Literatur

100 Jahre Siegfried Lenz - Friedensstifter und Öko-Vordenker

Sein Roman «Deutschstunde» oder die Erzählungen «So zärtlich war Suleyken» sind vielen längst vertraut. Dabei hat Siegfried Lenz auch über ein Jahrzehnt nach seinem Tod noch viel Aktuelles zu sagen.

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Zusammenfassung

  • Zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz wird der bedeutende Nachkriegsschriftsteller als wichtiger Stimme der Aufarbeitung der NS-Zeit gewürdigt.
  • Hamburg und der NDR ehren ihn mit Theaterpremieren, Aktionen für junge Menschen und neuen Buchveröffentlichungen in Zusammenarbeit mit der Siegfried-Lenz-Stiftung.
  • Literaturkenner betonen Lenz' zeitlose, demokratische und ökologische Perspektive, die ihn heute als antiautoritären und grünen Vordenker aktueller denn je erscheinen lässt.

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Der Schriftsteller Siegfried Lenz gilt als einer der wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Er setzte sich in seinen Romanen intensiv mit der Nazi-Zeit auseinander. Damit war er in der Hinsicht neben Günter Grass («Die Blechtrommel») und Heinrich Böll («Billard um halb zehn») federführend. 

Zu seinen großen zeitkritischen, zum Teil später erfolgreich verfilmten Romanen gehören die Bücher «Es waren Habichte in der Luft» (1951), «Deutschstunde» (1968) und «Heimatmuseum» (1978).

Lenz wurde am 17. März vor 100 Jahren geboren. Seine Werke – darunter auch kürzere Erzählungen, Hörspiele und Feuilletons – sind heute so brisant und aktuell wie einst.

Lenz stand für ein gegenseitiges Verstehen und Aussöhnen

Der bescheiden auftretende, um Ausgleich bemühte Schriftsteller vermochte es, in schlichter Sprache und doch in aller Schärfe Schuld, Verstrickung und Sorgen ganz normaler Menschen in ihrem Alltag deutlich zu machen. Gleichwohl war er eher um Verstehen als um Verdammen bemüht.

Auch als Bürger äußerte sich Lenz, am 17. März 1926 im Städtchen Lyck im ostpreußischen Masuren geboren, immer wieder öffentlich. So nahm Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) ihn, der als Jüngling der NSDAP angehört hatte und später von der Kriegsmarine desertierte, 1970 auf seine legendäre Reise nach Warschau mit, die zum Meilenstein bei der Aussöhnung mit Deutschlands östlichen Nachbarn wurde. 

Hamburg feiert Lenz mit vielen Veranstaltungen

Später lebte der vielfach preisgekrönte Lenz viele Jahrzehnte in Hamburg. Er ist Ehrenbürger der Stadt, in der er 2014 im Alter von 88 Jahren starb. Kein Wunder also, dass die Hansestadt den Autoren zum 100. Geburtstag am kommenden Dienstag mit einer Fülle von Veranstaltungen feiert.

So wird am Sonntag (15. März) eine Theaterfassung seines erst posthum 2016 erschienenen, 2020 eindringlich verfilmten Anti-Kriegsromans «Der Überläufer» von 1952 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. 

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR), bei dem der ausgebildete Journalist in frühen Jahren freier Mitarbeiter war, ehrt ihn unter anderem mit einer vielfältigen «Kreativ-Challenge» für junge Leute.

 «Das Glück hängt am Widerhaken»

Lenz' lebenslanger Hamburger Stammverlag Hoffmann & Campe hat gerade die Textsammlung «Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch» vorgelegt. Es zeigt den im Sommer auch auf der dänischen Insel Alsen wohnenden Literaten als leidenschaftlichen Angler und Naturfreund. 

Die NDR-Aktivitäten und das Buch sind in Zusammenarbeit mit der Siegfried Lenz Stiftung entstanden. Die hatte der zweimal verheiratete Autor kurz vor seinem Tod gegründet – mit dem Ziel der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werks, der Vergabe von Stipendien und eines internationalen Siegfried Lenz Preises.

Lenz habe nach wie vor eine große Bedeutung, sagt der Stiftungsvorsitzende Günter Berg der Deutschen Presse-Agentur. 

«Viele seiner Erzählungen sind aktuell und zeitlos. Sie lesen eine Geschichte von 1959 und haben kein Indiz, dass sie nicht von heute ist. Verhandelt wird das Leben von Menschen, die in einen Konflikt geraten. 

Lenz ist sprachlich auf der Höhe der Zeit – es gibt keine Sprachhürde.» Es sei allerdings auch verblüffend, dass Lenz mit seiner Betonung des Zwischenmenschlichen so aktuell ist. 

Den ganz normalen Menschen nah gekommen

Berg, der früher Lenz' Verleger war, verweist auch auf den Überraschungserfolg der Novelle «Schweigeminute» von 2008 – eine mit Julia Koschitz und Jonas Nay auch verfilmte Liebesgeschichte, die der Autor mit 82 Jahren schrieb. 

Mehr als 350.000-mal sei das Buch allein auf Deutsch verkauft – sowie in 26 Sprachen übersetzt. Und «Der Überläufer» habe 2016 zehn Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz eins gestanden. 

«Den Menschen nah kommen, ihren Bedürfnissen, ihren Gefühlen, auch ihren Lastern – das ist schon sehr besonders. Dieser Mann hat ein großes, von gedanklichen Moden unabhängiges Verständnis für die Ambivalenz menschlichen Seins», sagt der Literaturagent. 

Und wer Zeit und Lust habe, in die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts einzutauchen, dem empfehle er Lenz' Roman «Heimatmuseum».

Lenz als Erzähler des neuen demokratischen Aufbruchs

Auch der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der seit 2016 zusammen mit Berg und Maren Ermisch eine neue kommentierte Lenz-Werkausgabe herausgibt, erkennt den anhaltenden Rang des Schriftstellers. 

«Ich glaube, dass Siegfried Lenz zu den heute am meisten unterschätzten Erzählern eines neuen demokratischen Aufbruchs in der Bundesrepublik gehört. Man hielt ihn oft für einen gehobenen Unterhaltungsschriftsteller – im Unterschied zu avantgardistischeren Kollegen wie Grass und Koeppen», sagt Detering der dpa.

Übersehen werde, dass der scheinbar einfache, an amerikanischen Vorbildern wie Ernest Hemingway geschulte Stil des handwerklich gut gemachten Erzählens eigentlich eine demokratische Geste ist.

 «Ein antiautoritärer Schriftsteller» und heute wieder dran

Damit habe Lenz die Fortdauer des Nationalsozialismus in Denkweisen, Gewohnheiten, Redeweisen aufgespürt, findet der Literaturwissenschaftler. Das mache ihn bis heute unbequemer, als man oft wahrnehme. 

«Deutschstunde» und «Heimatmuseum» zeigten unerbittlich, wie ein falsches Verständnis von Nation, Pflicht und Ordnung die Entstehung von Faschismus begünstige. «Er war ein antiautoritärer Schriftsteller», urteilt Detering. Und erklärt: «Heute ist er wieder dran.»

Das gelte in zweierlei Hinsichten: Zum einen, weil er so ein scharfes Auge dafür habe, dass rechte Denkweisen jederzeit wieder ausbrechen können, wenn man sie nicht erkennt. 

Zum anderen sei Lenz - weniger bekannt - seit den 1970er Jahren ein ökologisch engagierter Autor gewesen, etwa im Roman «Die Klangprobe» (1990). Probleme wie Luftverschmutzung, Vergiftung der Lebensgrundlagen und Klimakrise lagen ihm am Herzen, als das Thema noch nicht «in» war. 

«Dieser aus dem masurischen Seengebiet stammende Wanderer, Sportsmann, Angler und Segler war ein grüner Vordenker», sagt Detering. Wer sich davon inspirieren lassen möchte, ist auch mit der neuen Sammlung «Das Glück hängt am Widerhaken» mit einigen bislang unveröffentlichten Texten bestens bedient.