Kommentar

„Die deutsche Sicht aus dänischer Sicht“

Die deutsche Sicht aus dänischer Sicht

Die deutsche Sicht aus dänischer Sicht

Apenrade/Aabenraa
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„Blaue Stunde“ im dänischen Wattenmeer: Auf solche Anblicke müssen deutsche Touristen derzeit verzichten. Was schnell vergessen wird: Dänen dürfen derzeit auch nicht nach Flensburg, Hamburg oder Berlin. Foto: Burkhard Ewert

Was beim Nachbarn passiert, muss nicht falsch, kann aber ungewohnt und anders sein.

Grenzkontrollen, Wildschweinzaun, Grenzschließung. Was ist in Dänemark bloß los, fragen sich viele Deutsche? Das kleine hyggelige Urlaubsland mit den schönen Stränden und den Hotdog-Buden ist plötzlich beinhart in seiner Rhetorik und führt eine Abschottungspolitik. Nun werden sogar Touristen ausgesperrt und können nicht ins dänische Urlaubsparadies.

Die Fakten betrachten

Doch werfen wir einen Blick auf die Fakten: Deutschland führte bereits vor Dänemark Grenzkontrollen ein (an der österreichischen Grenze), in Brandenburg steht ein 120 Kilometer langer Wildschweinzaun (allerdings nicht in der gleichen Qualität wie der dänische). Auch Deutschland und Schleswig-Holstein hatten die Grenze nach Dänemark geschlossen, kein Däne durfte seine Hotelreise nach Hamburg oder Berlin antreten. Weiter fällt der Blick auf eine rechte Szene in Deutschland, die nicht nur redet, sondern gewaltbereit ist, und nun auch anti-demokratische Demonstrationen gegen die „Corona-Diktatur“. Was ist in Deutschland bloß los, könnte ich mit gutem Recht fragen?

Beispiel Wildschweinzaun

Doch als guter Nachbar sollten wir nicht mit dem Finger über die Grenze zeigen, sondern versuchen zu verstehen, wie unsere Nachbarn ticken und akzeptieren, dass jedes Land seine eigene Art und seine eigenen Lösungen hat. Nehmen wir das Beispiel Wildschweinzaun: Nur weil einige rechtspopulistische Politiker meinten, der Zaun müsste höher gebaut werden, ist es heute keine menschenverachtende Mauer. Die Dänen wären ganz schön dumm, wenn sie mit einem 1,5 Meter hohen Zaun, der mit Steigleitern für Zweibeiner versehen ist, Menschen daran hindern wollten, über die Grenze zu gelangen. Vor wenigen Tagen wurde der Wildschweinzaun von deutscher Seite aus mutwillig zerstört. Um ein politisches Zeichen zu setzen? Wenn ja, gegen was? Gegen die eingeschränkte Reisefreiheit von Wildschweinen?

Manchmal trägt es zum Verständnis bei, wenn man sich einfach in die Situation des anderen versetzt: Wie hätte Deutschland die Wildschweine (und Afrikanische Schweinepest) bekämpft, wenn es ein kleines, fast wildschweinfreies Land mit nur 67 Kilometern Landesgrenze gewesen wäre?

Statt einander zu kritisieren, sollten Deutsche und Dänen sich die Hände reichen – über die Grenze hinweg. Vor allem in dieser Zeit. Das gilt nicht zuletzt für Entscheidungsträger im deutsch-dänischen Grenzland, die eine ganz besondere Verantwortung haben, dass die Region zusammenwächst – trotz Wildschweinzaun, Grenzkontrollen oder gar temporären Grenzschließungen.

Pragmatische Lösungen

Aber ja, es ist was los in Dänemark. Das Land verändert sich, weil sich die Zeiten ändern. Die Dänen haben stolze Traditionen, an denen sie festhalten, aber sie haben auch keine Angst, mit der Zeit zu gehen. Sie sind neuen Strömungen gegenüber offen und finden häufig pragmatische Lösungen. Bestes Beispiel ist die umfassende Digitalisierung. Sie ist überall gegenwärtig und wird nicht als Bedrohung angesehen, sondern als Erleichterung für viele – auch für ältere Menschen, denen man die Umstellung zutraut. Ob Steuererklärung oder Wohnsitz ummelden: Ich war selbst zehn Jahre lang nicht mehr vor Ort in einer Behörde, habe alles vom Sofa aus erledigen können – wie mein 89-jähriger Schwiegervater auch. Unser digitales Bürgersystem macht es möglich.

Die Dänen sind noch direkter geworden – in der Politik, in der Wirtschaft und privat. Diese Direktheit kommt oft als Härte rüber und passt so gar nicht zum Bild des hyggeligen Dänen. Die Dänen sind dies aber gewohnt und können gut damit umgehen, wie man nicht zuletzt auch am Glücksbarometer unlängst hat ablesen können.

Verliebt in die EU

Außerdem haben die Dänen ein grundlegendes Vertrauen in ihre Mitmenschen und Politiker, ja, die Dänen haben sich Umfragen zufolge geradezu in die Europäische Union verliebt. Die früheren Skeptiker haben beim Vertrauen in die EU einen Spitzenwert von 68 Prozent erreicht – nur übertroffen von Litauen mit 72 Prozent (Eurobarometer vom Mai 2019: Deutschland 48 Prozent).

Es tut sich also was, aber nicht nur in Dänemark, sondern in der ganzen Welt. Was beim Nachbarn passiert, muss nicht falsch, kann aber ungewohnt und anders sein. Damit müssen wir umgehen können, denn das genau ist doch der Reiz an einer Nachbarschaft: Wir fahren nicht über die Grenze, um dasselbe zu erleben wie zu Hause. Wir suchen bei unseren Nachbarn das Fremde und Spannende. Das bedeutet aber auch, dass wir das Anderssein akzeptieren und respektieren sollten.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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