Familiennachrichten

„Die Minderheit ist meine Familie“

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Frauke Petersen ist in Nordschleswig und in der deutschen Minderheit heimisch geworden. Am 15. Februar wird die pensionierte Lehrerin 85.

Frauke Petersen kam als junge Lehrerin nach Nordschleswig und fühlte sich sofort der deutschen Minderheit zugehörig. Am Sonnabend vollendet sie ihr 85. Lebensjahr.

Sie ist so sehr mit der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig verflochten, dass man davon ausgeht, dass sie schon immer dazugehörte. Das trifft bei Frauke Petersen allerdings nicht ganz zu.

Die Tinglefferin stammt aus Hamdorf bei Rendsburg. Sie kam Anfang der 60er-Jahre als junge Lehrerin nach Nordschleswig und trat eine Stelle an der Deutschen Schule Buhrkall in Saxburg (Saksborg) an. Am 15. Februar feiert die über die Grenzen Tingleffs hinaus bekannte Pensionärin ihren 85. Geburtstag.

Zur großen Schwester nach Dänemark

Großen Einfluss am Umzug nach Dänemark hatte seinerzeit Frauke Petersens große Schwester Marianne und deren Mann Harald Kracht. „Marianne war für mich wie eine Ersatzmutter“, erzählt die bald 85-Jährige in ihren vier Wänden im Gartnervænget in Tingleff.

Als Harald Kracht Schulleiter in Tingleff wurde und sich dort mit der Familie niederließ, wagte Frauke ebenfalls den Sprung über die Grenze, war sie dann doch in der Nähe ihrer großen Schwester.

Eine Stelle in Tingleff bei ihrem Schwager kam allerdings nicht infrage. „Ich wollte Familie und Beruf trennen“, betont Frauke Petersen. Sie unterhielt sich mit ihrem Schwager stets auf Plattdeutsch. „Wenn es aber um schulische Angelegenheiten ging, wechselten wir ins Hochdeutsche. Das war dann die Amtssprache“, ergänzt die Ruheständlerin und lacht.

Bauersfrau und Lehrerin

Als sie ihre Lehrerinnenlaufbahn in Nordschleswig begonnen hatte, lernte sie ihren Peter aus der Minderheit kennen. Sie heiratete den Landwirt und zog mit ihm auf den Familienhof in Wollerup (Vollerup). Obwohl sie nun eine Bauersfrau war, blieb der Lehrerinnenberuf vordergründig.

„Peter hat mir immer den Rücken freigehalten und stand voll und ganz hinter meiner beruflichen Tätigkeit“, sagt Frauke Petersen, die seit einigen Jahren ohne ihren geliebten Mann durchs Leben gehen muss. Peter Petersen verstarb 2016 ganz unerwartet und hinterließ nicht nur in der Familie Petersen, sondern auch in der deutschen Gemeinschaft im Raum Tingleff eine Lücke.

Neben Saxburg war Frauke Petersen auch in Rapstedt (Ravsted) und Pattburg (Padborg) als Lehrerin tätig. Sie begegnete und unterrichtete dabei viele Menschen, die später Schlüsselpositionen in der Minderheit einnahmen. „Als ich in Saxburg begann, war Claus Diedrichsen Schüler“, erzählt die Pädagogin schmunzelnd.

Frauke Petersen vor dem Bücherregal ihres Wintergartens im Gartnervænget in Tingleff. Als unternehmungslustige und kulturinteressierte Frau blättert sie unter anderem gern in Reisebüchern.

Claus Diedrichsen wurde später Schulrat des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig und somit Dienstherr seiner einstigen Lehrerin.

Besondere Ära in Uk

Die längste und einprägsamste Zeit sei allerdings an der kleinen Zubringerschule Uk (Uge) gewesen, betont Frauke Petersen. Von 1972 bis 1995 leitete sie die Einrichtung, ehe die Schule mangels Kinder geschlossen wurde.

„Es gab ein nettes Verhältnis zu den Eltern und zu den Schülerinnen und Schülern. Alle im Ort standen hinter der Schule. Es war eine tolle Gemeinschaft“, so die ehemalige Leiterin.

Mehrere Klassenstufen wurden zusammen unterrichtet. „Manchmal habe ich drei Diktate gleichzeitig diktiert.“

Die besondere Unterrichtsform verlangte Disziplin und Konzentration ab. „Die Kinder waren sehr selbstständig, weil sie für sich und andere Verantwortung übernahmen“, sieht Frauke Petersen die Vorzüge im damaligen Unterrichtsalltag in Uk.

Ihre Schülerinnen und Schüler wechselten in der Regel nach Tingleff – zu ihrem Schwager Harald.

Verwurzelt und ehrenamtlich aktiv

Als Lehrerin an einer deutschen Schule in Nordschleswig war es für Frauke Petersen eine Selbstverständlichkeit, sich auch außerschulisch in der Minderheit zu engagieren. Sie war BDN-Ortsvereinsvorsitzende, Vorsitzende des Sozialdienstes Tingleff, Seniorenausschussvorsitzende des Sozialdienstes Nordschleswig und nahm generell viel am Kultur- und Vereinsleben der Volksgruppe teil.

Auch wenn sie mittlerweile ohne Ehrenämter ist, hat sich daran nichts geändert. Ob Lesungen, Sankelmarktagung, Vorträge, Veranstaltungen oder Reisen mit dem Sozialdienst: Frauke Petersen ist viel und gern dabei.

Für ihr soziales Engagement unter anderem im Sozialdienst in Nordschleswig wurde Frauke Petersen 2013 vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ausgezeichnet. Die Ehrennadel überbrachte der Geschäftsführer des „ADS Grenzfriedensbundes“, Ernst-Peter Rodewald, damals im Rahmen eines überregionalen Seniorentreffens in der Deutschen Nachschule Tingleff (Archivfoto).

„Die Minderheit ist meine Familie“, bringt die noch 84-Jährige ihre Verbundenheit auf den Punkt. Nach Deutschland zu ziehen, wo sie aufgewachsen ist, sei ihr nie in den Sinn gekommen.

Als die Landwirtschaft in Wollerup aufgegeben wurde, die drei Kinder erwachsen waren und der Ruhestand nahte, stellte sich eher die Frage, wo in Nordschleswig der Lebensmittelpunkt sein sollte.

Für Tingleff entschieden

„Es wurde kurz an Apenrade gedacht, weil Peter dort Freunde hatte und im Kegelklub aktiv war. Wir entschieden uns aber für Tingleff, und das war die richtige Entscheidung. Ich habe mich hier immer wohlgefühlt“, sagt Frauke Petersen, die einen großen Freundes- und Bekanntenkreis pflegt. „Ich habe auch immer noch einen guten Kontakt zu den ehemaligen Nachbarn im Sneppevænget, wo wir damals von Wollerup hinzogen“.

Der halbrunde Geburtstag wird in mehreren Abschnitten gefeiert, um Familie und Freunde angemessen teilhaben zu lassen. Der Platz soll ja ausreichen.

Frauke Petersen in der Einfahrt ihres Hauses am Gartnervænget in Tingleff. Hier fühlt sie sich wohl.

Die Söhne kommen zum Gratulieren

Nach Tingleff kommen dann auch die drei Söhne Bernd, Dirk und Frank, die als Kinder und Jugendliche natürlich deutsche Einrichtungen besuchten, darunter die deutsche Schule Tingleff und zum Teil das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade.

Bernd wohnt in Hamburg, Dirk in Hadersleben (Haderslev) und Frank in Varde. Zu den Gratulanten zählen auch vier Enkelkinder. Sie können sich über eine geistig frische und belesene Oma freuen, die nach wie vor unternehmungslustig ist.

Vor allem das Reisen mag Frauke Petersen gern. Mit ihrem Mann besuchte sie einst viele Länder. Namibia, China, Marokko, Südafrika sowie Schottland und andere europäische Länder zählten zu den Reisezielen. Und natürlich Deutschland. Sobald der Sozialdienst eine Tour in Regionen ihres Geburtslandes anbietet, ist die bald 85-Jährige oft dabei. Früher hat sie für die Minderheit – für die Familie – selbst Reisen organisiert.