Stadtentwicklung

Ein Kühlschrank aus dem „Ghetto“: Nørager lebt woanders weiter

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Carsten und Jenny Bleicken haben einen gebrauchten Kühlschrank gekauft und fahren diesen nun zum Sommerhaus nach Nordalsen.

Das Wohngebiet Nørager in Sonderburg ist als „Ghetto“ klassifiziert und muss abgerissen werden. Doch die rund 240 Wohnungen sind Baujahr 1973 und viele Materialien und Einrichtungsgegenstände noch nutzbar. Ein Abriss mit Recyclingwert.

Weg mit den Wohnblöcken, obwohl die Bausubstanz noch gut und die Einrichtung funktional ist: Der Abriss der zehn Wohnblöcke in Nørager im Norden Sonderburgs hat in den vergangenen Jahren für Diskussionen gesorgt.

Weil die dänische Politik den Stadtteil jahrelang als „Ghetto“ klassifiziert hat, muss die Kommune Sonderburg die Wohnblöcke entfernen – Ressourcenverschwendung hin oder her.

In Absprache mit dem Bauherrn und einem wohltätigen Verein versucht man nun zu retten, was zu retten ist. Am Mittwoch fand erstmals ein Abverkauf von noch brauchbaren Gegenständen statt.

„Der nachhaltige Gedanke dahinter hat uns gut gefallen“

Wer möchte, kann sich für 250 Kronen ein gebrauchtes Gästeklo aus dem „Ghetto“ kaufen.

Carsten und Jenny Bleicken aus Meels (Mjels) waren zwei von weit über hundert Interessierten, die am Mittwoch nach Nørager kamen. Sie kauften sich für 500 Kronen einen Kühlschrank für ihr Ferienhaus in Købingsmark.

„Wir brauchten einen Kühlschrank fürs Sommerhaus, als wir von dieser Aktion gehört haben. Warum einen Neuen kaufen, wenn man hier einen gebraucht erwerben kann und das Geld auch noch einem guten Zweck zugutekommt“, sagt Jenny Bleicken.

„Der nachhaltige Gedanke dahinter hat uns gut gefallen“, so ihr Mann Carsten, der den Kühlschrank vor Ort bezahlte, auf einen Sackwagen hob und zum Auto schob.

Überschuss aus dem Verkauf geht ans „Julemærkehjem“

Johann Rasmussen ist einer von Dutzenden Ehrenamtlichen, der beim Abverkauf der Nutzgegenstände hilft. Sobald diese Kühlschränke verkauft sind, schafft das Abrissunternehmen neue herbei. Rund 240 Wohnungen werden entkernt.

Hinter der Aktion mit dem „Ghetto-Genbrug“ stehen die Wohngenossenschaft „Sønderborg Andelsboligforening“ und das Bauunternehmen „SIB Byggeri“, das neue Gebäude vor Ort errichten wird.

Der Verein „Y’s Men’s Club Alssund“ hat sich der Aufgabe angenommen, Küchengeräte, Toiletten, Lampen, Tische und Herde zu verkaufen – und zwar für den guten Zweck. „Die Einnahmen kommen dem ‚Julemærkehjem‘ zugute“, verrät Ehrenamtlicher Johann Rasmussen. Die Organisation „Julemærkehjem“ kümmert sich um übergewichtige Kinder.

Hunderte Geräte aus den Nørager-Gebäuden stehen zum Verkauf. Sobald der Gebrauchtwarenplatz leer ist, liefert die Abrissfirma neue Gegenstände aus den Wohnungen.

„Wir sind nicht überrascht, dass so viele vorbeigekommen sind. Es ist eine gute Sache, Gebrauchtes zu kaufen, und das hat sich herumgesprochen“, sagt Rasmussen.

Beim Abriss der insgesamt zehn Wohnblöcke auf Nørager in Sonderburg setzt das Unternehmen „Torben Clausen“ konsequent auf nachhaltige Methoden und Recycling von Baumaterialien.

Die Dachstühle werden abmontiert und auseinandergenommen. Die tragenden Holzbalken werden beim Aufbau des neuen Gebäudes wiederverwertet.

Projektleiter Michael Jensen berichtet: „Wir machen eine selektive Demontage. So recyceln wir so viele Materialien wie möglich.“ Holz, Beton sowie die Fassadenplatten leben weiter. Nur belastete oder mit Schadstoffen durchsetzte Materialien wie Dämmstoffe oder alte Farbanstriche müssen ordnungsgemäß entsorgt werden.

Kleinere Holzelemente landen in der Verbrennungsanlage des kommunalen Wärmeversorgers.

Jensen erläutert weiter: „Die übrigen Materialien werden abgetragen und wiederverwendet. Beton wird gesäubert und recycelt. Ich würde schätzen, wir liegen bei etwa 90 Prozent – das ist schon eine Hausnummer.“

Projektleiter Michael Jensen vor einem Gebäude, von dem die Fassade teilweise bereits entfernt ist

Bei der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen „SIB“ sei besonders hervorzuheben, dass die zurückgebauten Betonelemente für den Neubau weiterverwertet werden. Auch Holz aus den Dachkonstruktionen wird entnommen, zugeschnitten und im neuen Bau eingebaut: „Alles Holz, das wir aus der Dachkonstruktion nehmen, wird im neuen Gebäude wieder genutzt“, so Jensen.

Auf Nørager sollen auf dem Gelände der zehn Wohnblöcke insgesamt 48 Reihenhäuser entstehen.

Die erste Etappe des Abrisses umfasst die ersten fünf Blöcke und erstreckt sich etwa über ein Jahr. Nach dieser Phase gibt es eine Pause, während der das Unternehmen „SIB“ mit dem Neubau beginnt. Danach startet die zweite Abrissetappe, die ebenfalls rund ein Jahr dauern wird.

Ein langsamer und nachhaltiger Abriss hat in Nørager begonnen. Rund ein Jahr lang wird es dauern, bis die ersten fünf Blöcke entfernt sind.

Jensen erklärt dazu: „Wenn man Dinge wie hier sauber abbaut und voneinander trennt, dauert das einfach länger – aber es lohnt sich.“ Er sagt auch: „Es dauert seine Zeit, wenn man nicht mit dem Abbruchhammer einfach alles zerstört.“

„Was wiederverwendet werden kann, soll auch wiederverwendet werden“

Hans Skov hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch zum Abriss geäußert und sagt: „Was für eine Verschwendung von Ressourcen. Die Gebäude waren in einem guten Zustand, und es ist völliger Wahnsinn, die Wohnblöcke abzureißen. Das war guter Wohnraum, und die Menschen haben gerne hier gelebt.“

Bürgermeister Erik Lauritzen (Sozialdemokratie) zeigte sich am Mittwoch begeistert vom nachhaltigen Ansatz beim Abriss der Wohnblöcke. „Ich finde es eine fantastische Idee, dass weiße Ware und andere brauchbare Teile wiederverwendet werden.“

Auch bei Holz und anderen Restmaterialien lege die Kommune Wert auf Wiederverwertung: „Was wiederverwendet werden kann, soll auch wiederverwendet werden. Das haben wir den Projektpartnern auch so gesagt.“

Für Lauritzen ist diese Art von Kreislaufwirtschaft ein Gebot der Stunde: „Ich glaube, in ein paar Jahren kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass man es anders macht.“

Zur Eröffnung der Verkaufsaktion hob Bürgermeister Erik Lauritzen mit dem Kran den Dachstuhl vom Gebäude Nørager 1 im Hintergrund.

Zwar werde es immer gewisse Materialien geben, die entsorgt werden müssen, doch der Trend sei eindeutig: „Die Zeit, in der man einfach alles weggeworfen hat, ist vorbei.“ Auch bei künftigen Renovierungen, etwa an der Schule in Norburg (Nordborg), wolle man prüfen, welche Teile erhalten und wiederverwendet werden können.

Seinen eigenen Besuch bei der Aktion kommentiert Lauritzen augenzwinkernd: „Ich bin heute nur hier, um dieses gute Projekt zu unterstützen – ich habe heute nicht vor, etwas zu kaufen.“

Die Wiederverkaufsstation an der Adresse Nørager 1 ist an folgenden Tagen noch geöffnet: 7. und 8. August von 15 bis 18 Uhr sowie am 9. August von 9 bis 13 Uhr.