien mit ein Grund, warum viele junge Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter früh aufhören. „Es ist schade, dass sich erwachsene Menschen so verhalten und Schiedsrichter abschrecken.“

Beschimpfungen gehören dazu

Auch heute noch müsse sie sich als Schiedsrichterin und Schiedsrichter Beschimpfungen gefallen lassen. Das sei ja normal und gehöre zum Sport dazu. Aber manchmal, im Falle der Schiedsrichterinnen, sind es auch solche, die das Frauenbild angreifen. „Ich sage mir dann, dass es nicht ein Angriff auf mich als Frau, sondern als Schiedsrichterin ist, dass meine Entscheidung angezweifelt wird, nicht aber meine Expertise und schon gar nicht, weil ich eine Frau bin“, erklärt Julie.

Gut findet sie, dass es immer mehr Frauen gibt, die im Sport Funktionen übernehmen, die sonst vorrangig männlich geprägt waren: Sportreporterinnen, Sportkommentatorinnen – und eben auch Schiedsrichterinnen.

Ein Vorbild für andere

So möchte Julie auch ein Zeichen setzen – für andere Mädchen und junge Frauen. „Mädchen können auch Schiedsrichterin werden.“ Das ist die Botschaft, die sie weitergeben möchte. Nicht mit großen Worten – sondern durch das, was sie tut.