Deutsche Minderheit

Marianne Møller über ihr Leben als Enkelin von NSDAP-Leiter Jens Møller

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Marianne Møller lebt in Hadersleben und arbeitet als Tierärztin für die dänische Lebensmittelbehörde.

Marianne Møller ist die Enkelin von Jens Møller, dem einstigen Leiter der NSDAP in Nordschleswig. Erst spät erfuhr sie von der Rolle ihres Großvaters: „Es ist sehr wichtig, manchmal den Koffer zu öffnen und zu erzählen, dass man sich auch wundert über einige Sachen.“

Marianne Møller ist die Enkelin von Jens Møller, dem ehemaligen Leiter der NSDAP in Nordschleswig. Über die Rolle ihres Großvaters erfuhr sie lange nichts: „Das war erst später in meiner Jugend, weil wir nie darüber geredet haben in meiner Familie. Eigentlich erst in meiner Teenagerzeit, als ich näher ran an meine Großmutter zog.“

Ihre Großmutter Marie „Mimi“ Møller heiratete 1925 den Tierarzt Jens Møller, das Paar bekam drei Söhne, Mariannes Vater Karsten war einer davon. Ihren Großvater hat die 62-Jährige nie kennengelernt. Jens Møller starb 1951 bei einem Verkehrsunfall, ein Jahr, nachdem er aus der Haft entlassen worden war.

Jens Møller hört in Berlin Adolf Hitler reden

Warum sich ihre Großeltern von der nationalsozialistischen Bewegung als leitendes Paar in Nordschleswig vor den Karren spannen ließen, kann sich Marianne Møller bis heute nicht genau erklären.

Bekannt ist: Bei einer Reise nach Berlin besucht der junge Tierarzt eine Propaganda-Veranstaltung der Nationalsozialisten, hört Adolf Hitler reden und ist begeistert.

In der Familie wurde das Thema Nationalsozialismus kaum angesprochen. „Es war offenbar zu schwer. Deswegen wurde nicht drüber geredet“, erinnert sich Marianne Møller.

Auch von ihrer Großmutter „Mimi“ erhielt Marianne Møller nur bruchstückhafte Informationen: „Sie hat nicht direkt darüber geredet. Sie hat nur erzählt, dass sie immer gut befreundet war mit einem Herrn Dr. Best. Aber das ging mir ja dann erst später auf, wer das eigentlich war.“

Jens Møller, Leiter der NSDAP-N

Jens Møller wuchs in einer dänischen Familie in Nordschleswig auf und wurde als erstes Kind der Familie nach Flensburg aufs Gymnasium geschickt. Er studierte Tiermedizin in Hannover und erlebte bei einem Aufenthalt in Berlin eine Rede von Adolf Hitler, die in ihm eine Begeisterung für den Nationalsozialismus weckte.

Werner Best war ein hoher nationalsozialistischer Funktionär, Jurist und SS-Obergruppenführer. Während der deutschen Besatzung Dänemarks (1942–1945) war er als „Reichsbevollmächtigter“ der wichtigste Vertreter des NS-Regimes im besetzten Dänemark.

Erst durch Briefe und Archivmaterial, das im Zusammenhang mit einem Buchprojekt über Werner Best auftauchte, wurde Marianne Møller 2013 das Ausmaß der Familiengeschichte bewusst: „Das war dann für mich ein Zeitpunkt, wo ich viel Neues erfahren habe.“

Heute spricht sie offen über die Vergangenheit ihres Großvaters und die Geschichte ihrer Familie. Auf Einladung der Gesprächsreihe „Die Fremden“ nahm sie am Mittwochabend an einer Diskussionsrunde im Sonderburger Multikulturhaus teil.

Über 50 Personen kamen am Mittwoch auf Einladung der Gesprächsreihe „Die Fremden“ ins Multikulturhaus nach Sonderburg, um sich die Lebensgeschichte von Marianne Møller anzuhören.

Gerade wenn man etwas vielleicht lieber nicht ansprechen möchte, sollte man es tun.

Marianne Møller

Eine Teilnahme, die ihr gleichermaßen am Herzen und im Magen lag, wie sie verriet. „Es ist aufregend und es ist ein sehr persönliches Thema, das mich auch sehr berührt, und so sind viele Gefühle mit im Spiel. Aber es ist mir wichtig, darüber zu reden, eben weil so lange geschwiegen wurde.“

Bis heute stellt sie sich die Frage, warum sich ihre Großeltern vom Nationalsozialismus haben begeistern lassen. „Eine Antwort habe ich von meiner Großmutter nie bekommen. Sie hat mir davon erzählt, wie sie die feinen Tafeln für die gesellschaftlichen Zusammenkünfte auf dem Hof Skovgaard eingedeckt hat. Aber ob und in welchem Umfang sie von der Ideologie der Nationalsozialisten überzeugt war, das weiß ich nicht.“

Ilse Friis vom Deutschen Museum Nordschleswig (r.) hat viele der Briefe aus der Familie Møller gelesen. Hier ist sie im Gespräch mit Marianne Møller und Tue Søvsø, dem Veranstalter von „Die Fremden“.

Fest steht aber, dass Mimi Møller die Freundschaft zum ehemaligen SS-Obergruppenführer Dr. Best auch nach dem Krieg fortsetzt. Sie besucht ihn unter anderem im Gefängnis von Horsens, versorgt ihn mit Pyjama und Zahnbürste und hält eine Brieffreundschaft bei.

Mimi Møller geborene Ludvigsen wuchs in Alnor in wohlhabenden Verhältnissen am Strandpark auf.

„Mein Kampf“ bei der Großmutter als Sonderausgabe

Eines Tages zeigt die Großmutter der jugendlichen Marianne Møller ein Buch: eine Sonderausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. „Ich war überrascht und wusste nicht, dass man das noch haben konnte. Aber meine Großmutter hatte das Buch aufbewahrt und mir erzählt, dass sie eine Sonderausgabe bekommen hatten.“

Inwieweit sie mit dem Inhalt des Buches vertraut war, weiß Marianne Møller nicht.

Auch Ilse Friis vom Deutschen Museum in Sonderburg, die ebenfalls am Gesprächsnachmittag teilnahm, hat auf diese Frage keine eindeutige Antwort. „Jens Møller war ein gut begabter Mann, von der Ideologie der Nationalsozialisten hat er vermutlich gewusst. Als er im Gefängnis saß, haben er und seine Frau Mimi viele Briefe geschrieben. In denen hat er Selbstzweifel geäußert, aber Mimi hat immer gesagt: ,Zu dem Zeitpunkt, als du es gemacht hast, war es richtig und du solltest dazu stehen‘."

Marianne Møller im Gespräch mit Hans Christian Bock

Ilse Friis leitet im Deutschen Museum ein Forschungsprojekt, das Frauenschicksale in der Zeit des Nationalsozialismus bearbeitet – unter anderem das Leben von Mimi Møller.

Für Marianne Møller ist es notwendig, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen: „Es ist sehr wichtig, manchmal den Koffer zu öffnen und zu erzählen, dass man sich auch wundert über einige Sachen. Und dass man es nicht verstecken muss. Gerade wenn man etwas vielleicht lieber nicht ansprechen möchte, sollte man es tun.“

Interreg-Projekt „Die Fremden“

Projektbeschreibung: Das Interreg-Projekt „Die Fremden“ („De Fremmede“) ist eine grenzüberschreitende Initiative, die das Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet thematisiert.

Beteiligte: Deutsche und dänische Büchereien aus dem deutsch-dänischen Grenzland. Darunter sind kommunale Bibliotheken, Stadtbüchereien sowie die Büchereien der deutschen und der dänischen Minderheit.

Veranstaltungen: Im Jahr 2025 werden rund 22 Veranstaltungen organisiert, davon die Hälfte im Frühjahr, die andere Hälfte im Herbst.

Standorte: Die Veranstaltungen finden in Tondern (Tønder), Apenrade (Aabenraa), Sonderburg (Sønderborg), Schleswig (Slesvig), Flensburg (Flensborg) und Niebüll (Nibøl) statt.

Finanzierung: Das Projekt erhält 380.000 Kronen aus dem Interreg-Topf für Bürgerprojekte.

Ziel: Förderung des interkulturellen Dialogs und Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Region.