Kritische Infrastruktur

Was, wenn Hacker das Wasser abdrehen? – Nordschleswigs Versorger ziehen Konsequenzen

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Symbolfoto: Ein Hacker versucht, sensible Daten wie Passwörter aus einem Computersystem zu stehlen – ein Sinnbild für die wachsenden Herausforderungen im Bereich der Cybersicherheit.

Arwos, Provas und Tønder Forsyning vereinigen ihre computertechnischen Abteilungen, um Ressourcen besser nutzen zu können, die digitale Entwicklung voranzutreiben und ihre Infrastruktur sicherer und effizienter zu gestalten.

Drei kommunale Versorgungsunternehmen aus Nordschleswig – Arwos (Apenrade/Aabenraa), Provas (Hadersleben/Haderslev) und Tønder Forsyning (Tondern/Tønder) – bündeln ihre IT-Kompetenzen.

Unter dem Namen „Forsyningsservice Syd ApS“gründen sie ein gemeinsames Tochterunternehmen, das künftig die IT-Betreuung sowie die Cybersicherheit für alle drei Versorger verantworten soll. Ziel ist es, kritische Infrastrukturen besser vor digitalen Angriffen zu schützen – und Synergien zu schaffen, wo individuelle Lösungen an Grenzen stoßen.

„IT und Digitalisierung nehmen immer mehr Raum ein – und als Betreiber kritischer Infrastruktur sind wir besonders anfällig für Cyberkriminalität“, erklärt Ole Damm, Direktor von Arwos. „Durch das gemeinsame Unternehmen sind wir besser in der Lage, Herausforderungen zu bewältigen, die für jeden Einzelnen zu groß wären.“

Die neue Gesellschaft wird nicht nur für mehr IT-Sicherheit sorgen, sondern auch ein attraktives Arbeitsumfeld für spezialisierte Fachkräfte schaffen – eine Ressource, die in kleineren Versorgungsunternehmen schwer zu gewinnen und langfristig zu halten ist. Trine Hadrup, Direktorin von Tønder Forsyning, betont: „Durch den Zusammenschluss können wir Know-how bündeln, die Sicherheit erhöhen und gleichzeitig lokale Arbeitsplätze sichern.“

Erfahrungen aus schmerzhaftem Vorfall

Ole Damm, Arwos, Trine Hadrup, Tønder Forsyning, und Esge Homilius (v. l.), Provas, setzen große Erwartungen in die neugegründete IT-Gesellschaft.

Gerade Tønder Forsyning weiß aus erster Hand, wie schnell ein Cyberangriff Realität werden kann: Am 10. Dezember 2020 legte ein großangelegter Hackerangriff nahezu alle Systeme des Versorgers lahm. Innerhalb von Minuten wurden 50 Terabyte Daten gelöscht – die Angreifer nutzten eine bislang unbekannte Sicherheitslücke in der Telefonanlage aus, ein sogenannter „Zero-Day-Angriff“. Anschließend breitete sich die Schadsoftware rasch über interne Server bis zu Steuerungssystemen für Wasser und Abwasser aus.

Nur durch das schnelle Eingreifen der IT-Abteilung, die buchstäblich alle Serverkabel herausriss, konnte noch größerer Schaden verhindert werden. Dennoch war Tønder Forsyning wochenlang offline – ohne funktionierende IT-Systeme, ohne Alarme in Kläranlagen, ohne Kundenzugang.

„Wir waren buchstäblich 30 Jahre zurückgeworfen worden“, sagte Betriebsleiter John Pies Christiansen damals. „Die Kollegen mussten wieder per Hand kontrollieren, was sonst automatisiert abläuft.“

Internationale Hilfe und teure Lehren

Glück im Unglück: Tønder Forsyning hatte eine Cyberversicherung abgeschlossen, die die Kosten für die aufwendige Wiederherstellung der Systeme übernahm. Internationale IT-Sicherheitsexpertinnen und -experten aus Großbritannien und den USA – ein sogenanntes Red Team – unterstützten die dänischen Behörden und das Tonderner Unternehmen beim Wiederaufbau.

Ohne deren Hilfe wären die Stadtwerke der Wiedaustadt nicht so schnell wieder arbeitsfähig gewesen. Die Experten fanden Hinweise auf IP-Adressen aus Litauen, Frankreich und der Schweiz als mögliche Ursprungspunkte des Angriffs. Lösegeldforderungen in Bitcoin, wie sie bei solchen Attacken üblich sind, wurden nicht erfüllt – eine Entscheidung, die Polizei und Nachrichtendienste ausdrücklich begrüßten. „Wir haben durch diesen Hackerangriff jedoch wichtige Erfahrungen gemacht und haben dadurch eine Expertise gewonnen, wie das IT-System besser und sicherer aufgebaut sein muss. Die haben wir natürlich in diese neue Zusammenarbeit eingebracht“, sagt Trine Hadrup auf Anfrage des „Nordschleswigers“.

Seither setzt Tønder Forsyning auf strikte Sicherheitsprotokolle, getrennte Netzwerke für kritische Systeme, Zwei-Faktor-Authentifizierung und Zugangsbeschränkungen für externe Beraterinnen und Berater.

„In der aktuellen weltweiten Lage ist es so, dass Hacker immer raffinierter werden. Deshalb müssen wir ihnen stets einen Schritt voraus sein“, sagt die Tonderner Direktorin und betont, wie wichtig es sei, ein starkes fachliches Umfeld zu schaffen. „Bislang verfügte jedes der drei Unternehmen über eine eigene, vergleichsweise kleine IT-Abteilung. Durch das gemeinsame Unternehmen können diese Ressourcen gebündelt und die Expertise gezielt gestärkt werden – zum Vorteil aller Beteiligten.“

Ein gemeinsamer Schritt in die digitale Zukunft

Mit „Forsyningsservice Syd ApS“ ziehen die drei nordschleswigsche Versorger nun die Konsequenzen aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre. Die Hoffnung: mehr Sicherheit, höhere Effizienz, geringere Kosten – und nicht zuletzt ein besserer Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor Ausfällen in der Wasserversorgung oder Abwasserentsorgung durch Cyberattacken.

„Zusammenarbeit ist für uns nichts Neues – aber dieses Projekt gibt uns den Rahmen, uns gemeinsam auf einem Niveau weiterzuentwickeln, das für den Einzelnen allein nicht erreichbar wäre“, sagt Esge Homilius, Geschäftsführer von Provas.

Die neue Gesellschaft soll nicht nur technisch aufrüsten, sondern auch strategisch wirken: Mit gebündeltem Know-how will man auf Entwicklungen reagieren, bevor sie zur Bedrohung werden. Denn eines steht für alle Beteiligten fest – die nächste Cyberattacke kommt bestimmt. Die Frage ist nur: Wann?

Der IT-Verantwortliche von Provas in Hadersleben, Thomas Thimsen, wird die Position des IT-Leiters bei Forsyningsservice Syd übernehmen. „Die angeschlossenen Haushalte werden die geänderte Organisationsstruktur nicht bemerken“, ist er überzeugt. Schließlich berühren die Veränderungen zunächst die administrativen Abläufe und die operationelle Technologie für die Steuerung von zum Beispiel Wasserwerken und Kläranlagen.

Organisation von Forsyningsservice Syd ApS