Handball

Karriere am seidenen Faden: Vom dunklen Zimmer in die Königsklasse

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Handballtorhüter Thorsten Fries hat während seiner Karriere so viele Gehirnerschütterungen erlitten, dass sie sich nicht mehr an einer Hand abzählen lassen.

Als Fachleute Thorsten Fries empfahlen, seine Handballkarriere wegen zahlreicher Gehirnerschütterungen aufzugeben, entschied sich der 31-Jährige aus Seth dennoch dagegen. In der vergangenen Saison gewann Fries die Silbermedaille in der dänischen Liga, und in der kommenden Spielzeit tritt er in der Champions League an. Warum sein Weg auch anders hätte verlaufen können und warum Kopfverletzungen im Handball besondere Aufmerksamkeit erfordern, erklärt der Torhüter im Interview.

Kopftreffer im Handball können für Torhüter nicht nur schmerzhaft, sondern auch schwerwiegend sein. Das hat Thorsten Fries aus Seth (Sæd) erfahren müssen. Der Handball-Profi, der aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig stammt, die deutsche Schule besuchte und bei der SG West in Tondern (Tønder) das Handballspielen erlernte, zog sich in den vergangenen Jahren sieben Gehirnerschütterungen zu. Wochenlang musste er sich in dunklen Zimmern isolieren. Trotz der Empfehlungen von Physiotherapeuten, seine Karriere als Handballtorhüter zu beenden, entschied sich Fries, weiterhin seine sportlichen Ziele zu verfolgen. Diese Entscheidung bereut er heute nicht.

In der vergangenen Saison gewann der ehemalige Sønderjyske-Keeper mit Fredericia die Silbermedaille in der dänischen Handball-Liga. In der kommenden Saison wird er sich zudem auf große Erlebnisse in der Champions League freuen, wenn es zu Begegnungen mit Spitzenmannschaften wie Paris Saint-Germain, den Füchsen Berlin oder Telekom Veszprem kommt.

„Das DM-Finale war ein großes Erlebnis. Als ich von Elverum nach Dänemark gewechselt bin, hätte ich nicht erwartet, dass wir so nah an einem Titelgewinn sein würden. Es war unglaublich und wird mir immer in Erinnerung bleiben. Diese großen Erlebnisse sind es, die man durch das Handballspielen geschenkt bekommt“, schwärmt Fries.

Thorsten Fries (hier noch im Sønderjyske-Trikot, das er von 2016 bis 2019 trug) darf sich mit Fredericia HK auf attraktive Gegner freuen.

Im Interview mit dem „Nordschleswiger“ betont Fries zugleich aber auch die Notwendigkeit der Aufklärungsarbeit über Kopfverletzungen bei Handball-Torwarten, spricht über seine Gehirnerschütterungen, deren Auswirkungen auf seinen Alltag, und äußert seine Wünsche für die Zukunft.

Gehirnerschütterungen im dänischen Handball

Früher oft als relativ harmlos betrachtet, zeigen neuere Forschungen, dass 15 Prozent der Betroffenen ein Jahr nach der Verletzung weiterhin Symptome aufweisen. In dänischen Handballligen entbrannte die Debatte über das Risiko von Gehirnerschütterungen bei Torhütern erst nach mehreren schweren Vorfällen im vergangenen Jahrzehnt. Spieler wie der ehemalige TM Tønder-Torhüter Christian Trans, die frühere Nationaltorhüterin Søs Søby und das dänische Torwarttalent Jonas Hansen mussten ihre Karriere aufgrund anhaltender Folgen von Gehirnerschütterungen vorzeitig beenden.

Um die Zahl der Kopfverletzungen bei Torhütern zu reduzieren, wurde eingeführt, dass ein Kopftreffer bei einem freien Wurf nun eine Zweiminutenstrafe nach sich zieht. Diese Regel trat jedoch erst zu Beginn der Saison 2022/23 in Kraft.

Es ist wie bei einem Boxer: Man braucht jemanden an seiner Seite, der hilft, wenn es zu viel wird. Diese Person sollte nicht darauf drängen, dass man so schnell wie möglich zurückkommt.

Thorsten Fries

Thorsten Fries: Naivität, wenig Wissen und fehlende Hilfe

Die Profi-Karriere von Thorsten Fries als Handball-Torhüter begann in der Saison 2012/13. Mit gerade einmal 25 Jahren hatte er bereits sechs Gehirnerschütterungen erlitten. „Ich begann oft zu früh wieder mit dem Handballspielen, was die Symptome verlängerte. Ich war naiv und habe das Problem und die Symptome unterschätzt, da ich anfangs nichts über Gehirnerschütterungen wusste. Heute wissen die Angestellten in den Vereinen und Spieler zum Glück schon besser Bescheid“, erklärt der Torwart.

„Als junger Spieler war es schwierig für mich, zum Trainer zu gehen und zu sagen, dass ich wegen einer Gehirnerschütterung den nächsten Monat nicht spielen kann. Ich hätte mir gewünscht, einen Ansprechpartner wie einen Sportpsychologen oder Physiotherapeuten zu haben. Es ist wie bei einem Boxer: Man braucht jemanden an seiner Seite, der hilft, wenn es zu viel wird. Diese Person sollte nicht darauf drängen, dass man so schnell wie möglich zurückkommt“, so Fries.

Einsamkeit und Nachtangeln

Bei seinen sieben Gehirnerschütterungen dauerten die Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Lichtempfindlichkeit jeweils zwischen ein und drei Monate. Diese Zeit verbrachte Fries oft alleine in einem dunklen Zimmer aufgrund der Lichtempfindlichkeit.

„Die Symptome nach meinen Gehirnerschütterungen vergleiche ich oft mit einem ständigen Gefühl von Reisekrankheit. Dazu kam eine depressive Stimmung durch die Isolation. Der Alltag wurde monoton und grau. Soziale Aktivitäten fielen mir schwer, da Geräusche aus verschiedenen Richtungen schnell Übelkeit auslösten“, schildert Fries die mentalen und körperlichen Herausforderungen.

Um sich trotz der Gehirnerschütterungen über alltägliche Dinge freuen zu können, half Fries während seiner Zeit bei Sønderjyske unter anderem das Nachtangeln. „Als ich Probleme mit Lichtempfindlichkeit hatte, begann ich nachts zu angeln. Die meditative Ruhe in völliger Stille und Dunkelheit gab mir täglich etwas, auf das ich mich freuen konnte. Ich bin überzeugt, dass mir das geholfen hat“, sagt der leidenschaftliche Angler.

Ich habe die Möglichkeit, professionell das zu tun, was ich schon als Kind am meisten geliebt habe.

Thorsten Fries

Die Bedeutung professioneller Hilfe

Laut Fries hat das Wissen über Kopfverletzungen in der Handballwelt erst in den vergangenen Jahren zugenommen. Daher erhielt er erst bei seinen jüngsten Gehirnerschütterungen Unterstützung von seinen Vereinen, um Hilfe von Fachleuten und interdisziplinäre Behandlungsangebote in Anspruch zu nehmen. „Ich denke, es ist wichtig, in solchen Situationen mit einem Psychologen zu sprechen. Das zweigleisige Unterstützungssystem, das sowohl physische als auch mentale Behandlung umfasst, hat mir sehr geholfen“, meint Fries, der heute keine bleibenden Beeinträchtigungen von seinen früheren Gehirnerschütterungen erlebt.

„Vor ein paar Jahren habe ich glücklicherweise erfahren, dass ich in allen Tests, die ich bestehen musste, gut abgeschnitten habe. Das hat mir das Vertrauen zurückgegeben. Ich erinnere mich noch genau daran, wie mir in der Højbjerg-Klinik versichert wurde, dass ich körperlich nicht anfälliger bin als andere Menschen. Das gab mir Licht am Ende des Tunnels“, erzählt der Handballprofi, dem die Entscheidung, ob er seine Handball-Karriere fortsetzen möchte, ansonsten noch schwerer gefallen wäre.

Nach drei Jahren bei Elverum in Norwegen spielt Thorsten Fries seit dem Sommer 2022 wieder in der dänischen Handballliga.

„Es gab Zeiten, in denen ich darüber nachgedacht habe, mit dem Handball aufzuhören. Physiotherapeuten hatten mir sogar geraten, rechtzeitig aufzuhören, bevor es zu spät ist. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch viele Ziele, die ich als Handballspieler erreichen wollte. Außerdem fiel es mir schwer, mir vorzustellen, dass ich etwas anderes finden könnte, das mir genauso viel Freude bereiten würde wie der Handball. Diese Freude, wenn man einen entscheidenden Ball hält oder ein knappes Handballspiel gewinnt, ist einzigartig“, erklärt der nordschleswigsche Keeper.

Diese Freude, wenn man einen entscheidenden Ball hält oder ein knappes Handballspiel gewinnt, ist einzigartig.

Thorsten Fries

Handball als Traumberuf: „Ich glaube, dass es das wert ist“

Deshalb möchte Fries dem Handballsport in den kommenden Jahren treu bleiben und der kommenden Saison mit Vorfreude entgegensehen. Sein sportliches Ziel für die nächste Saison ist es, sich sowohl in der Champions League als auch in der Liga gut zu präsentieren und „die großen Mannschaften zu ärgern“. Noch wichtiger als Ergebnisse und Medaillen ist für Fries jedoch, gerade aufgrund seiner Verletzungsgeschichte, die Freude am Handball.

„Auch im vergangenen Jahr habe ich noch einmal mit einer Neurologin gesprochen, die mir versichert hat, dass ich körperlich nicht anfälliger für Gehirnerschütterungen bin als andere Personen. Natürlich kann es passieren, dass ich erneut am Kopf getroffen werde. Aber dieses Risiko habe ich bewusst in Kauf genommen, weil ich jetzt gelernt habe, wie ich damit umgehen muss. Ich bin so dankbar für das Leben, das ich jetzt führe, dass ich hoffe und fest daran glaube, dass es das wert ist. Ich habe die Möglichkeit, professionell das zu tun, was ich schon als Kind am meisten geliebt habe, und das empfinde ich als etwas ganz Besonderes“, schließt Fries.