Nachruf

Durch seine irre Idee erhielten junge Arbeitslose eine Zukunft

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So lernten ihn viele Apenraderinnen und Apenrader in den 1990er-Jahren kennen: Jens Christoffersen war zwölf Jahre lang ständig in Arbeitskleidung am Hafen zu finden – quasi immer in Rufnähe des Schiffes „Sikker Havn“.

Jens Christoffersen ist im Alter 79 Jahren gestorben. Er war in den 1990er-Jahren Initiator und später auch Leiter eines privaten Beschäftigungsprojektes. Der Name „Sikker Havn“ wurde damals EU-weit ein Begriff.

Der Wahl-Apenrader Jens Christoffersen hat in den 1990er-Jahren durch seine Initiative Hunderten von jungen Menschen aus Nordschleswig wieder eine Perspektive gegeben. Am 13. Januar ist der Vater des Beschäftigungsprojektes „Sikker Havn“ im Alter von 79 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Der Trauergottesdienst findet am Sonnabend, 18. Januar, ab 11 Uhr in der Nicolaikirche statt.

Wahrscheinlich weil er am eigenen Leib erfahren hatte, was Beschäftigungslosigkeit für das Selbstwertgefühl eines Menschen bedeuten kann, entwickelte der gebürtige Kopenhagener Anfang der 1990er-Jahre eine Idee, wie der Perspektivlosigkeit vieler junger Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger entgegengewirkt werden könne. Christoffersen selbst war als junger Mann in den Landesteil gekommen, weil sein bester Freund und (Hobby-)Musikerkollege der Liebe wegen dorthin gezogen war.

Wie es das Schicksal wollte, verlor auch Jens Christoffersen dort fernab der Kopenhagener Heimat sein Herz an eine junge Frau, eine Kollegin seines Freundes. Die Mutter von zwei kleinen Kindern war erst kurz davor verwitwet und nach eigenen Worten „noch nicht gar bereit für eine neue Liebe“. Doch Jens Christoffersen ließ nicht locker und schließlich ergab sich seine Angebetete seinem Werben. „Uns waren 30 wunderbare und spannende gemeinsame Jahre vergönnt“, erzählt Jo Christoffersen.

Beide waren politisch – im volkssozialistischen Parteienspektrum – engagiert. Beide waren kreativ: Er war ein tüchtiger Bassgitarrist, sie vor allem künstlerisch und kunsthandwerklich begabt. So haben sich die beiden an ihrem Eigenheim am Højholt in der einstigen Garage eine gemeinsame Kreativwerkstatt eingerichtet. Er hatte ein vollausgestattetes Tonstudio und sie eine komplette Nähstube.

Dieses maßstabsgetreue Modell von der „Sikker Havn“ hat Jørgen V. Casse gebastelt.

Christoffersens verrückte Idee

Kein wirklicher Schulabschluss, keine Berufsausbildung, lange Erwerbslosigkeit – das war damals der Alltag vieler jüngerer Menschen im Grenzland. Christoffersens Grundgedanke: Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger sollten nicht einfach Blätter in den Grünanlagen der Kommune von A nach B fegen, sondern eine echte Aufgabe erhalten. Er selbst fand nach seinem Umzug nach Nordschleswig auch keine Arbeit als Bautischler. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde von ihm stupides Schraubensortieren verlangt. Das gefiel ihm gar nicht. Was sollte das? Warum nicht ein ganzes Frachtschiff in ein Schulungs- und Konferenzschiff umbauen, so seine verrückte Idee.

Ideen haben viele, aber Christoffersen setzte seine mithilfe von einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auch um. 1992 lief ein kleines Frachtschiff im Apenrader Hafen ein. Mit der „M/S Flornes“ hatte er in Norwegen ein geeignetes Schiff aufgetan.

Kosten: Rund 50 Millionen Kronen

Ein Foto aus dem Privatarchiv: Jens Christoffersens (r.) Begeisterung und Überzeugung war ansteckend. Auf dem Foto überreicht ihm der damalige Gewerkschaftsboss Finn Thorgrimson höchstpersönlich einen Scheck in Höhe von einer Viertel Million Kronen und kam eigens deshalb nach Apenrade.

Das Umbauprojekt dauerte zwar lange und auch länger, als es der Projektleiter selbst gedacht hatte, aber immer strengere Sicherheitsauflagen nach verheerenden Schiffsunglücken (Estonia, Scandinavian Star) machten immer wieder Umrüstungen erforderlich. Einigen dauerte der Umbau auch zu lange und einige hielten die Projektkosten von rund 50 Millionen Kronen auch für zu teuer. Tatsache ist: Knapp zwölf Jahre später, im August 2004, konnte die einstige „Flornes“ unter dem neuen Namen „M/S Sikker Havn“ nach Svendborg tuckern.

Der dortige Direktor von „Stevns Shipping“, Niels Højlund Hansen, hatte das umgebaute Passagierschiff zu einem Schnäppchenpreis erstanden. „14 Millionen Kronen zahlte er damals“, erinnert sich Christoffersens Witwe Jo. Das Schiff ist in den Folgejahren tatsächlich als Schulungs- und Konferenzschiff primär durch den Ostseeraum geschippert und wurde auch als Hotelschiff eingesetzt. „Das Schiff wechselte 2008 den Eigner und heißt seitdem ,Sakarya‘ und fährt – meines Wissens – noch heute durch die griechische Inselwelt“, erzählt Jo Christoffersen.

An die 500 Frauen und Männer haben im Laufe der zwölf Jahre jeweils sechs bis 15 Monate an dem Beschäftigungsprojekt im Apenrader Hafen teilgenommen. Wenn man allerdings bedenkt, dass um die 70 Prozent, so dieser meist noch sehr jungen Leute den Weg in ein selbstfinanziertes Leben fand und zu steuerzahlenden Menschen wurde, dann ist die sozio-ökonomische Rechnung wohl dennoch voll aufgegangen.

Privates Beschäftigungsprojekt

Jens Christoffersen (l.) war ein leidenschaftlicher Musiker. Schon als Teenager war er Bassist einer Band in seiner Kopenhagener Heimat. Als sein Freund Max Holgersen (2. v. r.) nach Nordschleswig „auswanderte“, folgte er ihm. In Apenrade fanden die beiden auch schnell Gleichgesinnte. Mit Carl King (2. v. l.) und Kiehn Ærensgaard (r.) war die musikalische Freundschaft besonders eng.

Das Besondere an dem Projekt „Sikker Havn“ war die Tatsache, dass es sich um ein privates Beschäftigungsprojekt handelte. Es wurde unter anderem von der gesamten Gewerkschaftsbewegung, LO Dänemark, dem damaligen Amt Nordschleswig, dem Arbeitsministerium, der Kommune Apenrade sowie mehreren anderen Kommunen, dem EU-Sozialfonds, privaten Stiftungen, Unternehmen und vielen anderen unterstützt und gefördert.

Arbeitslose – meist jüngere – Männer und Frauen gewannen durch ihre Mitarbeit nicht nur eine fachliche Qualifikation, sondern erhielten auch menschliche Kompetenzen. „Sikker Havn“ war zudem das erste Beschäftigungsprojekt, das Lehrlinge ausbilden durfte. „Der Nordschleswiger“ berichtet am 9. November 1994 von zwei jungen Sozialhilfeempfängern, die damals als Erste jeweils einen Lehrvertrag als Kleinschmiede erhielten. Später sind auch Bautischler, Möbelschreiner, Schweißer und andere Berufe hinzugekommen.

Positive Medienpräsenz

Jens Christoffersen erlitt vor zehn Jahren einen Blutpfropfen, der ihn zwar körperlich beeinträchtigte, aber nicht unterkriegen konnte. Gegen ein hinzukommendes Krebsleiden kämpfte er jedoch letztlich vergeblich an.

Das Vorzeige-Projekt wurde von zahlreichen Unternehmen und Beschäftigungsprojekten aus dem In- und Ausland besucht. Christoffersen brachte die Stadt Apenrade mit „Sikker Havn“ positiv in die Medien. Es war zu der Zeit Nordeuropas größtes Beschäftigungsprojekt.

Befreundete Musiker haben seinerzeit ein Lied mit dem Titel „Sikker Havn“ komponiert; die ersten Zeilen sind allein dem Ideengeber Jens gewidmet. Dieses Lied wird am Sonnabend auch im Rahmen des Trauergottesdienstes in der Nicolaikirche gespielt.