Thema der Woche: Museen

Die Gesichter der Gefallenen erzählen Geschichte

Die Gesichter der Gefallenen erzählen Geschichte

Die Gesichter der Gefallenen erzählen Geschichte

Sonderburg/Sønderborg
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Ein junger Mann in Uniform – vor seinem Tod wurde er in Apenrade porträtiert und in den Krieg geschickt. Foto: Sara Wasmund

Wussten sie, worauf sie sich einließen? Im Deutschen Museum für Nordschleswig wird derzeit der Raum über die Zeit des Nationalsozialismus neu gestaltet. Gezeigt werden Hunderte Porträts von Kriegsfreiwilligen, die im Zweiten Weltkrieg von Nordschleswig aus für die Nazis in den Krieg zogen – und starben.

Stolz und abenteuerlustig schaut Hans in Richtung Kamera, fast ein wenig ungläubig. So als ob er es selbst nicht ganz nicht glauben kann, dass er eine Kriegsuniform der deutschen Wehrmacht am Leib trägt. Ein letztes Porträt, bevor er in den Krieg zieht – und stirbt. Hans ist einer von rund 760 Nordschleswigern, die sich während des Nationalsozialismus freiwillig für den deutschen Kriegsdienst meldeten und ihr Leben dabei verloren.

Das Museum erzählt mit Gesichtern Geschichte

Das Porträt des jungen Mannes ist demnächst in der neuen Ausstellung im Deutschen Museum für Nordschleswig zu sehen. Nach dem Diebstahl von SS-Uniformen und anderen Ausstellungsgegenständen im November 2020 musste der Raum über die Geschichte der Minderheit im Zweiten Weltkrieg neu gestaltet werden. Das Museum will anhand von Gesichtern und persönlichen Schicksalen Motive und Hintergründe aufzeigen, warum sich Mitglieder der deutschen Minderheit freiwillig für den Kriegsdienst meldeten.

Porträtiert im NSDAP-Sitz in Apenrade

Im Museum werden Hunderte Porträts zu sehen sein – Abzüge von Fotos, die im damaligen NSDAP-Sitz in Apenrade entstanden, bevor die jungen Männer in den Krieg zogen. Nach 1945 wurden die rund 400 Bilder auf einem Dachboden in Apenrade gefunden, 1988 gingen sie in den Besitz des Museums über. Gezeigt wurden die Aufnahmen der jungen Kriegsfreiwilligen bislang noch nicht.

Ein junger Kriegsfreiwilliger aus Nordschleswig, der nie aus dem Krieg zurückkehrte Foto: Sara Wasmund

Unabhängig von der Tatsache, wofür sie sich freiwillig gemeldet haben, wollen wir zeigen, was der Tod für Wunden hinterlassen hat.

Hauke Grella, Museumsleiter

„Wir erzählen unter anderem anhand dieser Porträts die vielen Beweggründe, die es damals gab, sich den Nationalsozialisten anzuschließen“, sagt Museumsleiter Hauke Grella. „Es gab Tausende Beweggründe, von Langeweile über Abenteuerlust, auch Perspektivlosigkeit oder Zwang aus der Familie heraus. Es gab damals den Aufruf, sich zu melden. Auch um zu zeigen, dass es Nordschleswig wert ist, wieder mit Deutschland vereint zu werden“, so Grella.

Schmerz und Verlust in Nordschleswig

Persönliche Schicksale lassen die Vielfalt an Beweggründen erahnen. Und erzählen auch vom Schmerz und vom Verlust, den der Tod der Männer bei den Angehörigen in Nordschleswig hinterließen. Nach manchem Vermissten wurde noch Ende der 1990er Jahre gesucht.

„Es gab die Schwester eines Gefallenen aus Hadersleben, die hoffte bis zum letzten Tag, dass ihr Bruder wieder vor der Tür steht, der zuletzt bei Danzig gesehen wurde“, nennt der Museumsleiter ein Beispiel. „Unabhängig von der Tatsache, wofür sie sich freiwillig gemeldet haben, wollen wir zeigen, was der Tod für Wunden hinterlassen hat.“

Museumsleiter Hauke Grella arbeitet derzeit an der Gestaltung der neuen Ausstellung, die Anfang Juni fertig sein soll. Foto: Sara Wasmund

Der Besucher soll sich am Ende die Frage selbst beantworten, inwiefern die Kriegsfreiwilligen wussten, worauf sie sich einließen. „Manche Fotos zeigen Kinder in Uniform. Jungen, die noch weit vom Bartwuchs entfernt waren. Die Fotos regen zum Nachdenken an. Über die Motive, über den Krieg, über die Sinnlosigkeit des Krieges, der so viele Menschen das Leben gekostet hat.

Eine Nordschleswigerin, die der Gestapo bei Verhören half

Die meisten Kriegsfreiwilligen waren Männer. Doch die Ausstellung erzählt auch das Schicksal von einer Frau, die sich den Nazis in Dänemark freiwillig anschloss. „Die Frau kam aus Hadersleben und arbeitete als Übersetzerin. Sie hat für die Gestapo in Aarhus gearbeitet, war also bei Verhören dabei, zumeist bei Verhören von Personen aus dem Widerstand. Sie kam ums Leben, als die Alliierten den Sitz der Gestapo bombardierten“, erzählt Hauke Grella.

Eine Nordschleswigerin, die der Gestapo half, Widerstandskämpfer zu verhören – Geschichten wie diese sollen auch dazu beitragen zu verstehen, warum das Miteinander zwischen Dänen und deutscher Minderheit nach dem Krieg zunächst zerrüttet war.

Die Räume im Museum sind umfangreich gegen Einbrüche gesichert worden – unter anderem mit einem Rollgitter hinter den Fenstern. Foto: Sara Wasmund

Die neu gestaltete Ausstellung wird Anfang Juni fertiggestellt. Um zukünftige Einbrüche zu verhindern, ist die Fensterfront des Raumes mit Alarmanlage und einem Rollgitter ausgestattet worden, im Raum selbst ist eine Nebelanlage in Alarmbereitschaft, die Schlösser an den Türen zu den Räumen sind aufgerüstet, sodass man sich nach Schließung nicht mehr im Museum von Raum zu Raum bewegen kann.

Königin zu Besuch am 13. Juni

Königin Margrethe wird als eine der ersten Besucher in die porträtierten Gesichter der jungen Männer schauen, wenn sie am 13. Juni ins Museum kommt.

Rund 2.100 Personen aus Nordschleswig meldeten sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig für den deutschen Kriegsdienst. 760 von ihnen kehrten nie zurück, wurden für tot oder vermisst erklärt. Hans war einer von ihnen.

Ein Kind in Uniform – Porträts wie dieses hängen ab Juni im Museum. Sie erzählen ein Stück Minderheitengeschichte aus einem neuen Blickwinkel. Foto: Sara Wasmund
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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Vertrauen besser als Image“