Dokumentation

Film über die Ostküste: Mit dem Rad von Skagen nach Nordschleswig

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Christian Orry
Christian Orry (rechts) mit dem mehrfach ausgezeichneten Fotografen Jakob Carlsen (Mitte) und dessen Sohn Bertram Carlsen.

Der Ultra-Radfahrer Christian Orry dreht derzeit einen Film über das Radfahren an der dänischen Ostseeküste und trifft dabei fahrradbegeisterte Menschen. Seine letzte Etappe führte ihn nach Nordschleswig, wo Journalist Gerrit Hencke auf dem Gravelbike am Knivsberg wartete. Ein Erfahrungsbericht.

Die Wetteraussichten an diesem Montagmorgen sehen alles andere als gut aus. Regen und Gewitter sind für den Vormittag angesagt. Eigentlich würde ich bei diesem Wetter eher nicht Radfahren. Weil aber Anfang Mai eine Mail mein Interesse weckte, stehe ich jetzt am Fuß des Knivsbergs.

Die Mail stammte von Christian Orry. Er suchte für einen Film über das Radfahren an der Ostküste einen radbegeisterten Menschen. Weil ich schon das ein oder andere Mal über das Thema Artikel verfasst habe und in zweieinhalb Jahren beim „Nordschleswiger“ vermutlich als Radfahrer aufgefallen bin, wurde ich ihm vorgeschlagen. Nach einem Telefonat und ein paar weiteren Mails war klar: Am 23. Juni drehen wir zusammen ein paar Filmszenen in Nordschleswig. Ich schlug als Treffpunkt besagten Knivsberg vor – den höchsten Punkt Nordschleswigs und das kulturelle Herz der deutschen Minderheit.

Wer sich fragt, wer Christian Orry ist, nun, der 49-Jährige dürfte zumindest in der dänischen Fahrradblase eine gewisse Bekanntheit haben. Der frühere Triathlet fährt heute ausschließlich Fahrrad – und zwar die ganz langen Distanzen. Erst vor wenigen Tagen radelte er in einem Rutsch von Norwegens Hauptstadt Oslo nach Halmstad in Schweden. Das sind etwas über 400 Kilometer. Auf seiner Webseite nennt er sich „Adventure Ultra Cyclist“. Es steckt also in jeder seiner Touren etwas Abenteuer, jede Menge Radfahren und eine Prise Ultra. Oder so.

Ein Fahrradabenteuer an der Westküste

Im Jahr 2020, mitten in der Corona-Pandemie, konnte er mit einem Schlag keine langen Touren oder Rennen mehr durch Europa und andere Teile der Welt fahren. „Wir haben dann geschaut, was wir hier vor unserer Haustür machen können und da reifte dann der Entschluss, die Westküste von der Tonderner Marsch über den Nationalpark Thy bis nach Skagen hochzufahren“, erzählt Orry später, während wir gemeinsam auf unseren Gravelbikes über die Halbinsel Loit (Løjtland) rollen. Auf den 650 Kilometern traf er unterwegs ein paar fahrradbegeisterte Menschen, die ihn jeweils ein Stück auf seinem Weg begleiteten.

Mit dabei war schon damals Foto- und Videograf Jakob Carlsen, der die Tour mit Kamera und Drohne festhielt. Aus der Fahrt entstand der Film „West Coast“, der später in Kinos gezeigt wurde und den man heute auch auf YouTube sehen kann.

Mit dem Gravelbike die Ostküste entlang

Jetzt, fünf Jahre später, ist Orry erneut unterwegs über Stock und Stein – von Skagen bis an die deutsch-dänische Grenze bei Schusterkate (Skomagerhus). Das Gegenstück zum Film „West Coast“.

Seine letzte Etappe für den Film führt ihn durch Nordschleswig.

Und so rollen ein paar Wochen nach der ersten Mail Christian Orry und sein Team mit ihrem silberfarbenen Offroader, einem Suzuki Jimny, und Anhänger auf den Parkplatz an der Bildungsstätte, wo ich bereits warte. Nach einer kurzen Begrüßung gucken wir skeptisch in den wolkenverhangenen Himmel. Doch es bleibt zunächst trocken und weil auch die Sonne kurz herauskommt, radeln wir nach ein paar ersten Drohnenaufnahmen hinauf zur Bergspitze für ein kleines Interview.

Hier erzähle ich Orry in meinem leider noch immer nicht so guten Dänisch über die Bedeutung dieses Berges für die deutsche Minderheit und später auf Deutsch auch etwas über das Thema Identität und warum unser Grenzland so einzigartig ist. „Wir machen sowieso Untertitel“, scherzt Orry.

Christian Orry
Christian Orry am Apenrader Hafen

Mit einem fantastischen Blick auf die Genner Bucht und den ersten Regentropfen fahren wir auf unseren Rädern anschließend von der Bergspitze und weiter Richtung Süden – vor, hinter, neben oder über uns immer eine Kamera. Die bedient erneut Jakob Carlsen, selbst leidenschaftlicher Fahrradfahrer.

Sein Sohn Bertram Carlsen lenkt an diesem Tag den kleinen Geländewagen. Nicht überraschend, ist auch er Fahrradenthusiast. Immer wieder muss er Umwege fahren, weil die geplante Route Orry und mich auch über schmale Pfade und Waldwege der Halbinsel Loit führt. „Er kann gut mit Anhängern umgehen“, sagt Orry zwischendurch bei einem erneuten Wendemanöver.

Sonne, Regen, Wind – Sommer in Nordschleswig

Das Wetter bleibt an diesem Vormittag wechselhaft. Mal scheint die Sonne, mal tropft es aus den Wolken und zwischendrin auf einem Schotterweg durchnässt uns ein richtig starker Schauer. „Das stärkt die Mentalität“, sage ich. Christian stimmt zu – trotz nasser Socken und vollgelaufener Schuhe. Die Lust am Fahrradfahren nimmt uns der Regen nicht.

Auch nicht, als wir auf der Fahrt immer wieder stoppen, umdrehen und für eine Szene noch mal an der Kamera vorbeiradeln müssen. Am Ende sollen die Bilder schön werden – und Jakob zeigt sich ein ums andere Mal zufrieden.

Allein das Schneiden des Films „East Coast“ werde mehrere Monate dauern, sagt Orry. Später soll der Film dann in ausgewählten Kinos zu sehen sein – vielleicht auch in Nordschleswig. Geld verdienen wolle er damit nicht, sagt der Kopenhagener. Die Aufnahmen entstehen komplett in Eigenleistung und Sponsorings seien ohnehin schwer zu bekommen.

Radfahren als Lebensgefühl

Wir sprechen unterwegs auch über ein Lebensgefühl, das wir vermitteln wollen. Radfahren ist für uns nicht nur Sport, es ist Freiheit und Abenteuer. Das Draußensein in der Natur, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen und das Fahren an Orte, die man mit dem Auto nicht erreichen kann, das macht den Reiz aus.

Wir reden ein wenig über Räder und Technik, die elektronische Schaltung an Orrys olivfarbenen Stevens Camino und die Herkunft meines Gravelbikes der Marke Loca, streifen in den kurzen Pausen ohne Kamera aber auch Themen wie die grüne Umstellung, Klimaerwärmung, öffentlichen Nahverkehr in Nordschleswig und Radinfrastruktur.

Christian Orry hat seinen Lebensmittelpunkt mit seiner Familie in Kopenhagen. Ein Auto hat er seit ein paar Jahren nicht mehr, weil man es in der Stadt nicht braucht, wie er sagt. Er mache alles mit dem Rad. In Nordschleswig ist ein Leben ohne Auto hingegen nur schwer vorstellbar.

Schon während seiner Zeit als Triathlet sei das Radfahren immer seine stärkste Disziplin gewesen, erzählt er. Das Training habe in seinem Alltag mit zwei kleinen Kindern damals viel Zeit in Anspruch genommen. Irgendwann wollte der Körper nicht mehr und Christian beschränkte sich aufs Rad. Heute sind die Kinder groß. „Ich habe jetzt viel Zeit“, sagt der 49-Jährige.

Ich merke schnell an diesem Tag, dass dieser Mann liebt, was er da tut. Weil seine Leidenschaft aber zum Leben allein nicht reicht, arbeitet er im Bereich Marketing für ein großes Biotech-Unternehmen.

Tiefe Häfen und große Kuchenhäuser

Als wir über Jørgensgård bergab nach Apenrade hinunterrollen, ist Orry überrascht von der Größe des Hafens. Ich erkläre ihm, dass es einer der wenigen Tiefseehäfen an der dänischen Ostseeküste ist. Später betont der 49-Jährige, noch nie ein so großes „Lagkagehus“ gesehen zu haben, während wir anschließend am Medienhaus des „Nordschleswigers“ vorbeiradeln.

Mit einer Drohnenaufnahme und ein paar Worten zum Abschied trennen sich unsere Wege am Süderstrand in Apenrade wieder. Orry und seine beiden Begleiter müssen weiter – nach Seegaard (Søgård), in den Kollunder Wald und zum kleinsten Grenzübergang Nordschleswigs. Noch ein paar Mal an der Kamera vorbei, bevor es am Abend zurück nach Kopenhagen geht.

„East Coast“, unter anderem mit Bildern aus Nordschleswig, einem deutschen Journalisten, einem Extrem-Fahrradfahrer und einem kleinen bisschen Minderheit, wird voraussichtlich im späten Herbst und Winter fertig werden.