Brauchtum

Der Holzstorch und seine wahre Geschichte: Wie eine kreative Idee aus Röllum zur Tradition wurde

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Gert Johannsen ist der handwerklich Begabte und Peter Rosenberg Bladt der Ideengeber: Inzwischen ist der Holzstorch vor dem Haus von frischgebackenen Eltern zur Tradition geworden.

Der Holzstorch vor Häusern frisch gebackener Eltern gilt als alte Tradition – doch stimmt das wirklich? Eine originelle Idee aus Röllum in den 1980er-Jahren wurde zur beliebten Sitte. Die überraschende Geschichte hinter dem Brauch erzählt Peter Rosenberg Bladt.

Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat sich „Sønderjysk Forening“, der Verein zur Wahrung der nordschleswigschen Sprache und den nordschleswigschen Traditionen, selbst ein Buch geschenkt.

Das Buch, das als eine Art Nachschlagewerk konzipiert ist, enthält außer interessanten Aufsätzen über Besonderheiten des Landesteils auch mindestens eine Überraschung: Der Holzstorch vor oder auf dem Haus frisch gebackener Eltern ist keine alte Tradition. Auf jeden Fall ist dieser Brauch nicht so alt, wie sicherlich viele denken.

Denn Peter Rosenberg Bladt hatte die Idee im Jahr 1987, und zusammen mit seiner damaligen Freundin und seinem handwerklich begabten Kumpel Gert Johannsen wurde diese Idee dann auch umgesetzt. Alle drei lebten zu der Zeit in Röllum, einer kleinen Ortschaft südwestlich von Apenrade (Aabenraa), direkt an der Autobahn.

Vaterfreuden eines Kumpels brachten die Hirnzellen zum Rotieren

Ein Freund des Trios sah Vaterfreuden entgegen. Dessen Frau war hochschwanger; tagtäglich gab es Nachfragen von Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis, ob denn schon ein Kind gekommen sei. Auch wenn die Fürsorge nett gemeint war, so soll die ständige Fragerei die werdenden Eltern dann doch genervt haben: „Ihr erfahrt es schon, wenn es passiert!“ – So hat Peter Rosenberg Bladt die Vorgeschichte in Erinnerung.

Dieser Satz scheint ihn getriggert zu haben. Er ist offensichtlich ein Mann mit Ideen, der auch mal „out of the box“ denkt, wie es auf Neudeutsch heißt, wenn man vermag, über den Tellerrand hinauszuschauen. Und so hatte der damals noch junge Röllumer die verrückte Idee, einen Riesenstorch vor dem Haus des befreundeten Paares zu platzieren. Dann wüssten alle, dass das Baby gekommen sei, so der Gedanke. „Es war die Zeit vor Facebook und anderen sozialen Medien“, gibt Peter Rosenberg Bladt zu bedenken.

Keine Storchenfigur aufzutreiben

Der örtliche Schmied hatte einen großen Plastikstorch an seinem Goldfischteich im Garten aufgestellt. Einen solchen hatte er anfangs in Gedanken. „Ich konnte aber nirgendwo einen auftreiben“, erzählt er dem „Nordschleswiger“.

Er erinnerte sich an ein tolles Storchenfoto in einem Jagdbuch seines Vaters; seine damalige Freundin pauste das Foto ab, skalierte es hoch und machte eine Art Schnittmuster. „Wenn ich schon keinen Plastikstorch auftreiben konnte, dann musste er eben aus Holz sein. Da ich aber handwerklich nicht wirklich geschickt bin, habe ich Gert gefragt. Er ist schließlich gelernter Tischler“, so Peter Rosenberg Bladt.

„Ich war anfangs so gar nicht von der Idee überzeugt“, muss der besagte Kumpel Gert allein beim Gedanken schmunzeln. Er ließ sich jedoch überreden. Nachdem der Holzstorch von der kreativen Freundin angemalt worden war, waren die beiden eigentlich zufrieden mit dem Ergebnis. Von Weitem sah die Figur nahezu täuschend echt aus.

Eine neue Idee

Der Zeitungsartikel aus „Jydske Tidende“ vom 13. Mai 1987

Ursprünglich wollten sie den Storch nur vor die Tür stellen, doch dann sah Peter Rosenberg Bladt bei der Schmiede ausgediente Wagenräder stehen.

Nun sollte der Storch doch auch ein eigenes Nest haben, so seine Idee, und zwar auf dem Schornstein des neu renovierten Reetdachhauses. Idylle pur.

Peter Rosenberg Bladt musste erneut Überzeugungsarbeit leisten, erst bei Gert und dann auch bei weiteren Freunden. Das Projekt benötigte inzwischen mehr Muskelkraft, um das Wagenrad mitsamt Storch auf dem Schornstein zu platzieren.

Akrobatische und gefährliche Aktion

„Das hätte böse enden können“, sind sich die beiden Freunde inzwischen im Klaren. Sie waren beide mit der schweren Last auf den Schultern auf eine Leiter geklettert und hatten das Wagenrad auf dem Schornstein platziert. „Gert ist auf der Leiter über mich rübergeklettert und hat das Wagenrad nach oben gewuchtet“, ist Peter Rosenberg Bladt auch fast 38 Jahre später voller Bewunderung über die Kraft und den Wagemut seines Freundes.

Die Geschichte ging damals durch die Presse. Röllum wurde nahezu zu einer Art Wallfahrtsort. Viele wollten das Storchennest auf dem Dach sehen. Es war lange ein beliebtes Fotomotiv.

Peter Rosenberg Bladt vermutet, dass seine Idee so auch andere Leute inspirierte. Plötzlich war der Holzstorch vor der Tür oder auf dem Dach populär.

Der kleine Prinz von Mögeltondern

Das hat schon jahrelange Tradition: Die Geburt jedes Erdenbürgers im Auenland (Bülderup-Bau/Renz/Jündewatt) wird mit einem Holzstorch gefeiert (Archivfoto).

„Bei der Geburt des ersten Prinzen auf Schloss Schackenborg in Mögeltondern wurde auch ein Holzstorch aufgestellt. Dieses Bild ging damals um die Welt“, erinnert sich Rosenberg Bladt.

Als die damalige Historikerin Inge Adriansen vom Museum im Sonderburger Schloss zu erkunden suchte, woher die Tradition des Holzstorches eigentlich kommt, schien sie nicht so recht an den Ideenreichtum der Röllumer zu glauben. Sie vermutete vielmehr, dass zugereiste Niederländer den Storch aus deren Heimat mitgebracht hätten.

„Ich habe eine befreundete Holländerin gebeten, in Erfahrung zu bringen, ob es dort tatsächlich diese Tradition gibt. Aber sie hat keinerlei Belege dafür gefunden“, sagt Peter Rosenberg Bladt. Er geht deshalb weiterhin davon aus, dass er den „alten Brauch“ erfunden hat. Er kann es zumindest mit einem Zeitungsbericht von Mai 1987 belegen.