Lebenserinnerungen

Hamburgerin fand im Zweiten Weltkrieg ihre Liebe in Dänemark

Veröffentlicht Geändert
Ingrid Larsen in ihrer Wohnung im Margretheparken

In Hamburg ist Ingrid Marie Larsen geboren und wuchs dort während des Zweiten Weltkrieges auf: mit Nazis, Luftangriffen, Bunkern und Granatsplittern. Aber sie lernte auch eine Familie in Faaborg kennen, die ihr Leben verändern sollte.

Ingrid Marie Larsen ist gebürtige Hamburgerin, lebt aber seit sieben Jahren in Sonderburg in einer Wohnung am Margretheparken 41 – mit Blick auf den Alsensund. Die 93-jährige Frau ist rüstig, sie lächelt, und sie ist ein sehr positiver Mensch. Trotz allem. Denn sie wuchs als Einzelkind im Zweiten Weltkrieg heran, und diese dramatischen Jahre haben den Rest ihres Lebens geprägt. Ihre Erlebnisse, ihre Memoiren, hat sie für ihre Nachfahren niedergeschrieben.

„Ich weiß eigentlich nicht, wie weit meine Erinnerungen zurückgehen. Aber wenn ich zurückdenke, dann weiß ich, dass dort immer der Nazismus und der Krieg waren. Es gibt keine glücklichen Erinnerungen, oder nur sehr wenige davon. Mich lässt die dunkle Vergangenheit nicht los. Ich habe dem Tod so oft in die Augen geschaut, aber nie eine Leiche gesehen.“

Mit dieser ernüchternden Feststellung beginnt Ingrid Marie Larsens fein säuberlich auf einer Schreibmaschine verfasste Geschichte. Sie kann sich an viele Details erinnern. Für Fremde hat sie gleich eine Botschaft, die viele überraschen wird: „Ich habe meinen Bruder geheiratet.“ Und das stimmt sogar. Aber darüber später mehr.

Als der Krieg ausbrach

Ingrid Larsen (r.) mit dem Hund Bjørn, ihrer Freundin Jutta aus Hamburg und dem Sohn eines Sägewerk-Mitarbeiters

Ihre Eltern lehnten den Nationalsozialismus ab, aber die kleine Ingrid wollte – wie andere Kinder in Hamburg – in die Küken-Gruppe, den Vorposten des Bundes Deutscher Mädel. Überall, wo Ingrid war, wurde immer nur positiv über die Nationalsozialisten gesprochen. Nur in ihrer Familie nicht.

Eines Tages holte sich die Mutter ihre kleine Ingrid in die Stube und setzte sich das kleine Mädchen auf den Schoß. Die Mutter war sehr ernst: „Meine Ingrid. Wir haben Krieg.“ Dann rannen ihr die Tränen über die Wangen. „Ich hatte meine Mutter noch nie weinen sehen, und ich war entsetzt. Ich fragte sie: Warum weinst du? Sie erklärte mir, dass der Krieg etwas Schreckliches sei. Die Menschen würden hungern und viele sterben“, so Ingrid Larsen, die es damals nicht verstand.

Das kann doch nicht so schlimm sein, meinte sie: „Die können doch einfach wieder aufstehen.“ Aber ihre Mutter klärte sie auf. „Ich verstand überhaupt nichts davon, aber ich hatte das Gefühl, dass etwas sehr Schlimmes passierte. Das war meine erste Begegnung mit dem Krieg.“

Los ging es mit Meldungen von ersten Kriegswirren im Ausland, dann Luftangriffen und die Flucht in einen sicheren Schutzkeller in der Fabrik Krönert, wo ihr Vater arbeitete. Auch das Essen war im zweiten global geführten Krieg sämtlicher Großmächte nicht mehr so reichlich. Es herrschten mehr und mehr Begrenzungen. Um den Kindern eine erholsame Pause zu verschaffen, wurden Mädchen und Jungen in die damalige Kinderlandverschickung gebracht.

Große Teile von Hamburg wurden im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Im Hintergrund ist die St.- Michaelis-Kirche zu sehen.

Ein Brief mit vielen Küssen

Ingrids erster Aufenthalt in Vorpommern war für das kleine Mädchen aus Hamburg keine erholsame Pause. Beim zweiten Mal ging es für sie ein halbes Jahr nach Bautzen in ein Schullandheim. Sie hatte mit ihrer Mutter vereinbart, dass sie in ihren Briefen nicht schreiben durfte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Die Briefe wurden kontrolliert. Also vereinbarten Mutter und Tochter, dass sie in ihren Briefen mit ihren abschließenden Küssen und mit vielen Nullen angeben konnte, wenn ihr etwas nicht gefiel. „Zuletzt gingen die Nullen quer über die ganze Seite“, gibt Ingrid Larsen lachend zu.

Mit elf Jahren ging es 1943 für die kleine Ingrid in ein kleines Dorf im Königreich Dänemark, das für die Hamburgerin mitten in den Kriegswirren der beste Ort in der Welt werden sollte. Von Altona fuhr sie mit einem Sonderzug ins dänische Odense und wurde von dort von ihrem Ferienwirt und dessen Sohn in einem Lastwagen weiter zu einem Sägewerk in Haastrup auf Fünen gebracht. Bei der Familie Larsen sollte sich das Hamburger Mädel die nächsten sechs Wochen verwöhnen lassen. Bei ihrer Ankunft kam ihr schwanzwedelnd und bellend der große Bernhardiner Bjørn entgegen – und Ingrid hatte eine Höllenangst vor Hunden. Aber die beiden wurden im Handumdrehen Freunde.

Sie freundete sich auch schnell mit dem gleichaltrigen Sohn und seiner sieben Jahre älteren Schwester Doris an. Der Sohn hieß Tage. Für das Mädchen aus dem Kriegsgebiet Hamburg war Haastrup „das reinste Paradies“. Es gab immer reichlich zu essen, die Kinder konnten ausgelassen spielen, baden und das Leben genießen.

Ingrid bei ihrem ersten Besuch im Sägewerk in Haastrup auf Fünen. Als Einzelkind hatte sie sich schon immer Geschwister gewünscht. Sie und Tage stehen in der vordersten Reihe links.

Was für die Hamburgerin aber ganz besonders war: Die Familie Larsen hatte ein Sommerhaus direkt am Strand. „Für mich war das ganz unbegreiflich. Ein eigenes Sommerhaus. Das kannte ich nicht", erzählt die 93-Jährige heute noch. Jeden Tag wurden die Kinder mit frischen Erdbeeren und Sahne oder Roter Grütze mit Milch oder Sahne verwöhnt. Schnell nannte sie das Ehepaar des Sägewerks – wie Tage und seine Schwester Doris – far und mor.

Der Brief des Vaters

Im August erhielt Ingrid vom Postboten einen Brief ihres Vaters Otto Möller mit einer erschütternden Botschaft. Der ganze Bereich von Ingrids Zuhause war zerbombt worden. „Ja, meine Ingrid. Es sieht bös, bös aus in Hamburg. Es wird wohl nicht wieder ein so schönes Hamburg geben, wie es war. Es gibt kein Eimsbüttel mehr“, schrieb er. „Ingrid, sei froh, dass du nicht hier warst und miterleben musstest, was Vater und Mutter durchgemacht haben. Die ganze Sophienallee hat gebrannt.“

Der Vater konnte fast nichts retten – nur Ingrids Puppe und ihren Puppenwagen hatte er aus dem brennenden Haus geholt. „Damit du deine Lischen noch hast, wenn du kommst. Sonst ist alles weg“, schrieb der Vater und gab seiner Tochter die neue Adresse. Auch Ingrids Schule war wie alle Schulen in Hamburg völlig zerstört.

Otto Möllers Brief vom 15. August 1943: Der Vater musste weit radeln, um den Brief mit den erschreckenden Neuigkeiten an seine Tochter Ingrid in Haastrup abschicken zu können. Ingrids späterer Schwiegervater hat das Schreiben aufbewahrt.

Ingrid erinnert sich heute noch genau an den Erhalt dieses Briefes. Aber für sie war das erschütternde Schreiben des Vaters auf Fünen eigentlich nicht das große Problem: „Das Wichtigste war, dass Papa und Mama lebten.“ Viele Kinder hatten alles verloren. In drei Nächten waren damals 40.000 Menschen umgekommen. Zur damaligen Wohnung hatte sie nach lediglich drei Wochen an der Adresse in Hamburg keinen festen Bezug.

Eigentlich hätte Ingrid sechs Wochen auf Fünen verbringen sollen. Dieser Aufenthalt wurde aber auf elf Wochen verlängert, weil viele der Kinder ihr Zuhause, andere auch Angehörige verloren hatten.

Nach elf Wochen im dänischen Paradies ging es für Ingrid wieder zurück ins zerstörte Hamburg. Die Familie hatte notgedrungen bei anderen Familienmitgliedern eine Bleibe gefunden. „Ich fühlte mich wurzellos. Ich hatte mein Zuhause, mein Spielzeug, meine Schule und meine Kameraden verloren“, sagt Ingrid Larsen noch heute.

Ein Haus im Schrebergarten

Ingrid, die Puppe Lischen und der Kinderwagen: Die Puppe und der Kinderwagen waren fast das Einzige, was der Vater aus dem brennenden Heim retten konnte.

Das neue Zuhause der kleinen Familie Möller wurde ein Fertighaus aus Holz auf dem Gelände der Krönert-Fabrik, dem Arbeitsplatz von Ingrids Vater Otto. Alle wussten, dass Ingrids Vater, der in einer Maschinenfabrik für die Rüstungsindustrie Granaten mit Druck prüfte, kein überzeugter und treuer Nationalsozialist war.

„Und er hatte ein etwas zu loses Mundwerk“, so die Tochter lächelnd. Aus seiner Abneigung gegen die Nazis machte er keinen Hehl. Das sollte später zu einem Problem für die Familie werden. Eine Mitarbeiterin der Fabrik hatte ihrem Vater Sabotage vorgeworfen. „Er wusste, dass er die Granaten-Prüf-Anzahl nicht vorschriftsgemäß schaffen konnte. Er hatte ungeprüfte Granaten zu den geprüften gelegt. Verkehrt war das von meinem Vater. Aber in einer solchen Kriegssituation ist man abgestumpft. Dann stirbt vielleicht ein Soldat. Aber der stirbt ja sowieso – so dachte mein Vater“, sagt Ingrid.

Als ihr Vater sich nach der Anzeige auf Anraten seines Chefs 1944 selbst für den Soldatendienst meldete, verschwand für die zurückgelassene kleine Familie mitten in Hamburg ein wichtiges Stück Sicherheit. Nur die Angehörigen von Mitarbeitern der Fabrik durften im Keller der Fabrik bei Bombenangriffen Schutz suchen. Als der Vater fort war, konnten auch die Mutter und Ingrid nicht mehr auf das Industriegelände.

„Sieht es so aus, wenn man tot ist?"

Ingrid Larsen im Kinderwagen. Im Hintergrund ist die Fabrik Krönert ihres Vaters zu sehen. Als das Zuhause der Familie Möller brannte, verschwanden auch alle Fotos. Die Familie hat nur Fotos, die ihnen andere Familienmitglieder geschenkt haben.

Eine Szene, die sich bei Ingrid festgemeißelt hat, war ein Tiefflieger über Hamburgs Industrieviertel. Weil Mutter und Tochter keinen Zutritt zur Fabrik hatten, mussten sie zu ihrem Haus laufen. „Ich wusste, dass ich eigentlich unter einen Busch hätte flüchten sollen. Meine Mutter war wohl zehn Meter hinter mir. Der Tiefflieger kam uns genau entgegen, und ich stand wie eingemeißelt. Er flog so tief – ich konnte sogar den Schützen und den Piloten sehen“, erklärt Ingrid. Für sie war es ein Moment, den sie nie vergessen wird. Sie hatten Glück: Ihr und ihrer Mutter passierte nichts. Plötzlich war der Flieger hinter ihr: „Ich schaute mich um und dachte: Sieht es so aus, wenn man tot ist?“

Etwas vom Schrecklichsten sind für Ingrid heute noch die großen Öltonnen, die ihr Vater zum Schutz seiner zwei Lieben im Freien vergraben hatte. Dort mussten Ingrid und ihre Mutter bei Luftangriffen Schutz suchen. Jede in eine Tonne. „In den Tonnen zu sitzen, war schrecklich. Man blieb dort, bis alles wieder ruhig war“, sagt die 93-Jährige.

In den Tonnen zu sitzen, war schrecklich. Man blieb dort, bis alles wieder ruhig war.

Ingrid Larsen

Mit den Kriegen in der Ukraine und Israel und ihren Erlebnissen aus der Kindheit kann Ingrid Larsen ihre Empörung nicht verbergen. „Dass wir nach all dem nichts dazugelernt haben. Ich verstehe es nicht“, erklärt sie und schüttelt den Kopf.

Als Dank ein Varieté-Besuch

Nach Ingrids fantastischem Besuch in Haastrup auf Fünen hielt der Sägewerkbesitzer Rasmus den Kontakt zur Familie Möller aus Hamburg. Auch nach Kriegsende. Er wollte unbedingt sehen, wie es in Deutschland nach dem Krieg aussah. „Er war ein Bewunderer Deutschlands und empfand es als fantastisch, was Hitler alles auf die Beine gestellt hatte“, erinnert sich Ingrid.

Die Familie Möller wollte sich gern bei dem Dänen Rasmus bedanken. Nach dem Krieg gab es aber wenig Lebensmittel. „Nach dem Krieg haben wir richtig gehungert. Ein Besuch im damaligen Hansa-Varieté-Theater kostete uns enorm viel Geld. Aber meine Eltern wollten sich einfach gebührend bedanken“, erinnert sich Ingrid. Tage und Ingrid freuten sich über ihr Wiedersehen in Hamburg: „Wir hatten Gefühle füreinander.“

Ingrid, die von einer Karriere als Fotografin träumte, besuchte neben ihren jahrelangen Studien in der Fotoschule ihren Jugendfreund Tage auf Fünen. Die beiden fanden nicht nur als Kinder, sondern auch als junge Menschen zueinander. „So kam es, dass wir uns ineinander verliebt haben. Ich habe dann meinen ,Bruder’ geheiratet“, meint sie augenzwinkernd. Ingrid und Tage waren von 1953 bis 2008 verheiratet. In der Ehe wuchsen zwei Töchter heran. Vor neun Jahren zog das Hamburger Mädchen nach Anraten einer ihrer Töchter und des Schwiegersohns nach Sonderburg.

Ingrid Larsen mit einem Fotoalbum voller Bilder. Vor ihr liegen die Porträts ihrer Eltern Käthe und Otto Möller.

Noch heute Angstanfälle

Die vielen dramatischen Geschehnisse aus ihrer Jugend hat Ingrid Larsen nie ablegen können. „Ich habe Traumen. Bei mir verschließt sich der Hals, und ich kriege fast keine Luft mehr. Ein Arzt meint, das ist eine Art von Angst. Eine medizinische Angst, die sich festgebrannt hat. Deshalb bin ich eine Art Sicherheitsfreak. Ich muss einfach immer gut vorbereitet sein. Immer auf der sicheren Seite sein“, so Ingrid.

Über die Erlebnisse aus der Kindheit konnte Ingrid erst nach dem Tode ihres ersten Mannes Tage schreiben. Das tat sie erst, als sie ihren Lebensgefährten Frits kennengelernt hatte. „Er war der Starke, wo ich mich immer anlehnen konnte", wie sie dankbar feststellt.

Deshalb bin ich eine Art Sicherheitsfreak. Ich muss einfach immer gut vorbereitet sein. Immer auf der sicheren Seite sein.

Ingrid Larsen

Sie hat alles niedergeschrieben, damit ihre Nachfahren wissen, warum Ingrid diese Ingrid ist: „Wie ich der Mensch wurde, der ich bin.“ Sie erzählt auch gern anderen, was sie alles durchgemacht hat. Für sie ist es eine Form der Medizin, die ihr und auch anderen und nicht zuletzt auch der Demokratie guttut: „Dass man ein Verständnis dafür bekommt. Gerade jetzt. Welche Kriege haben uns jemals was Gutes gebracht?“

Ingrid Larsen wundert sich, dass die Menschen leider nur sehr wenig aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben.