Deutsche Minderheit

Nach sieben Jahren Aarhus: Tenna kehrt nach Nordschleswig zurück

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Tenna Westphal
Tenna Westphal ist in Nordschleswig geboren und aufgewachsen.

Die 28-Jährige zieht es nach abgeschlossenem Studium und ersten beruflichen Erfahrungen zurück in ihre Heimat. In Nordschleswig arbeitet sie nun als klinische Psychologin. Mit dem „Nordschleswiger“ hat sie über die Herausforderungen des Jobs und ihren Blick auf den Landesteil gesprochen.

„Immer wenn ich hier in Nordschleswig bin, wird man irgendwie entschleunigt“, sagt Tenna Westphal über ihre Heimat, in die sie nach sieben Jahren in Aarhus jetzt zurückkehrt.

Die heute 28-Jährige wuchs in Nordschleswig auf, ging hier zur Schule und machte ihr Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN). Danach zog es sie für ihr Studium der Psychologie nach Aarhus. Dort, in der zweitgrößten Stadt Dänemarks, machte Tenna ihre ersten beruflichen Schritte als pädagogisch-psychologische Beraterin (PPR) bei der Kommune.

„Bin kein Stadtmensch“

Dass es sie nun wieder in die Heimat verschlägt, hat gleich drei Gründe.

„Ich habe meine Familie hier, meine Eltern, meine Geschwister, Nichten und Neffen, von denen ein Teil in Nordschleswig lebt.“ Ihre Familie nur am Wochenende zu sehen, das habe ihr nicht gereicht. „Es hat mich eigentlich immer zurückgezogen, auch weil ich nicht so ein Stadtmensch bin.“

Und dann ist da noch ihr neuer Job. Bislang hat Tenna Schulen und Kindergärten beraten, wenn es um Kinder ging, die Herausforderungen haben oder wo Zweifel bestanden, welcher pädagogische Ansatz gewählt werden soll. Dafür hat sie Teams fachlich betreut, in Klassen beobachtet und Beurteilungen geschrieben.

Tenna Westphal
Tenna Westphal hat nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig Psychologie in Aarhus studiert.

„Ich hatte aber das Gefühl, mal in die klinische Richtung gehen zu wollen“, sagt die 28-Jährige. In Nordschleswig hat sie jetzt die Möglichkeit dazu. Seit Kurzem arbeitet sie hier als klinische Psychologin in der ambulanten Psychiatrie.

Neuer Job ist herausfordernd

Das sei ein „riesiger Unterschied“ zu ihrem bisherigen Job, sagt Tenna. Es sei mit Erwachsenen zunächst mal eine andere Zielgruppe, und es handelt sich um psychiatrische Patientinnen und Patienten.

„Ich habe bislang Schüler begleitet, die mildere Herausforderungen haben.“ Man habe nicht in erster Linie geschaut, was das Kind für ein Problem hat, sondern versucht, das Umfeld positiv zu verändern, um das Wohlbefinden zu fördern – „anti-psychiatrisch“, nennt Tenna das.

In ihrem neuen Job geht es nun um Symptome, Veränderungen im Verhalten und das Leidensempfinden. Es handele sich um ambulante Patientinnen und Patienten, wo ein Arzt oder eine Ärztin bewertet hat, dass man dort mal schauen sollte.

Mit gutem Gefühl zur Arbeit

Ich lerne super viel, und das ist inspirierend. Ich bin sehr motiviert.

Tenna Westphal

Der neue Job ist für die Berufsanfängerin herausfordernd. „Ich habe schon das Gefühl, dass man vom Studium nicht so sehr auf das spätere Berufsleben vorbereitet wird.“ Das Studium sei sehr theoretisch. „Man liest viel, aber wenn man dann sieht, dass der Leidensdruck bei Patienten eine andere Form annehmen kann, als im Buch steht, dann wird man immer überrascht, wie wenig man eigentlich weiß, wenn man da steht“, sagt sie.

Dennoch gehe sie mit einem guten Gefühl zur Arbeit. „Ich lerne super viel, und das ist inspirierend. Ich bin sehr motiviert.“ Natürlich sei man auch anders müde, wenn man nach Hause kommt, weil alles neu ist. „Dinge, die noch nicht in der Routine sind, muss ich versuchen, reinzubekommen.“ Sie mache sich aber keinen Druck und gehe einen Tag nach dem anderen an.

Ihre Entscheidung für die Psychologie hält sie für die richtige Wahl – auch wenn sie eher spontan war. „Ich hatte zwischen Jura, Medizin und Psychologie geschwankt – mich in Jura aber nicht wiedererkannt. Das war mir zu schwer und zu trocken.“ Weil sie die Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft immer gereizt hat, fiel die Wahl auf Psychologie.

Kleine Veränderungen besonders spannend

„Was interessant ist, ist, die ganz kleinen Schritte begleiten zu können, weil man nicht erwarten kann, dass ein Patient gleich eine Besserung erlebt – etwa durch eine Medizin.“ Vorher habe sie viel mit Kindern gearbeitet, die ADHS oder eine Form von Autismus haben. Dort seien die kleinen Veränderungen immer besonders spannend gewesen, um dem Kind zu helfen. „Das war immer schön zu sehen, wenn das geglückt war.“

Für ihren neuen Job sei es noch zu früh, um konkret etwas dazu zu sagen. Gerne würde sie sich in Zukunft aber weiter spezialisieren, sagt die 28-Jährige.

Wie in vielen anderen sozialen Berufen auch, ist es wichtig, Berufliches und Privates trennen zu können. Die Erlebnisse auf der Arbeit nicht mit in den Feierabend zu nehmen, das sei auch für sie ein fortwährender Prozess, sagt Tenna. „Das ist etwas, das ich lernen muss.“

Gerade als Berufseinsteigerin habe sie nach anderthalb Jahren als Psychologin noch nicht so viel Erfahrung. „Ich würde eher sagen, dass ich es immer mehr versuche und es auch besser wird. Am Anfang war es aber superschwer, das zur Seite zu legen.“

Neues Kapitel in Nordschleswig

Es ist schon diese ‚hyggelige‘ Art der Leute. Viele haben ein ruhigeres Gemüt.

Tenna Westphal

Mit dem neuen Job beginnt auch ein neues Kapitel Nordschleswig. Hier müssen sich Tenna und ihr Partner jetzt erst wieder akklimatisieren. Ihr Freund sei – anders als sie selbst – ein Großstadtmensch. Ihn habe sie herlocken müssen.

Was ihr an der Region zwischen Nord- und Ostsee besonders gefällt? Darüber muss Tenna länger nachdenken. „Es ist schon diese ‚hyggelige‘ Art der Leute. Viele haben ein ruhigeres Gemüt.“

Werde man in Aarhus beim Joggen auch schon mal schräg angesehen, freue es sie, wenn hier auch mal jemand grüßt, wenn man sich auf der Laufrunde begegnet, sagt die 28-Jährige, die sich in ihrer Freizeit am liebsten bewegt – im Fitnessstudio, beim Joggen und bald wohl auch beim Paddelspielen.

Aarhus sei jetzt keine Großstadt, aber dort herrsche einfach ein anderes Tempo. „Die Leute haben mehr zu tun, der Verkehr ist mehr, und auch meine Kollegen standen auf der Arbeit mehr unter Strom.“

Nähe zum Meer wichtig

Entschleunigung, die bekommt Tenna am Wasser. „Alles, was irgendwie am Meer ist, ist für mich Nordschleswig“, antwortet sie auf die Frage nach ihrem Lieblingsort im Landesteil. Und so überrascht es nicht, dass sich Tenna und ihr Freund für ihre Rückkehr einen Platz an der Flensburger Förde gesucht haben.

Nicht aktiv in der Minderheit

Tenna Westphal
Ihr Lieblingsort in Nordschleswig ist der Sonderburger Hafen. Tenna Westphal liebt bei gutem Wetter die Cafés und den Blick auf das Meer.

Ich habe als Kind mitbekommen, was für eine Gabe es ist, zwei Kulturen, zwei Sprachen zu haben, weil man ein viel breiteres Kulturverständnis hat.

Tenna Westphal

Die deutsche Minderheit spielte für die Entscheidung nur eine indirekte Rolle. „Ich treffe immer wieder Leute aus der Minderheit, und es ist auch schön, die zu sehen, aber ich bin nicht sonderlich aktiv oder engagiere mich.“ Das könne natürlich noch kommen. Nach knapp sieben Jahren in Aarhus habe sie der Minderheit nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, auch weil viele Freundinnen und Freunde weggezogen sind.

„Ich habe aber immer gesagt, sollte ich mal Kinder haben, sollen sie auf eine deutsche Schule gehen.“ Dass diese zweisprachig aufwachsen, sei ihr sehr wichtig. „Ich habe als Kind mitbekommen, was für eine Gabe es ist, zwei Kulturen, zwei Sprachen zu haben, weil man ein viel breiteres Kulturverständnis hat. Das hat mir einfach super viel gegeben.“

Ihr Freund stamme aus der dänischen Minderheit in Südschleswig und habe lange Zeit in Flensburg gewohnt. „Dadurch habe ich auch die andere Seite erlebt, und das ist ziemlich cool.“

Eine gemischte Identität

Auch bei der Frage nach ihrer Identität muss Tenna überlegen. „Als ich im Gymnasium war, habe ich mich immer mehr als Deutsche gesehen, weil wir auch Deutsch zu Hause gesprochen haben und meine Eltern beide aus Flensburg sind.“ Doch je länger sie in Aarhus gelebt habe, desto schwieriger wurde es für sie, das klar zu benennen. „Ich würde heute sagen, ich bin halb deutsch, halb dänisch.“