Lokalgeschichte

Webschule Scherrebek mit Handwerkerinnen von Hoyer bis Berlin

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Anne Marie Ludvigsen, die in Hoyer referierte, hat die Ausstellung im Museum in Tondern gemeinsam mit einer Kollegin konzipiert.

Museumsleiterin Anne Marie Ludvigsen referierte beim Jahrestreffen des Lokalhistorischen Vereins Hoyer über die weltberühmte Kunstweberei aus Nordschleswig um 1900. Die Ausstellung in Tondern läuft nur noch bis 2026.

Bei der Generalversammlung des Lokalhistorischen Vereins für Hoyer und Umgebung hat die Leiterin des Marsch- und Mühlenmuseums in Hoyer, Anne Marie Overgaard, einen Lichtbildervortrag über die in den Jahren 1896 bis 1904 in Scherrebek (Skærbæk) existierende Webschule gehalten.

Die Museumsinspektorin im Museumsverbund „Museum Sønderjylland“ beleuchtete dabei den nationalpolitischen Hintergrund des vor allem mit Jugendstilmotiven um 1900 weltberühmten Unternehmens. Anne Marie Overgaard erläuterte, dass die nach Vorlagen von renommierten Künstlern wie Heinrich Vogeler gefertigten Bildteppiche trotz des schlechten Rufes des Mitbegründers der Webschule, des alldeutsch-nationalistisch geprägten Pastors Johannes Jacobsen, bis heute künstlerisch höchste Anerkennung genießen.

„Nordisches“ war um 1900 in Deutschland populär

Die Museumsleiterin erklärte, dass die Kontakte Jacobsens zu seinem einstigen Mitschüler Friedrich Deneken, der im Hamburger Kunstindustriemuseum wirkte, ausschlaggebend für das Projekt Webschule in Scherrebek waren. Durch Deneken konnte die Webschule 1896 zunächst die norwegische Kunstweberin Frida Hansen, kurze Zeit später die Hamburger Weberin Marie Luebke, als Leiterin gewinnen.

„In Norwegen war zu der Zeit das nationale Erbe der Weberei wiederentdeckt und wiederbelebt worden“, so Overgaard. Daran hängten sich die Museumsleute in Hamburg, denn dort schwärmte man angeführt von Kaiser Wilhelm ll. gerade von Norwegen und allem Nordischen. Die Museumsleiterin wies auch darauf hin, dass Jacobsens Nordseebadkonzept mit „nordischen“ Sommerhäusern in Lakolk auf Röm (Rømø) ebenfalls auf der nationalistisch-germanischen Welle mitsegelte.

Über die Kunsthandwerkerinnen ist nicht viel bekannt

Museumsinspektorin Anne Marie Ludvigsen (r.) hielt einen interessanten Vortrag über die Scherrebeker Webschule. Auf dem Foto ist als Lichtbild des Wandteppichs „Nott und Mani" (Nacht und Morgen) nach einem Entwurf des bei Hadersleben (Haderslev) geborenen Künstlers August Wilckens zu sehen.

Anne Marie Overgaard betonte aber, dass der seinerzeit „neue“ Jugendstil und die auch von japanischer Holzschnitzkunst inspirierten Motive der Scherrebeker Bildteppiche ausschlaggebend für deren Ruhm mit Ausstellungen auf Weltausstellungen in Paris gewesen sind.

Overgaard sagte, dass über die Kunsthandwerkerinnen, die für die Webschule gearbeitet haben, wenig bekannt sei. Es wurden Einheimische wie Elisabeth Matthiesen aus Hoyer ausgebildet. Deren Examenspapiere sind erhalten. Doch leider seien die meisten Unterlagen der Webschule verloren gegangen.

Bekannt ist aber, dass um die 200 Frauen für die Webschule tätig waren. „Sie arbeiteten zu Hause. Nicht nur in Scherrebek oder Hoyer, sie lebten auch in Berlin, Budapest und sogar Sankt Petersburg“, so Anne Marie Overgaard.

Sie ging auch auf das Ende der Webschule ein, im Strudel des Bankrotts der zahlreichen Unternehmen Jacobsens. „Marie Luebke hat nach der Pleite eine Weberei bis 1919 privat weiterbetrieben“, so Anne Marie Overgaard.

In den 1960er Jahren Wiederentdeckung im Museumskeller

Das Werk „Spaziergang" entworfen von dem als Mitglied der Worpsweder Künstlerkolonie berühmten Künstler Heinrich Vogeler, ist im Museum in Tondern ausgestellt

Die Museumsleiterin berichtete, dass die in größerem Umfang im Flensburger Museum verwahrten Bildteppiche aus Scherrebek lange buchstäblich in der Versenkung verschwanden. „In den 1960er-Jahren wurden sie in Kisten im Museumskeller wiederentdeckt und sie gelangten zu neuer Anerkennung“, so Anne Marie Overgaard.

Die Ausstellung in Tondern ist zunächst nur bis 2026 zugänglich. Das Museum in der Wiedaustadt wird für eineinhalb Jahre geschlossen und mit Millionenbeträgen von einer Reihe von Stiftungen durchgreifend renoviert.

Der Verein nimmt Kurs auf das Scherrebeker Heimatmuseum

Das Diplom gehörte Elisabeth Matthiesen in Hoyer, die in Scherrebek ausgebildet worden ist.

Vor dem Vortrag über die Scherrebeker Webschule hielt der lokalhistorische Verein Rückschau auf das vergangene Jahr. Die Veranstaltungen wie „Pers Awten“ mit Biike-Feuer bei Emmerleff Kliff, einem Ausflug zur Reetproduktion der Familie Jannsen in Bönderby, sowie die Vorträge über Ausgrabungen in Emmerleff und den Deichverband sowie Familienforschung fanden jeweils viel Anklang.

Am 14. Mai unternimmt „Højeregnens Lokalhistoriske Forening“ einen Ausflug ins Scherrebeker Heimatmuseum „Æ Museum”, Anmeldungen unter Tel. 22 18 29 12 bei Birthe Oden. Im September und Oktober gibt es zwei Vorträge.

Während der Generalversammlung informierte Inken Petersen über die Arbeit im Højer Lokalhistorisk Arkiv, es ist jeweils dienstags von 10 bis 12.30 Uhr im Café-Gebäude am Mühlenmuseum geöffnet. Kassierin Birthe Oden berichtete über gesunde Finanzen des Vereins. Die Versammlung bestätigte als Vorstandsmitglied Ketty Atzen und Volker Heesch. Neu gewählt wurde Lissi Jepsen.