Geschichte

Sturmflutkatastrophe 1825 verheerte die Tonderner Marsch

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Wie auf dem Foto aus dem Jahre 2013 ließ ein Orkan im Jahre 1825 die Fluten im Wattenmeer gefährlich ansteigen. Vor 200 Jahren durchbrach die wahrscheinlich bis zu 5 Meter über den mittleren Wasserstand angestiegene Sturmflut die Dünen- und Deichlinie zwischen Hoyer und Emmerleff und überschwemmte die gesamte Tonderner Marsch. Das Emmerleff Kliff auf dem Foto erlitt große Abbrüche, im Dorf Emmerleff wurden am Kliff liegende Häuser zerstört.

Zwischen Hoyer und Emmerleff drangen vor 250 Jahren die Fluten am 3. und 4. Februar in die Niederung ein und überschwemmten die Marsch bis Tondern. Viele Häuser im bis 1861 noch nicht durch einen Seedeich geschützten Küstenort wurden zerstört. Der König besuchte damals das Wattenmeer.

In wenigen Tagen jährt sich zum 200. Mal die Sturmflutkatastrophe, bei der eine große Zahl Menschen im Bereich des nordfriesisch-schleswigschen Wattenmeeres ums Leben gekommen ist.

Ein Gedenkstein für „König Friedrich VI.“ in Hoyer erinnert an den Besuch des dänischen Herrschers Frederik VI. (1768–1838) auf den Halligen wenige Monate nach der Katastrophe. Der König, der auch Herzog von Schleswig und Holstein war, hatte erst 1824 die Insel Föhr besucht. Er beendete seine Reise 1825 in Hoyer (Højer).

Über 80 Menschen, vor allem Bewohnerinnen und Bewohner der Halligen, ertranken oder erfroren am 3. und 4. Februar und den folgenden Tagen im Jahre 1825. Der Ort Hoyer, dessen westlicher Bereich erst seit 1861 durch einen Deich geschützt wurde, und die gesamte Tonderner Marsch erlitten schwere Schäden. Dabei hielt der schon 1556 fertiggestellte Deich von Hoyer nach Ruttebüll (Rudbøl) den Fluten stand, wurde aber schwer beschädigt.

König Frederik VI. wurde in den Herzogtümern als Friedrich VI. bezeichnet. Das Foto zeigt ein Porträt aus der Sammlung des Parlamentssitzes Christiansborg in Kopenhagen.
Der Gedenkstein für den Besuch des dänischen Königs und Herzogs von Schleswig stand ursprünglich am Hoyeraner Landungsplatz, der bis zur Inbetriebnahme der Hoyer Schleuse am ortsnahen Seiersbek-Siel lag. In der Amtssprache der Herzogtümer hieß Frederik VI. meist König Friedrich VI..

Die Köge bis hin zur Stadt Tondern (Tønder) wurden dennoch überschwemmt, weil der Deich und die teilweise noch existierende Dünenkette zwischen Hoyer und der Steilküste bei Emmerleff (Emmerelv) durchbrochen wurden und die Wassermassen über die Seiersbekniederung in den Hoyerkoog fließen konnten.

Die Karte aus dem Jahre 1828 des Amtes Tondern zeigt, dass damals nur ein Teil Hoyers im Schutz des 1556 erbauten Seedeiches nach Ruttebüll lag. Die Marsch wurde bei der Sturmflut 1825 bis Tondern überschwemmt, da die Flut zwischen Hoyer und Emmerleff ins Hinterland eindrang und östlich von Hoyer, das auf einer Geestanhöhe liegt, in den Hoyerkoog und weitere Köge strömte.

Hoyer, Emmerleff, Schads und Ballum wurden zu Inseln

„Die höher gelegenen Teile der Gemeinden Hoyer, Emmerleff, Schads (Skads) und Ballum waren wie Inseln, die ganz von Wasser umgeben waren“, so der Hoyeraner Chronist, Pastor Claus Rolfs (1856–1926), in seinem kurz nach seinem Ableben erschienenen Buch „Geschichte des Kirchspiels und Fleckens Hoyer“.

Die Sturmflut 1825 ließ die Fluten entlang der Nordseeküste zwischen den Niederlanden bis hinauf an den Limfjord auf einen bis dahin nicht gemessenen Höchststand steigen. Auf der Hallig Südfall ertranken alle zwölf Bewohnerinnen und Bewohner. Auch Hooge und Langeness wurden schwer heimgesucht.

Das Foto aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt einen von Wasser umspülten Hof in Nordermühle (Nørremølle). Der Hof liegt auf einer Warft, wie viele ältere Gebäude in der Tonderner Marsch, was Schutz bot, wenn Deiche brachen und die Marsch überschwemmt wurde.

In Medolden (Mjolden) starben drei Menschen in den Fluten, in Hoyer konnten sich alle Männer, Frauen und Kinder aus den Häusern retten. Die Gebäude wurden wie beispielsweise der heute als Kulturstätte bekannte Kier-Hof überschwemmt. Damals war Austernpächter Peter Todsen der Eigentümer.

Das Bild Hallig bei Sturmflut des Malers Alexander Eckener (1870–1944) gibt einen Eindruck von der Stimmung auf den Eilanden bei gefährlich hohen Wasserständen.

Balken durchschlug die Tür des Kier-Hofs

In dem Hof am Geestrand „hatte man die Türen ringsum verschlossen. Es wurde aber ein Balken durch die Wellen mit solcher Gewalt gegen die Haustür geschleudert, dass dieselbe zertrümmert wurde und das Wasser in das Haus eindrang und die Frau des Besitzers eilig auf einen Stuhl springen musste“, berichtete Claus Rolfs, der auch über hohe Verluste in den Viehbeständen der Einwohnerschaft in und um Hoyer berichtete.

Die Häuser am Ortsrand zwischen der Kirche und Kiers Hof wurden teilweise schwer beschädigt. Eine Hoyeranerin erinnerte sich später, sie sei als Kind in der Sturmflutnacht von einem Mann, der „mit großen Stiefeln durch das ins Zimmer gedrungene Wasser watete, aus dem Bett geholt und in ein höher gelegenes Haus“ getragen worden.

Der heute als Kier-Hof bekannte Hof in Hoyer (auf dem Foto rechts) lag während der Sturmflut 1825 noch ungeschützt auf dem Geestrand. Die Wassermassen überschwemmten den Hof wie viele weitere Gebäude im westlichen Teil des Ortes. Das Grünland vor dem Gebäude war vor 200 Jahren meterhoch überschwemmt.

Hoyeranerin verlor während der Katastrophe den Verstand

Und es gab auch schlimme Folgen laut Rolfs: „Eine Frau, welche ihrer Entbindung entgegensah, kam am Tage nach der Flut, die auch in ihr Haus eindrang und vieles verödete, nieder und verlor den Verstand.“ Es gab nach der Katastrophe Hilfseinsätze entlang der Küste. Von Husum und der Insel Föhr segelten Schiffsleute zu den Halligen und evakuierten Hunderte Überlebende. Auf Hallig Oland waren 33 der 36 Wohnungen zerstört worden.

Wundersame Rettung zweier Kinder

Auf der Hallig Südfall, auf dem Foto im Sturm im Jahre 2019, starben 1825 alle Einwohnerinnen und Einwohner während der Sturmflut am 3./4. Februar des Jahres. Die Sturmflut ereignete sich bei eisigen Temperaturen.

Es gab auch Berichte über eine wundersame Rettung, so der Küstenforscher und Autor des Buches „Die Halligen“ (Heide 2020), Dirk Meier: „Nach der Sturmflut 1825 trieb in Wyk auf Föhr eine Wiege mit zwei gut verschnürten Kindern an, wo sie vom Hafenmeister aufgezogen und die Namen Hinrich und Carsten Lorenzen erhielten. Ihre Eltern haben sich nie ermitteln lassen.“

Es wurden auch Unterstützungszahlungen an die schwer heimgesuchten Familien ausgezahlt. So an die Familie Matthiesen auf „Ahlbeck Mühle“ bei Jerpstedt (Hjerpsted).

Die Niederung des Baches Aalbek wurde 1825 von der Sturmflut überspült. Die dortige Wassermühle wurde zerstört, sie wurde zur Textilbearbeitung mit Wasserkraft als „Stampfmühle“ genutzt. Das später landeinwärts erbaute neue Gebäude, das als Bauernhof und Gaststätte diente, trägt noch heute den Namen „Stampemølle“.

Dort war die von Wasserkraft des Baches angetriebene Stampfmühle, in der Textilien gewalkt wurden, von der tobenden See zerstört worden. Ein neues Haus wurde landeinwärts errichtet.

Private Hilfe durch Sammlungen

Die Mittel kamen nicht von der zuständigen Regierung des Herzogtums Schleswig beziehungsweise der für die königlichen Enklaven zuständigen Verwaltung. Sie wurden durch Haussammlungen und Kollekten im Herzogtum zusammengetragen.

Inschrift in deutscher Sprache

Dem König, Oberhaupt des dänischen Gesamtstaates, der bereits 1824 Föhr besucht hatte, setzte man 1825 den Gedenkstein in der damals in den Herzogtümern genutzten Amtssprache verfasst: „Landungsplatz König Friedrich des VI. am 6. July 1825 auf der Rückkehr von einer nach den durch die Sturmfluth am 3. und 4. Februar desselben Jahres überschwemmt gewesenen Inseln und Halligen unternommenen Reise. Hoyer Anno 1825.“

Der absolutistisch regierende König hatte immerhin vielen von der Sturmflut geschädigten Menschen für eine längere Zeit die Steuern erlassen.

Claus Rolfs schrieb in seiner Chronik, dass die Ländereien rund um Hoyer bis nach Tondern nicht nur lange unter Wasser standen. Viele Koogsländereien waren auch von Sand und Schlick bedeckt, Material, das die Sturmflut nach dem Durchbruch nördlich von Hoyer in die Marschen gespült hatte.

Pastor Claus Rolfs (1856–1926) war nicht nur der Verfasser des bis heute maßgeblichen Werkes zur Geschichte Hoyers. Er war landesweit auch bekannt als versierter Kirchenhistoriker. Sein Bildnis hängt in der Kirche in Hoyer, wo der aus Ostrohe bei Heide stammende Geistliche in deutscher und dänischer Sprache gepredigt hat.

Neue Deiche erhöhten Sicherheit

Rolfs notierte, dass es nach der Sturmflut 1825 eine erhöhte Sterblichkeit unter den Menschen gegeben hat, die im Bereich Hoyer lebten. Vermutlich haben Traumatisierung und Verarmung der Familien, deren Einnahmen durch Verlust von Vieh und Erträgen schrumpften, jahrelang nachgewirkt.

Erst mit der Eindeichung des Neuen Friedrichskoogs von 1859 bis 1861 gab es besseren Schutz für Hoyer und die gesamte Tonderner Marsch. Mit dem Bau des Snurum-Deiches zwischen Hoyer und Dahler (Daler) hatte man schon 1826 der Gefahr, dass Wasser von Norden einströmte, gebannt.