Deutsche Minderheit

Anke Tästensen im Porträt: „Schulrätin war nie der Plan“

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Anke Tästensen ist ein Workaholic, trotzdem fand sie immer Zeit für ihre große Leidenschaft – ihre Pferde.

Eigentlich kaum zu glauben, dass der Tag von DSSV-Schulrätin, Pferdebesitzerin, sechsfacher Mutter und 15-facher Oma Anke Tästensen – wie der von allen anderen Menschen – nur 24 Stunden hat. „Der Nordschleswiger“ hat sie zum Porträt in ihrem Heuboden-Zuhause in Lügumkloster getroffen.

Sie macht keinen Hehl draus: „Es wird schwer, loszulassen“, sagt Anke Tästensen. Die scheidende Schulrätin der Minderheitenschulen sitzt am großen Esstisch neben ihrer modernen, graugrünen Wohnküche, die die 67-Jährige und ihr Mann Friedrich „Fiddi“ mitten in ihr Wohnzimmer auf dem Heuboden gebaut haben.

Die beiden haben nicht immer auf dem Heuboden ihres Pferdehofes gewohnt. Bis vor zwei Jahren lag hier zwischen den alten Balken, die heute abgeschliffen und wohnschick sind, tatsächlich noch Heu. Die Wohnung ist geräumig – hätte aber nicht den Platz für eine Familie mit sechs Kindern geboten. Bis vor zwei Jahren haben die Tästensens im großen Haupthaus gewohnt, in dem Ankes und Fiddis jüngster Sohn Lasse heute mit seiner Frau und den drei Kindern lebt.

Anke hat Fiddi am DGN kennengelernt

Ihre gemeinsame Zeit begann am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig, das Anke und Fiddi – beide Kinder von Minderheitenfamilien – besuchten.

Fiddi stammt aus Lügumkloster. Das Grundstück haben die beiden 2006 von Fiddis Eltern übernommen, als sie von Osterhoist (Øster Højst) wegzogen. Ankes Familie stammt aus Apenrade (Aabenraa), ihr Vater Arthur Lessow war seiner Zeit selbst fast 20 Jahre lang Schulrat des DSSV.

Ich wollte nie aus Nordschleswig weg, auch wenn es interessante Angebote gab.

Anke Tästensen

Anke und Fiddi sind also tief in Nordschleswig verwurzelt, aber während es ihren Mann bis vergangenes Jahr fast 20 Jahre lang als Landesdirektor der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in die Ferne zog, blieb Anke ihrer Heimat treu.

Anke und ihr Mann Friedrich „Fiddi“ Tästensen vor ihrem zur Wohnung ausgebauten Heuboden in Lügumkloster.

„Ich wollte nie aus Nordschleswig weg, auch wenn es interessante Angebote gab.“ Anke hat an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg studiert, und abgesehen von einem Auslandssemester in England hat sie immer hier in Nordschleswig gelebt.

Aber nicht nur Nordschleswig ist ihr Zuhause, sondern auch die Schule. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lehrerin, später als Schulleiterin an deutschen Schulen. „Ich liebe Sprachen und wollte immer mit Kindern arbeiten“ – da war die Lehrerinlaufbahn naheliegend.

„Schulrätin war nie der Plan“, sagt sie. Auch wenn ihr Vater Schulrat war, hat sich die Frage für Anke nie gestellt – bis die Stelle 2018 vakant war. Dass die Arbeit als Schulrätin zwar noch Arbeit für, weniger aber Arbeit mit Kindern bedeutete, war ihr bewusst.

„Das war anfangs auch eines meiner Bedenken.“ Letztlich hielten die Aufgaben als Schulrätin Anke jedoch so sehr auf Trab, dass kaum Zeit blieb, die anfänglichen Bedenken zu vertiefen.

Anke tanzt auf vielen Hochzeiten

„Ja, das Arbeitspensum ist groß“, sagt Anke, ohne dabei ermüdet zu klingen. Im Gegenteil: Ihr huscht ein Lächeln übers Gesicht, das vermuten lässt: Der Job als Schulrätin verlangt ihr viel ab, aber genau das liebt sie. Sie spricht von „längeren Arbeitstagen“, und bei der Frage, was „länger“ bedeutet, muss sie erneut schmunzeln. „Naja, manchmal verlasse ich morgens um 7 Uhr das Haus und komme abends um halb 10 zurück.“

Wer sich mit Anke über ihr Leben unterhält, glaubt schnell, dass es irgendwo Zeit geben muss, die man sich kaufen kann, wenn 24 Stunden für einen Tag nicht ausreichen. Trotzdem bleibt es ein Rätsel: Wie kann ein Mensch so viele Verpflichtungen, Aufgaben und Rollen haben und dabei so abgeklärt und – zumindest nach außen – einen so entspannten Eindruck hinterlassen?

Lkw-Führerschein für die Großfamilie

Sechs Kinder großgezogen, Großmutter von 15 Enkelkindern, der Mann gute zwei Jahrzehnte im Ausland, währenddessen Lehrerin, Schulleiterin an zwei Schulen, später Schulrätin des DSSV und ach ja: Dann ist da noch das Engagement als Mitbegründerin des Instituts für Minderheitenpädagogik und aktuell ist Anke auch Generalsekretärin im ECNAIS – dem Europäischen Rat der freien Schulverbände.

Die Liste klingt erschlagend, aber Anke erzählt aus ihrem Leben, als hätte sich einfach alles so ergeben, und für jede Herausforderung gab es eine Lösung – zum Beispiel in Form eines Lkw-Führerscheins. Anke muss lachen:

„Ja, ich habe einen Lkw-Führerschein“, beginnt sie die Anekdote. „Damals konnte man vergünstigt einen Kleinbus kaufen, wenn man einen Lkw-Führerschein hat.“ Also habe sie diesen gemacht. „Mit sechs Kindern brauchten wir schließlich ein großes Fahrzeug.“

Bei all ihren Interessen, Bestrebungen und Verpflichtungen möchte man meinen, es bleibt keine Luft für Freizeit, aber wie eingangs beschrieben, wohnt Anke auf einem Pferdehof.

„Ich war seit meiner Kindheit ein Pferdemädchen“, sagt die Besitzerin von fünf Pferden. Das Reiten ist immer ihre große Leidenschaft gewesen und geblieben. „Klar, gab es Zeiten, in denen das Reiten etwas kürzer kam. Aber ich habe nie aufgehört und möchte auch wieder mehr reiten, wenn ich in den Ruhestand gehe.“

Die Pensionierung ihres Mannes im vergangenen Jahr war bereits eine Umstellung. Nach fast 20 Jahren im Ausland ist er seit 2023 wieder ganz zu Hause. Die beiden strahlen Harmonie aus, lassen einander ausreden, sprechen liebe- und respektvoll übereinander.

Die Balken in der Stube erinnern daran, dass hier eigentlich mal ein Heuboden war.

Das Paar ist seit Jahrzehnten zusammen – haben Fiddis Auslandseinsätze die Beziehung oder das Familienleben nicht belastet? „Vielleicht hat es ja genau deshalb so lange funktioniert“, scherzt Anke und lacht in seine Richtung.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? „Nein, so ist es auch nicht. Es war schon auch belastend, vor allem aber, weil die Orte, an denen Fiddi war, Krisengebiete waren.“

Die Angst, dass Fiddi etwas passiert, war immer präsent.

Anke Tästensen

Darunter Afghanistan, Pakistan, Usbekistan, Syrien, Irak – oft durfte Anke ihren Mann nicht besuchen, weil die Einreise zu gefährlich gewesen wäre. „Die Angst, dass ihm etwas passiert, war immer präsent und auch etwas, das wir regelmäßig besprochen haben.“

Tochter Christina starb im Alter von zweieinhalb Jahren

Die Tästensens haben bereits mit dem Verlust eines Familienmitglieds umgehen müssen. „Unsere Tochter Christina starb 1988, als sie zweieinhalb Jahre alt war.“ Anke räuspert einen Kloß im Hals weg und starrt mit glasigen Augen aus dem Fenster. „Niemand weiß, warum.“

Christina sei mit ihren beiden älteren Geschwistern Anne und Maike zum Spielen draußen gewesen und einfach umgekippt. „Ich hätte gern eine Antwort gehabt“, aber auch eine Obduktion konnte diese nicht liefern.

Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden – das tut sie nicht.

Anke Tästensen

Wie macht man nach so einem Verlust weiter? „Du musst irgendwie funktionieren.“ Schließlich waren da noch zwei andere Kinder und ein Säugling – Rikke war gerade vier Wochen alt, als Christina starb. „Ich glaube, dass die drei anderen Kinder uns am Leben gehalten haben.“

Anke auf ihrem Balkon, der einen Blick auf die Pferdeweide bietet.

„Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden – das tut sie nicht“, sagt Anke. „Es tut für immer weh, aber es ist nicht mehr dieser wahnsinnig tiefe Schmerz.“ Wobei auch der sie immer wieder einholt. Etwa, wenn sie auf Menschen trifft, die Ähnliches erlebt haben. „Das ist schon.... Puhh“, Anke muss schlucken. „Es ist das Schlimmste, was passieren kann.“

Auch wenn der Verlust ihrer Tochter Anke bis heute immer wieder einholt: „Wir mussten uns damit abfinden, dass wir keine Erklärung für Christinas Tod bekommen, also haben wir nach vorn geschaut.“ Weitere Kinder ersetzen kein verstorbenes Kind.

„Das hat damit gar nichts zu tun. Aber unser Leben ging weiter, und wir wollten mehr Kinder“, führt Anke ihre Lebensgeschichte weiter aus, und die getrübte Stimmung lockert wieder auf. „Dann wurde 1990 Niels geboren, und 1992 gab's ja noch einen Nachschlag mit den Zwillingen“, scherzt Anke und muss lachen.

15 Enkelkinder halten Anke auf Trab

Der Nachwuchs sorgt bis heute dafür, dass in Ankes Leben keine Langeweile aufkommt. Ihre Pensionierung im Januar wird sicher eine große Umstellung für einen Workaholic wie sie. Aber sechs Kinder, 15 Enkelkinder, fünf Pferde und schließlich ihr Ehemann und Jugendliebe Fiddi werden Anke schon beschäftigen.

Und der Umstand, dass ihr Sohn Lasse die Geschäfte des DSSV übernimmt, scheint Anke auch ganz gelegen zu kommen. „Ja, aber das ist doch super!“, sagt sie halb ironisch, halb ernst. „So bekomme ich immer ganz viel mit.“

Ihre Norweger sind Anke Tästensens große Leidenschaft.