Schicksal

Von der Brust abwärts gelähmt: Lukas’ Weg zurück ins Leben

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Lukas von Arenstorff in der Speiseabteilung seiner modernen Wohnung – mit seiner Freundin Benedikte Falkenløwe und der Doodle-Hündin Jojo

Ein Kopfsprung veränderte Lukas von Arenstorffs Leben für immer. Heute, fünf Jahre später, erzählt der 26-Jährige seine Geschichte der Überwindung und Anpassung. In seiner Sonderburger Wohnung berichtet er dem „Nordschleswiger“ von den Hindernissen, die er meistert, und was ihm dabei hilft.

An einem warmen Sommerabend im Jahr 2019 nahm Lukas, damals ein sportlicher 21-jähriger Student, an einer ausgelassenen Party in Höruphaff (Høruphav) teil. In einem Moment der Unbesonnenheit wagte er einen Kopfsprung ins Wasser. „Ich dachte nicht nach, ich sprang einfach“, erinnert sich Lukas. Aber das Wasser war zu flach. Sein Kopf prallte auf den Grund, und in diesem Bruchteil einer Sekunde brach er sich den Nacken.

„Plötzlich konnte ich nur noch meinen Kopf bewegen. Alles andere reagierte nicht mehr“, beschreibt Lukas den Moment nach dem Unfall. Seine Freunde zogen ihn aus dem Wasser und hievten ihn vorsichtig auf die Badebrücke. Ein Rettungshelikopter brachte ihn ins Krankenhaus Skejby in Aarhus, wo er noch in der Nacht operiert wurde.

Am nächsten Tag erhielten Lukas und seine Eltern die erschütternde Diagnose. „Als die Ärzte mir sagten, dass der Bruch fatale Konsequenzen hatte, wusste ich: Das ist überhaupt nicht gut", erinnert er sich. Der einst durchtrainierte junge Mann musste sich auf ein Leben im Rollstuhl einstellen.

Lukas von Arenstorff

Unterstützung durch Familie und Freunde

Für Lukas' Umfeld war die Situation ebenfalls herausfordernd. „Meine Freunde wussten, es ist nicht wie vorher. Aber wer mit mir sprach, erlebte mich ja ganz normal. Ich war derselbe, konnte mich aber einfach nicht bewegen“, erklärt er. Die Unterstützung seiner Familie und Freunde erwies sich als unschätzbar wertvoll. „Man kommt da nicht durch, wenn man keine starke Familie und gute Freunde hat“, betont Lukas. Besonders die Beziehung zu seinem Bruder Tobias intensivierte sich: „Er weiß genau, wo und welche Art von Hilfe ich benötige.“

Lukas hat gelernt, mit seiner neuen Realität umzugehen. Fünf Helferinnen und Helfer unterstützen ihn im Alltag. „Sie sind meine Arme und Beine. Ohne sie könnte ich das Leben hier gar nicht führen“, sagt er dankbar. In den ersten sechs Monaten nach dem Unfall konnte Lukas durch intensives Training einige Funktionen zurückgewinnen. Fortbewegen kann er sich aber weiterhin nur mithilfe des Rollstuhls. „Ich hätte mir mehr gewünscht, aber so bin ich nun mal“, reflektiert er. Seine positive Einstellung half ihm, die Herausforderungen anzunehmen.

Blick in die Zukunft

Trotz der Einschränkungen blickt Lukas optimistisch in die Zukunft. „Mein Unfall hat mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist. Jetzt möchte ich es in vollen Zügen genießen und anderen Mut machen“, sagt er mit einem Lächeln.

Lukas von Arenstorffs Geschichte ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie man trotz schwerer Schicksalsschläge nicht aufgibt. Mit Unterstützung seiner Lieben und einer bemerkenswerten inneren Stärke gestaltet er sein Leben neu – ein Leben, das zwar anders, aber nicht weniger wertvoll ist.

Beim Aufprall wurden Lukas' Nerven im Nacken nicht durchtrennt, aber schwer beschädigt. „Die Verbindung zwischen den Nerven war zerstört“, erklärt er. Während seiner Rehabilitation beobachtete Lukas, wie andere Patienten, teilweise sogar ältere, schnellere Fortschritte machten. Einige konnten das Krankenhaus sogar zu Fuß verlassen. „Es war frustrierend, die eigenen kleinen Fortschritte nicht so deutlich wahrzunehmen“, gesteht er.

Mein Unfall hat mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist. Jetzt möchte ich es in vollen Zügen genießen und anderen Mut machen.

Lukas von Arenstorff

Jeden Tag denkt er an den Abend, der alles veränderte

Lange Zeit verzichtete Lukas auf professionelle psychologische Hilfe. „Meine Freunde und Familie waren meine psychologische Stütze“, sagt er. Heute kann er sich auch mit seiner Freundin austauschen. Dennoch überlegt er nun, eine Psychologin oder einen Psychologen aufzusuchen. „Es dauert, bis man alles verarbeitet hat. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht daran denke“, meint er.

Lukas erinnert sich genau an den Unfall in Höruphaff. „Es war 22.30 Uhr, ich konnte den Boden nicht sehen. Im Nachhinein war es eine dumme Entscheidung, aber wie oft macht man etwas Riskantes und es geht gut? „Dieses Mal hatte ich kein Glück“, sagt er nachdenklich. Er erinnert sich an jede Sekunde: den Aufprall, die plötzliche Bewegungsunfähigkeit, den Hilferuf.

Seit dem Unfall im Sommer 2019 unterzieht sich Lukas jedes Jahr Operationen. Eine Operation am linken Arm brachte deutliche Verbesserungen – er kann die Hand wieder schließen. Die rechte Hand soll als Nächstes behandelt werden.

Lukas von Arenstorff hat eine moderne Smartwatch, mit der er auch telefonieren kann. Von der Terrasse im dritten Stockwerk aus können Lukas und seine Freundin über das Wasser und zur Düppeler Mühle schauen.

Eine Liebesgeschichte im Zeichen der Stärke

Lukas von Arenstorff und Benedikte Falkenløwe lernten sich vor einem Jahr bei Freunden kennen. Ihre Beziehung ist ein Beispiel dafür, wie Liebe Barrieren überwinden kann.

„Früher war es eine andere Sache mit Mädchen, aber jetzt bin ich verwundbarer. Man muss dem anderen voll vertrauen können“, gesteht Lukas und blickt liebevoll zu Benedikte. Die 22-Jährige arbeitet mit Hirngeschädigten und in der Heimpflege. Sie bringt eine einzigartige Perspektive in ihre Beziehung ein.

„Meine Arbeit hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass ich den Rollstuhl eigentlich nicht richtig wahrnehme. Ich sehe nur Lukas“, erklärt sie lächelnd. „Manchmal vergesse ich sogar, dass er im Rollstuhl sitzt.“ Diese Sichtweise zeigt, wie tief ihre Verbindung geht, jenseits physischer Einschränkungen. Lukas ergänzt verständnisvoll: „Sie weiß, dass ich einfach mehr Zeit brauche. Aber so ist es nun mal." Gegenseitige Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis bilden das Fundament ihrer Beziehung.

Im Nachhinein war es eine dumme Entscheidung, aber wie oft macht man etwas Riskantes und es geht gut? Diesmal hatte ich kein Glück.

Lukas von Arenstorff

Reisen als Herausforderung und Abenteuer

Vor einigen Wochen wagten die beiden ihre erste gemeinsame Reise. Mit zwei Helfern flogen sie von Hamburg nach Mallorca. „Ich wollte gern mal wieder fliegen“, erzählt Lukas. Die Erfahrung offenbarte jedoch die Herausforderungen, denen Menschen mit Behinderungen im Reiseverkehr gegenüberstehen.

„In Hamburg war es problematisch. Sie hatten dort überhaupt keine Helfer für mich“, berichtet Lukas. Er schildert, wie er nach dem Rückflug 45 Minuten im Flugzeug warten musste, nachdem alle anderen Passagiere bereits ausgestiegen waren.

„Das war völlig grotesk“, fügt er hinzu. Diese Erfahrung unterstreicht die Notwendigkeit verbesserter Unterstützung an Flughäfen. Trotz dieser Schwierigkeiten genoss das Paar seinen Urlaub. Lukas hatte sein kleines mobiles Fahrrad mit Batterie dabei, das an den Rollstuhl gespannt wird. „Für mich ist das Fahrrad ein wichtiges Stück Freiheit“, betont er. Diese Mobilität ermöglicht es ihm, unabhängiger zu sein und neue Orte zu erkunden.

Lukas von Arenstorff mit seinem iPad am Schreibtisch

Von Abenteuerlust zu neuen Herausforderungen

Lukas' Leben vor dem Unfall war geprägt von Abenteuerlust und Reiseleidenschaft. Er liebte es, Neues zu erkunden und zu erleben.

„Ich wollte schon immer Spaß haben, aktiv sein und Sachen mit Freunden machen“, erinnert er sich. Heute findet Lukas neue Wege, seine Leidenschaften auszuleben. Der frühere Schüler der Deutschen Schule Sonderburg genießt es, mehrere Sprachen zu beherrschen – Dänisch, Deutsch, Englisch und Schwyzerdütsch. Seine vielseitigen Interessen und seine Arbeit in der HR-Abteilung bei Danfoss zeigen, wie er sich trotz veränderter Umstände weiterentwickelt.

Für Benedikte Falkenløwe ist das Lego-Spiel beruhigend. Sie hat schon mehrere recht anspruchsvolle Kreationen zusammengebaut.

Ratschläge und Zukunftsperspektiven

Auf die Frage nach einem Rat für andere antwortet Lukas: „Ich konzentriere mich immer auf das, was ich kann, und nicht so sehr auf das, was ich nicht mehr kann. Hobbys sind wichtig, damit man auf andere Gedanken kommt.“

Lukas bleibt aktiv und pflegt seine sozialen Kontakte. Er unternimmt Ausflüge mit seinem Hund und seiner Freundin in die Natur. „Das liebe ich“, sagt er.

Auch seine Leidenschaft für Sportwagen ist geblieben: „Ich bin schon in mehreren mitgefahren, auch nach dem Unfall.“ Mit Blick in die Zukunft hofft Lukas auf medizinische Fortschritte: „Vielleicht können Chirurgen irgendwann den Kontakt von meinem Gehirn zum Rest des Körpers wieder herstellen. So wie zum Beispiel Elon Musks Neuralink oder die Stammzellenforschung.“

Ich konzentriere mich immer auf das, was ich kann, und nicht so sehr auf das, was ich nicht mehr kann. Hobbys sind wichtig, damit man auf andere Gedanken kommt.

Lukas von Arenstorff

Lukas von Arenstorff