Leitartikel

„Hoffen auf den Corona-Pass?“

Hoffen auf den Corona-Pass?

Hoffen auf den Corona-Pass?

Brüssel/Berlin/Kopenhagen
Zuletzt aktualisiert um:

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Die Politiker üben sich dieser Tage im Spagat zwischen neuen Versprechungen über Lockerungen der Corona-Restriktionen und der Warnung vor erneut ansteigenden Infektionskurven. Derweil arbeitet man in Brüssel an einem Entwurf für einen Corona-Pass, der Europas Sommer retten soll. Ob das gutgeht?

Am Dienstag hatte „Der Nordschleswiger“ am späten Nachmittag zwei Artikel auf seiner Startseite. Die Überschrift des einen: „Deutschland und Dänemark betonen Freundschaft“, die des anderen: „Staatsministerin: Deutsche Touristen noch nicht willkommen“.

Die Zwiespältigkeit der aktuellen Situation zeigt sich derzeit auch in den verzweifelten Versuchen der Politik, dem Druck der Öffentlichkeit nach einer weitergehenden Wiedereröffnung des öffentlichen Lebens nachzukommen.

So hatte die deutsche Regierung vor wenigen Tagen entschieden, Mallorca zusammen mit anderen Regionen in Spanien, Portugal und Dänemark von der Liste der Corona-Risikogebiete zu nehmen.

Die Aufhebung der Reisewarnung führte sogleich zu einem massiven Anstieg der Buchungszahlen für Reisen auf die Baleareninsel. Der Appell, den die Regierung ihren Bürgern da noch mit auf den Weg geben wollte, dass man auch weiterhin auf jede nicht unbedingt notwendige Reise verzichten solle, ging scheinbar unter.

Und während nun die ersten Hotels auf Mallorca bereits am kommenden Wochenende öffnen sollen, nimmt Staatsministerin Mette Frederiksen allen reiselustigen Dänemark-Urlaubern vorerst den Wind aus den Segeln. „Ich verstehe gut, dass die Deutschen nach Nordjütland fahren und Urlaub machen wollen, das würde mir auch gefallen, aber es ist zu früh“, sagt sie. Schließlich sei man mit den Impfungen noch nicht weit genug vorangekommen, und außerdem befände sich eine Reihe an Ländern auf dem Weg in eine dritte Welle, gibt sie weiter zu bedenken.

Und zieht dann die Trumpfkarte aus dem Ärmel, auf die die Politik nun in großem Stil setzt – den „Corona-Pass“. Die Erwartungen sind hoch, schließlich soll er einen verantwortungsvollen Tourismus sicherstellen, nicht nur auf Mallorca oder in Dänemark, sondern europaweit.

Die Pläne der EU-Kommission, die am Mittwoch vorgestellt werden sollen, sehen vor, dass der digitale Pass dokumentiert, dass man entweder geimpft worden ist, gerade getestet wurde oder mit Covid-19 infiziert war. Mit den beiden letzten Parametern würde es auch noch nicht Geimpften möglich, diesen Sommer in einem anderen EU-Land Urlaub zu machen.

Technisch soll jedes Land seine eigene digitale Lösung entwickeln, es wird vermutlich auf Apps hinauslaufen, die dann anhand von QR-Codes länderübergreifend miteinander kommunizieren können.

Sofort stellen sich viele Fragen. Welche Impfstoffe sollen als anerkannt gelten? Nur die, die von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen wurden? Oder auch der russische Sputnik-Impfstoff? Diese Frage könnte zum Beispiel für geimpfte Ungarn und Tschechen entscheidend werden, haben diese Länder doch russischen und chinesischen Impfstoff in großen Mengen eingekauft. Was ist mit Ländern wie Frankreich, in denen eine ausgesprochene Impfskepsis herrscht? Können Geimpfte das Virus dennoch weiterverbreiten? Und wie steht es um die Datensicherheit?

So verständlich der Wunsch nach einer intelligenten Lösung ist, so sehr muss man doch bedenken, dass es bis zum Beginn der Sommerferien mit aller Wahrscheinlichkeit nicht gelingen wird, alle 446 Millionen Europäer zu impfen (vom Rest der Welt ganz zu schweigen). Auch ist unklar, wie lange eine erlangte Immunität gegen das Corona-Virus anhält.

Und laufende Tests als Nachweis darüber, dass man nicht infiziert ist, solange man nicht immun ist, bergen das große Risiko, dass es erneut zu einem sprunghaften Anstieg der Infektionszahlen kommen kann. Denn im Urlaub möchte man ja gerne mal alle (Corona-)Sorgen vergessen und denkt deswegen wohl auch nicht immer daran, genügend Abstand einzuhalten oder mit Mund-Nasen-Schutz herumzulaufen. Die Angst vor einem neuen Ischgl geht um. Und die reiselustigen Deutschen sind verwirrt. Sie dürfen zwar, sollen aber nicht … ja, was denn jetzt, fragt sich da so mancher.

Und das ist wohl eines der grundlegenden Probleme an der ganzen Situation: Die Menschen haben das verständliche Bedürfnis nach Gewissheit. Aber die kann es in einer solchen Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie eben nicht wirklich geben.

Deshalb hat Staatsministerin Mette Frederiksen durchaus recht, wenn sie darauf verweist, dass in Europa noch nicht genug geimpft wurde. Sie wird gut beraten sein, spätestens am 23. März bei der Vorstellung ihres langfristigen Wiedereröffnungsplans auch Lösungen zu präsentieren, die die Fragen beantworten, wie wir auf lange Sicht mit den durch das Corona-Virus entstandenen Herausforderungen umgehen wollen. Denn nur so lässt sich auch das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit zumindest ansatzweise wieder erreichen.

Die Gesundheitsbehörde versucht es derweil in diesen Tagen erneut mit ihrer Anzeige: „Wir können es schaffen!“, jedoch dieses Mal ergänzt um die Aufforderung „Hab‘ Geduld. Noch ein bisschen.“

Mehr lesen