Mobilität

17-Punkte-Plan: EU will Fahrrad als vollwertiges Verkehrsmittel anerkennen

EU will Fahrrad als vollwertiges Verkehrsmittel anerkennen

EU will Fahrrad als vollwertiges Verkehrsmittel anerkennen

Straßburg/Apenrade
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2024 soll zum „Europäischen Jahr des Radverkehrs“ ausgerufen werden, fordert das Parlament von der EU-Kommission. Foto: Rådet for Sikker Trafik

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Das EU-Parlament fordert eine Fahrrad-Strategie für Europa. Mit einem 17-Punkte-Plan soll der Radverkehr entschieden gefördert werden. Von den Plänen der EU könnte auch das Grenzland in naher Zukunft profitieren. Der dänische Radfahrerverband spricht von einem sehr starken Signal.

Mit einem 17-Punkte-Plan will die EU das Fahrrad als vollwertiges Verkehrsmittel anerkennen und bei allen künftigen Planungen berücksichtigen. Das Europaparlament in Straßburg stimmte am Donnerstag fast einstimmig einer Entschließung zu und forderte die Kommission auf, eine EU-Strategie für den Radverkehr zu entwickeln. Das ambitionierte Ziel: Bis 2030 sollen die mit dem Rad zurückgelegten Kilometer in der Union verdoppelt werden.

Das Parlament ist sich weitgehend einig, dass der Verkehr maßgeblich zur Luftverschmutzung beiträgt, und dass nachhaltige und erschwingliche Verkehrsmittel wie das Fahrrad wesentlich dafür sind, um die Ziele der EU, das Klima zu schützen und die Verschmutzung zu verringern, zu erreichen.

Ebenfalls hält das Parlament fest, dass das Radfahren viele Vorteile hat − etwa bessere Gesundheit, weniger Staus auf den Straßen und weniger Lärmbelastung. Mehr Radverkehr verbessere außerdem die Luftqualität, sorge für Wirtschaftswachstum und habe ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen, heißt es in dem Entschluss.

Das Jahr 2024 solle von der Kommission zum „Europäischen Jahr des Radverkehrs“ ausgerufen werden, fordert das EU-Parlament.

Ausbau sicherer Infrastruktur

Ebenfalls wird betont, dass mehr sichere Radinfrastruktur benötigt werde, um das Potenzial für den Radverkehr zu erschließen, der für Kurzstreckenfahrten eine wertvolle Alternative sei. Insbesondere würden gesicherte Abstellanlagen, Maßnahmen zur Verhinderung von Diebstählen sowie Radwege fehlen ­− Haupthindernisse für viele Menschen in den Städten und auf dem Land.

Die Corona-Pandemie war ein Boost für den Radverkehr. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine und die dadurch gestiegenen Kraftstoffpreise hätten viele Menschen auf das Fahrrad getrieben, sagt das Parlament. Es fordert daher dazu auf, etwaige in der Pandemie errichtete temporäre Radinfrastruktur wie Pop-up-Bikelanes, beizubehalten. Ebenfalls sollen spürbare Maßnahmen ergriffen werden, den Radverkehr in die Mobilitätspläne der Städte und Regionen zu integrieren und entsprechend Gelder für Investitionen zu erhöhen. Hier nennt das Parlament etwa die bessere Anbindung von Vororten und Innenstädten durch Radschnellwege.

Wir begrüßen die Tatsache, dass das Parlament auf mehrere wichtige und sehr konkrete Bereiche hinweist, in denen Maßnahmen ergriffen werden sollten − von der Notwendigkeit sicherer Fahrradabstellplätze und Ladekapazitäten für Elektrofahrräder in der Wohnungsbauplanung bis hin zur Sicherstellung der Möglichkeit, beim Bau oder Ausbau des transeuropäischen Verkehrsnetzes mit dem Fahrrad zu fahren.

Jane Kofod, Vizepräsidentin des Radfahrerverbandes (Cyklistforbundet)
Ein Radschnellweg
Geht es nach dem Willen des EU-Parlaments, sollen künftig mehr Radschnellwege Vororte mit den Innenstädten verbinden. Wie diese sichere Infrastruktur aussehen könnte, zeigt dieses Beispiel im Westen von Aarhus. Foto: Gerrit Hencke

Velorouten in Nordschleswig

Fahrradtourismus und das Radfahren in ländlichen Gebieten sollen durch den Ausbau des EuroVelo-Netzes und seiner 17 Routen beschleunigt werden. In Nordschleswig würde das gleich drei Routen betreffen:

  • den dänischen Teil der Pilgerroute EuroVelo 3 (Heerweg/Hærvejen), der in Pattburg beginnt und in Fredrikshavn endet,
  • den Ostseeküstenradweg (EuroVelo 10), der von der Grenze Schusterkate (Skomagerhus) über Sonderburg (Sønderborg) nach Fünenshaff (Fynshav) führt,
  • und den Nordseeküsten-Radweg (EuroVelo12), über den man von Ruttebüll (Rudbøl) über Hojer (Hoyer) nach Frederikshavn gelangt.

Hier soll auch das transeuropäische Verkehrsnetz (TEN-V) einbezogen werden. Das sind in Dänemark etwa die Autobahnen E20 und E45 sowie die parallel dazu verlaufenden Bahnstrecken. Generell soll beim Bau oder der Modernisierung von TEN-V der Radverkehr mitgeplant werden ­− etwa mit Radwegen, die parallel zu Bahnstrecken (und damit Bahnhöfen) oder Wasserstraßen verlaufen.

EuroVelo-Route 3
Die EuroVelo-Route 3 führt von der deutsch-dänischen Grenze durch Nordschleswig und weiter durch andere Teile Dänemarks. Foto: Gerrit Hencke

Mehr Platz in Bahnen

Auch in Zügen müssten dann künftig mehr Stellplätze für Fahrräder vorhanden sein und an den Bahnhöfen entsprechend gesicherte Abstellanlagen bereitstehen, fordert das Parlament.

Organisationen und Institutionen sollen das Radfahren durch Anreize fördern. Beispielsweise durch Programme für Arbeitnehmende, ausreichende Stellplätze mit der Möglichkeit, Pedelecs zu laden, aber auch durch angemessene sanitäre Einrichtungen wie etwa Duschen am Arbeitsplatz.

Förderung der Fahrradindustrie

Auch die Zweiradindustrie steht im Fokus. Sie soll als legitimer Partner im Ökosystem Mobilität der Industriestrategie der Union anerkannt werden. Außerdem soll bei der Herstellung von Fahrrädern und Bauteilen vermehrt auf „made in Europe“ gesetzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, sichere Lieferketten zu etablieren und Arbeitsplätze innerhalb der EU zu schaffen.

Das Radfahren soll durch Barrierefreiheit auch denjenigen ermöglicht werden, die eingeschränkt mobil oder finanziell benachteiligt sind. Die am stärksten von Verkehrsarmut Betroffenen sollen etwa beim Kauf von Fahrrädern finanziell unterstützt werden.

Bildungskampagnen und Leitlinien

Parken auf dem Gehweg, dichtes Überholen: Weil sich viele Menschen aus Unsicherheit oder Angst nicht auf das Rad wagen, soll es in den Mitgliedsstaaten Bildungskampagnen und Schulungen geben, um das Bewusstsein für die Straßenverkehrssicherheit zu schärfen und die sichere Nutzung von Fahrrädern und Pedelecs unterstützen. Leitlinien für sicheres Radfahren eingeschlossen. Gerade bei Frauen und älteren Menschen möchte das EU-Parlament hier eine Förderung erreichen, konkret durch die Verbesserung der Sicherheit.

Dazu gehöre auch die Durchsetzung und Überwachung bestehender Vorschriften für ein respektvolles Miteinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmenden.

Radverbände begrüßen EU-Beschluss

Der dänische Radfahrerverband (Cyklistforbundet) äußerte sich schon nach den ersten Beschlüssen im Verkehrs- und Tourismusausschuss Anfang Februar positiv über das EU-Vorhaben. „Wir benötigen eine nationale Mobilitätsstrategie und sind daher sehr froh, dass sich die EU für den Radverkehr einsetzt“, sagt Kenneth Øhrberg Krag, Direktor des Radfahrerverbands, einem Tweet zufolge.

Radverband-Vizepräsidentin Jane Kofod sprach am Freitag von einem „sehr starken Signal, wenn das Europäische Parlament die Anerkennung des Fahrrads als vollwertigen Verkehrsträger fordert und die Kommission auffordert, eine europäische Fahrradstrategie zu entwickeln“.

„Wir begrüßen die Tatsache, dass das Parlament auf mehrere wichtige und sehr konkrete Bereiche hinweist, in denen Maßnahmen ergriffen werden sollten − von der Notwendigkeit sicherer Fahrradabstellplätze und Ladekapazitäten für Elektrofahrräder in der Wohnungsbauplanung bis hin zur Sicherstellung der Möglichkeit, beim Bau oder Ausbau des transeuropäischen Verkehrsnetzes mit dem Fahrrad zu fahren“, so Kofod.

Im Beratungszentrum für Unternehmen des Radfahrerverbandes, sehe man bereits einen großen Bedarf an Hilfe und Unterstützung, um den Transport von Mitarbeitern, Waren und Dienstleistungen vom Auto auf das Fahrrad umzustellen. Dass hier das EU-Parlament eine wichtige Rolle bei den Unternehmen sehe, teile der Radfahrerverband.

Das deutsche Pendant, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), sprach ebenfalls von einem „großen Erfolg und einem starken Zeichen“.

Kommentar: Mit Sicherheit kommt der Radverkehr

von Gerrit Hencke

Es ist wegweisend, was das Europa-Parlament da am Donnerstag verabschiedet hat. Zwar ist das Fahrrad eines der erschwinglichsten Verkehrsmittel der Welt, bringt der Volkswirtschaft nur positiven Nutzen und hält einen selbst fit, doch führte es seit Beginn des Auto-Zeitalters in den 1950er-Jahren zunehmend ein Schattendasein. Die EU möchte das nun ändern. Jetzt muss es schnell gehen, wenn der ambitionierte Plan, den Radverkehr in der Union bis 2030 zu verdoppeln, aufgehen soll.

Die größte Herausforderung ist es nicht, Menschen jeden Alters zum Fahrradfahren zu bewegen, sondern ihnen eine sichere und attraktive Infrastruktur anzubieten, die zudem ein zügiges Vorankommen garantiert. Radfahren darf nicht mit der permanenten Angst verbunden sein, zu Schaden zu kommen. Nur so kann das Fahrrad zu einer Mobilitätswende beitragen. Dafür müssen die Mitgliedsstaaten viel Geld in die Hand nehmen, um diese Infrastruktur in den Städten, aber auch auf dem Land zu schaffen. In Ballungszentren muss dafür der Verkehrsraum in den meisten Fällen komplett neu aufgeteilt werden, damit Menschen mit dem Verkehrsmittel ihrer Wahl sicher, gleichberechtigt und in friedlicher Koexistenz nebeneinander mobil sein können.

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