Naturschutzprojekt

Bäume fällen im Nørreskov: Wie Motorsäge und Artenvielfalt zusammenpassen

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Auf dem Weg zum Fladbæk Strand liegen hohe Stapel mit gefällten Bäumen zum Abtransport in die Sägewerke bereit.

Schon vor Jahren hat die Forstbehörde den Nørreskov auf der Insel Alsen zum Naturwald ausgerufen. Dennoch beziehen Sägewerke ihr Holz weiterhin aus diesem Wald. Wie das sein kann, erläutert Oberförsterin Inge Gillesberg.

Schon 2021 gab die dänische Naturbehörde bekannt, dass der Nørreskov auf Nordalsen zum „unberührten Wald“ wird. Seitdem wird vor Ort gezielt abgeholzt und der Wald ausgedünnt. Wie hängt das zusammen? Oberförsterin Inge Gillesberg von der Naturbehörde in Nordschleswig erläutert im Interview das Vorgehen der Behörde.

Warum werden im Nørreskov massiv Bäume gefällt, obwohl er als unberührter Wald ausgewiesen ist?

„Die Ausweisung als unberührter Wald („urørt skov“) bedeutet nicht, dass sofort jeglicher Eingriff unterbleibt. Für jeden Wald gibt es einen speziellen Bewirtschaftungs- und Entwicklungsplan, der sich über Jahre erstreckt. In Dänemark wurde eine sechsjährige Übergangsphase festgelegt, in der bestimmte Maßnahmen durchgeführt werden, um den Wald auf einen naturnahen Zustand umzustellen. In dieser Zeit werden gezielt Bäume gefällt, vorwiegend solche, die nicht heimisch sind oder die Entwicklung der natürlichen Waldgesellschaft behindern. Das Ziel ist, die Biodiversität zu fördern und die Voraussetzungen für einen echten, sich selbst überlassenen Urwald zu schaffen. Erst nach dieser Phase bleibt der Wald tatsächlich weitgehend sich selbst überlassen.“

Viele Menschen reagieren entsetzt, wenn sie die vielen Baumfällungen im Nørreskov sehen

„Ich kann verstehen, dass es schwer ist, hinter den vielen gefällten Bäumen den langfristigen Plan zu sehen. Es gibt regelmäßig Führungen und Informationsveranstaltungen, bei denen die Maßnahmen erklärt werden. Außerdem stellt die Naturbehörde auf ihrer Webseite viele Informationen bereit. Trotzdem reagieren viele Menschen überrascht oder besorgt, wenn sie die aktuellen Eingriffe sehen. Daher ist es wichtig, immer wieder zu erklären, dass diese Maßnahmen langfristig der Natur und der Artenvielfalt dienen.“

Welche Baumarten werden entfernt und warum?

Der gesamte Wald wird erst mal ausgedünnt, bevor er in Ruhe gelassen wird.

„Es werden vor allem nicht heimische und invasive Baumarten entfernt, beispielsweise Sitka-Fichte, Douglasie, Grandis (Küsten-Tanne) und Roteiche. Diese Arten wurden früher für die Forstwirtschaft eingeführt, sind aber für die natürliche Entwicklung des Waldes problematisch, weil sie heimische Arten verdrängen können und sich teilweise stark ausbreiten. Durch das Entfernen dieser Arten wird Platz für heimische Bäume geschaffen, die für die lokale Biodiversität besonders wichtig sind. Einzelne Exemplare dieser fremden Arten sind nicht das Problem, aber größere Bestände werden gezielt entnommen.“

Warum wird aktuell so viel gefällt?

„Die intensive Forstwirtschaft der vergangenen Jahrhunderte hat dazu geführt, dass viele Wälder sehr homogen aufgebaut sind: Oft stehen auf großen Flächen nur eine oder wenige Baumarten im gleichen Alter. Um die Artenvielfalt zu fördern, werden jetzt gezielt Lücken geschaffen, indem auch heimische Bäume wie Buchen gefällt werden. So entstehen Übergänge zwischen Licht und Schatten, feuchten und trockenen Bereichen, was wiederum vielen verschiedenen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bietet. Die Fällungen sind also Teil eines gezielten Umbaus hin zu einem vielfältigeren, naturnahen Wald.“

Wie wird die Eiche im Urwald gefördert?

Inge Gillesberg mit einer Karte der Behörde, in der alle Baumbestände aufgelistet sind (Archivbild)

Bis Ende 2026 darf das im Rahmen der Umstellung gefällte Holz noch an Sägewerke verkauft werden.

Inge Gillesberg

„Die Eiche ist eine besonders wertvolle Baumart für die Biodiversität, weil sie im Alter zahlreichen Insekten, Pilzen und Vögeln Lebensraum bietet. Allerdings kann sich die Eiche in einem von Buchen dominierten Wald schlecht verjüngen, da sie viel Licht braucht. Deshalb werden gezielt Flächen um Eichenbestände freigestellt, damit diese mehr Licht und Platz bekommen. Ziel ist nicht, perfekte, astfreie Stämme zu züchten, sondern Bäume zu fördern, die alt werden, viele Äste und vielleicht auch Risse bekommen und so optimale Lebensräume für viele Arten bieten. So können Eichen mehrere hundert Jahre alt werden und einen wichtigen Beitrag zum Ökosystem leisten.“

Wann endet die Phase mit aktiven Eingriffen?

Drei zentrale langfristige Maßnahmen

Diese Maßnahmen laufen teilweise auch nach der sechsjährigen Übergangsphase weiter.

„Die offizielle sechsjährige Übergangsphase beginnt erst, wenn das abschließende Anhörungsverfahren abgeschlossen ist – im Fall des Nørreskov vermutlich 2025. Spätestens 2030 oder 2031 sollen die aktiven Holzeinschläge beendet sein, oft ist das aber schon früher der Fall. In manchen Bereichen wird schon jetzt nicht mehr gefällt. Danach bleibt der Wald weitgehend sich selbst überlassen und entwickelt sich ohne weitere forstliche Eingriffe.“

Was passiert mit dem gefällten Holz?

„Bis Ende 2026 darf das im Rahmen der Umstellung gefällte Holz noch an Sägewerke verkauft werden. Das ist Teil einer politischen Vereinbarung, um einen sanften Übergang für die Holzindustrie zu ermöglichen. Die Menge des verkauften Holzes wird jedoch jedes Jahr reduziert. Nach 2026 bleibt gefälltes Holz im Wald liegen und dient als Totholz, was wiederum wichtig für viele Tier- und Pilzarten ist.“

Warum ist der Wald nicht sofort „unberührt“?

„Ein naturnaher, artenreicher Urwald entsteht nicht von heute auf morgen. Die jahrhundertelange forstliche Nutzung hat die Wälder stark verändert. Erst durch gezielte Maßnahmen wie dem Entfernen nicht heimischer Arten, das Schaffen von Lichtungen und die Wiederherstellung natürlicher Prozesse wird die Grundlage für einen echten Urwald geschaffen. Diese Umstellung braucht Zeit, Geduld und einen langen Atem.“

Diese Bäume passten nicht ins Konzept des wilden Waldes und wurden von der Naturbehörde entfernt.