Anschlag

Der «Held von Bielefeld» und sein Leidensweg

Der Held von Bielefeld musste im Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Terroristen aussagen.

Ein mutmaßlicher IS-Terrorist greift in Bielefeld Menschen mit einem Messer an. Ein junger Mann schlägt ihn in die Flucht, er überlebt nur knapp. Wie hat die Tat das Leben des Studenten verändert?

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Zusammenfassung

  • Ein Student wird nach seinem mutigen Eingreifen bei einem Messerangriff in Bielefeld als „Held von Bielefeld“ bekannt.
  • Er erlitt lebensgefährliche Stichverletzungen, verlor viel Blut und muss bis heute mit körperlichen und psychischen Folgen leben.
  • Im Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Terroristen sagt er als Zeuge aus, während ihm sowohl Opfervertreter als auch Fans für seine Zivilcourage danken.

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Fußballfans ehrten ihn mit einem großen Spruchbanner im Stadion: Für viele Menschen ist Student Chris S. (27) der «Held von Bielefeld». Durch sein Eingreifen beim Messeranschlag von Bielefeld verhinderte er vor zehn Monaten vermutlich Schlimmeres - und konnte den Täter, einen mutmaßlichen IS-Terroristen, in die Flucht schlagen. Im Prozess am Düsseldorfer Oberlandesgericht musste er nun als Zeuge aussagen. 

Viele Bekannte aus der Bielefelder Fan-Szene sind an diesem Dienstag nach Düsseldorf gereist, der Saal im Hochsicherheitstrakt des Gerichts ist brechend voll. Trotzdem ist es sehr still, als Chris, Fußballfan von Arminia Bielefeld, einräumen muss, dass die Erinnerung an weite Teile der Tatnacht ab einem bestimmten Moment bei ihm ausgelöscht ist. 

Er war selbst lebensgefährlich verletzt worden, hatte Messerstiche in Oberschenkel, Bauch und Brust erlitten. 

«Er hat Zivilcourage gezeigt, wollte einer Frau helfen», sagt sein Anwalt, der ihn als Nebenkläger vertritt. Letztlich habe ein Bundeswehrsoldat als Ersthelfer Chris selbst das Leben retten müssen. 

«Die Schreie habe ich bis heute im Ohr»

Er habe vor der «Cutie» Bar in Bielefeld den Aufstieg seiner Arminia gefeiert, als er eine Frau habe schreien hören, berichtet der 27-Jährige. 

«Die Schreie habe ich bis heute im Ohr. Ich dachte, da wird eine Frau belästigt. Da bin ich dann hin. Wenn Frauen belästigt werden, ist das für mich ein rotes Tuch.»

Etwa sieben bis zehn Meter entfernt habe die Frau gestanden. Ein Mann sei «sehr nah an ihr dran» gewesen. Ein Messer habe er aber nicht gesehen. 

«Ich bin zu dem Mann hin und wollte ihn überwältigen. Der war deutlich kleiner und schmächtiger als ich. Ich habe ihm am Kragen oder an der Schulter gerissen und ab da nicht mehr viel Erinnerung. Ich bin dann 30 Stunden später auf der Intensivstation aufgewacht - mit einem Schlauch im Mund.» 

Dass er derjenige war, der den Angreifer zu Boden gebracht und mit beherzten Tritten in die Flucht geschlagen hat, daran hat er keine Erinnerung. Der Vorsitzende Richter spielt ein Augenzeugen-Video ein, auf dem die Szene zu sehen ist und Chris sich wiedererkennt. Es zeigt ihn, wie er mit zwei weiteren Männern den Angreifer vermöbelt. 

Dass er selbst gestochen wurde, habe er zunächst gar nicht mitbekommen. «Ich habe dann an mir runter geguckt und Blut auf meinen weißen Schuhen gesehen. Auch meine Jeans wurde ganz warm und schwer», sagt er.

Zwei Liter Blut verloren 

«Sie haben zwei Liter Blut verloren», sagt der Vorsitzende Richter. Chris S. bestätigt das. 0,2 oder 0,3 Liter mehr und es wäre wohl um ihn geschehen gewesen, hätten die Ärzte gesagt. 

Nach dem Aufwachen auf der Intensivstation sei seine erste Frage gewesen: «Welcher Tag ist heute?» Die Schwester habe ihm einen Block bringen müssen, damit er darauf schreiben konnte, denn er sei ja noch beatmet worden und habe wegen des Schlauchs im Mund nicht sprechen können. 

Er müsse noch heute einen Kompressionsstrumpf und eine Knieschiene tragen. Sein Studium liegt auf Eis. Arbeiten fällt ihm wegen seiner Probleme beim Gehen und Stehen schwer. «Ich musste neu gehen lernen», berichtet er. «Es hat vieles kaputt gemacht.» 

Vieles wieder aufgewühlt

Auf einer Fußballtribüne, wenn Menschen hinter ihm stehen, fühlt Chris sich nicht mehr wohl. Auch alleine im Dunkeln draußen hat er ein Problem. Er sei immer noch in psychologischer Behandlung - und der Prozess habe vieles wieder aufgewühlt. «Das war schon sehr bedrückend die letzten Wochen», sagt er. 

Nach seiner Aussage meldet sich die Anwältin der angegriffenen Frau zu Wort: «Sie haben Zivilcourage gezeigt und dafür fast mit dem Leben bezahlt. Dafür möchte ich Ihnen danken.» 

Der Anschlag hatte sich vor einer Bielefelder Bar ereignet, als Besucher den Aufstieg des ostwestfälischen Fußballclubs Arminia Bielefeld feierten. 

Einen Tag später, am Abend des 19. Mai, wurde der Verdächtige in Heiligenhaus bei Düsseldorf festgenommen. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann, einem 36-jährigen Syrer, vierfachen versuchten Mord und Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat vor.