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Weniger Masse, mehr Tiefe – Was sich beim „Nordschleswiger“ ändert

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Gwyn Nissen, Cornelius von Tiedemann und Carsten Werth
Chefredakteur Gwyn Nissen, stellvertretender Chefredakteur Cornelius von Tiedemann und Chef für Finanzen und Entwicklung, Carsten Werth, im Medienhaus

Das deutsche Medienhaus soll die Anlaufstelle für Nachrichten aus, über und für die Minderheit sein – und soll das auch bleiben. Wie das funktioniert und welche Herausforderungen es gibt, erklären Chefredakteur Gwyn Nissen, sein Stellvertreter Cornelius von Tiedemann und Entwicklungschef Carsten Werth.

„Ohne die Veränderungen, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben, würde es den ‚Nordschleswiger‘ in dieser personellen Größenordnung heute nicht mehr geben“, ist der stellvertretende Chefredakteur Cornelius von Tiedemann überzeugt.

Wenn am Donnerstag, 1. Mai, die Generalversammlung des Deutschen Pressevereins in Hadersleben (Haderslev) stattfindet, wird es genau darum gehen: „Wo kommen wir her – und wo sind wir auf dem Weg hin“.

Im Gespräch mit ihm, Chefredakteur Gwyn Nissen und Carsten Werth, Leiter Finanzen und Entwicklung, macht von Tiedemann deutlich, dass die deutsche Minderheit einen rechtlichen Anspruch auf ein Medium in eigener Sprache hat. Weil „Der Nordschleswiger“ durch öffentliche Mittel finanziert wird, habe man aber auch den Anspruch, ihn „zukunftssicher“ auszurichten.

„Der Nordschleswiger“ soll relevant bleiben

Wir sind ständig unterwegs, um zu sehen, was gerade Trend ist. Wir wollen wissen, was passiert und vorn mit dabei sein.

Gwyn Nissen

Das habe in den vergangenen vier Jahren funktioniert, sagt Tiedemann. Mehr Publikum denn je kommt mit den Inhalten des „Nordschleswigers“ in Berührung. „Wir sind ständig unterwegs, um zu sehen, was gerade Trend ist. Wir wollen wissen, was passiert und vorn mit dabei sein“, erklärt Gwyn Nissen.

„Wir gehen jedoch sichere Wege, um in Zukunft zu überleben“, sagt von Tiedemann. Einer dieser Wege ist der volle Fokus auf das Publikum. „Wir stellen die Menschen in den Mittelpunkt der Berichterstattung – und lassen dabei nicht nur die Leute in führenden Positionen zu Wort kommen.“

Mit wöchentlichen Videobeiträgen und dem Podcast „Mojn Nordschleswig“ hat das Team vom „Nordschleswiger“ neben Artikeln neue Formate entwickelt, um den Zielgruppen gerecht zu werden. Das Redaktionsteam schreibt dafür mitunter weniger Texte als früher. „Es gibt weniger Output, aber er ist dafür gründlicher und tiefer“, sagt Nissen, der betont, dass die Videos der Redaktion mittlerweile mehr Rückmeldung bekommen als die Artikel.

An veränderte Gewohnheiten anpassen

Von Tiedemann ergänzt: „Die Menschen da draußen verändern sich, ihre Gewohnheiten ändern sich. Diese Veränderungen müssen wir beschreiben und unsererseits bereit sein, auch selbst unser Angebot zu verändern.“

Der stellvertretende Chefredakteur betont, dass sich die Branche in Zukunft ohnehin weiter von geschriebenen Artikeln wegbewegen wird. „Bewegtbild spielt schon heute eine große Rolle und die wird in Zukunft noch größer.“ Auch wenn er das geschriebene Wort liebe, es werde drastisch seltener konsumiert als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Der Künstlichen Intelligenz (KI) steht er positiv gegenüber. Diese werde sowohl für die redaktionelle Arbeit als auch für die Leserinnen und Leser von Vorteil sein. „Sie ist für uns als Redaktion kein Problem, sondern eine Chance.“

Wir bieten noch eine heile Welt im Lokaljournalismus, was nicht bedeutet, nicht auch kritisch zu sein.

Gwyn Nissen

Leuchtturm in dunklen Zeiten sein

Eine Menge an Nachrichten, die es früher auf der „Nordschleswiger“-Webseite gab, findet sich dort heute nicht mehr. „Weil es für unseren Auftrag im Grenzland und der Minderheit nicht wichtig ist zu wissen, wo gerade ein Unfall gewesen oder ein Schuppen abgebrannt ist. Das mag die Neugier stillen - aber es schafft keine bessere Gesellschaft, Partizipation, Demokratieverständnis oder Zusammenhalt in der Minderheit und in Nordschleswig“, sagt der Chefredakteur.

Durch die Flut an schlechten Nachrichten auf vielen Medienportalen, die einem fast ununterbrochen begegnen – Krieg in der Ukraine, Donald Trump, Klimakrise – seien viele Menschen nachrichtenmüde geworden.

„Wir bieten noch eine heile Welt im Lokaljournalismus, was nicht bedeutet, nicht auch kritisch zu sein“, sagt Gwyn Nissen. „Wir schreiben aber über Dinge, die uns, die Minderheit, lokal direkt berühren.“

Mit seinem Angebot wolle „Der Nordschleswiger“ die Menschen dazu bewegen, „nicht Nachrichten abzuwählen, sondern uns zu wählen“, ergänzt Gwyn Nissen.

Herausforderungen auch beim „Nordschleswiger“

Wir hoffen, ihnen noch mehr Themen bieten zu können, von denen sie sich angesprochen fühlen, die einen Mehrwert zum Lesen, Hören oder Gucken haben.

Cornelius von Tiedemann

Heute blickt er daher zufrieden auf die Entwicklung der vergangenen Jahre seit der Einstellung der Printausgabe zurück. „Alle Medienhäuser gehen heute den Weg, den wir schon vor vier Jahren eingeschlagen haben“. Dabei sei „Der Nordschleswiger“ trotz eigener Herausforderungen jedoch „sehr privilegiert“, sagt Chefredakteur Gwyn Nissen mit Blick auf die wirtschaftlichen Herausforderungen anderer Medienhäuser und damit verbundenen Kündigungswellen.

Steigende Löhne durch die tarifliche Bindung bei gleichbleibendem finanziellem Rahmen seien aber auch beim „Nordschleswiger“ ein Problem, so Werth. Weniger Ressourcen bedeuten weniger Personal, weshalb auch hier etwa Stellen nicht nachbesetzt wurden. Vor dem seit einiger Zeit laufenden Generationenwechsel hat die Chefredaktion jedoch keine große Angst, denn qualifizierte Leute gebe es da draußen genug. „Wichtig ist es, hier die Balance zu finden, um das Mindset Minderheit beizubehalten.“

Die stetigen Entwicklungen und Veränderungen haben beim „Nordschleswiger“ aber auch Spuren hinterlassen und stoßen mitunter auch auf Widerstand in den eigenen Reihen. „Da hilft nur zu erklären, zu erklären und zu erklären“, sagt Carsten Werth. Mit Fortbildungen und Workshops wird in der Redaktion das Wissen vermittelt, was es braucht, um diese Veränderungen mitzugehen. „Natürlich stellen wir auch einen Anspruch an die Veränderungsbereitschaft“, sagt Nissen. „Wenn wir aber sehen, von wo wir kommen, dann haben wir bereits größere Schritte gemacht als andere.“

Webseite nicht mehr zeitgemäß

Damit nicht nur das Personal fit für die veränderten Mediengewohnheiten wird, braucht es beim „Nordschleswiger“ auch technische Veränderungen, um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein. „Unsere Webseite und das System dahinter sind in einigen Bereichen einfach nicht mehr zeitgemäß und mittlerweile auch schon acht Jahre alt“, sagt Werth. In dieser Zeit sei viel im Markt passiert. „Viele Systeme beinhalten heute KI-Unterstützung, um der Redaktion die Arbeit zu erleichtern und werden mit allen Funktionen zu festen monatlichen Kosten angeboten.“

Die finanzielle Situation mache es schwierig, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten, wenn diese in einem eigenen System alleine finanziert werden müssen, so der Entwicklungschef. „Wir haben daher damit begonnen, die im Markt vorhandenen Systeme anzusehen und werden im Laufe des Sommers entscheiden, wie wir weitermachen.“

Mit der Entwicklung und dem konstruktiven Ansatz in der Redaktion hofft Cornelius von Tiedemann, dass die Leserinnen und Leser noch mehr in ihrer Lebensrealität abgeholt werden – mit all ihren Alltagsproblemen und Alltagsfreuden. „Wir hoffen, ihnen noch mehr Themen bieten zu können, von denen sie sich angesprochen fühlen, die einen Mehrwert zum Lesen, Hören oder Gucken haben.“ Dabei wolle man keine Lösungen erfinden, sondern den Nutzerinnen und Nutzern mit den Inhalten bei großen und kleinen Themen Hilfestellungen bieten und Lösungswege aufzeigen, wie sie auch selbst aktiv werden können.