Stadtentwicklung

Aufenthaltsqualität versus Wohnungen: Der Interessenkonflikt am Apenrader Nørreport

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Bevor der Nordertor-Park entstand, gab es dort renovierungsbedürftige Häuser, die abgerissen wurden.

Seitdem es den provisorischen Park am Nørreport gibt, sind die Gemüter entflammt: Während der Stadtrat plant, dort Wohnungen zu bauen, gibt es eine Bürgerinitiative, die den mittelfristig angelegten Park gerne behalten möchte. Es gibt weitere Unterstützer dieser Forderung. Was ein Experte zu der Grünanlage denkt, hat er dem „Nordschleswiger“ erzählt.

Am nördlichen Ende der Apenrader Einkaufsstraße liegt ein kleiner Park. Wegen seiner Lage heißt er Nordertor Park, auf Dänisch Nørreport Park.

Schandfleck Nordertor

Apenraderinnen und Apenrader erinnern sich sicher noch an die Häuser, die dort bis 2021 standen: ein Hotel, ein Supermarkt mit Parkdeck, auf das die Kundinnen und Kunden über eine Rampe fahren konnten und weitere Geschäfte. Ein Laden nach dem anderen verschwand jedoch. Das nördliche Ende fristete ein immer tristeres Dasein.

Der Stadtrat beschloss, die Sache in die Hand zu nehmen. Die alten, zum Teil baufälligen Immobilien sollten abgerissen werden, um Platz für ein Gesundheitszentrum zu machen.

Letztlich waren es mit Abrisskosten 22 Millionen Kronen, die die Kommune Apenrade für den Kauf und den Abbruch zahlte.

Notlösung Parkanlage

Damit in bester Stadtlage kein leerer, öder Platz liegt, haben die Stadtratsmitglieder beschlossen, dort mittelfristig, bis Investoren gefunden werden, einen Park einzurichten.

Dieser Park hat jedoch schnell den Weg in die Herzen vieler Apenraderinnen und Apenrader gefunden. Man wolle den Park behalten – permanent. Ausdruck gaben sie diesem Wunsch unter anderem Anfang 2023 mit einer Unterschriftenaktion, die in Kürze 2.000 Unterstützerinnen und Unterstützer bekam, einem Protest und bis heute herrscht reger Austausch in einer Facebook-Gruppe mit mehr als 1.500 Befürwortern einer Parkanlage.

Wunsch nach neuem Wohnraum

Aus einem geplanten Gesundheitszentrum wurde nichts. Es gab keine Investoren, aber aus dem Stadtrat einen neuen Wunsch: Wohnungen sollten her, denn die fehlen.

„Immer mehr Menschen wohnen allein. Das heißt, es wird mehr Wohnraum benötigt“, erklärt Stadtratsmitglied Kurt Asmussen von der Schleswigschen Partei (SP). Zudem seien die Ansprüche gestiegen. „Die Leute sind gewohnt, auf mehr Wohnfläche zu leben. Waren es früher 50 bis 60 Quadratmeter, haben die Einheiten heute 90 bis 100 Quadratmeter“, so der Kommunalpolitiker.

„Zudem haben wir eine immer größer werdende Nachfrage nach Seniorenwohnungen.“ Und eine Kommune, die viele Arbeitsplätze in der nachhaltigen Energieproduktion habe, die noch ausgebaut werde, benötige auch Wohnungen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, fügt er hinzu.

Kurt Asmussen möchte langfristig Wohnungen am Nordertor schaffen.

Indiz für Neubau

Ein weiteres Indiz, dass es mehr Wohnungen geben muss, „ist die Tatsache, dass es bei den sozialen Wohnungsbaugesellschaften weniger als 2 Prozent Leerstand gibt. Bei einem Leerstand von unter 2 Prozent bei sozialen Wohnbaugesellschaften, dürfen wir ,Grundtilskud' für diese Art des Bauens bereitstellen. Es ist jedoch ein Indikator für Wohnungsmangel, wenn der Leerstand so historisch niedrig ist wie jetzt“, so Asmussen.

Der Park wird inzwischen als Event-Park genutzt. So findet – inzwischen zum dritten Mal – dort das Street-Food-Festival statt, auf dem um die 15.000 Gäste begrüßt werden.

16.000 Bürgerinnen und Bürger gegenüber 50

P. C. Jørgensen am Nordertor Park: Er wünscht sich mehr Erholungsfläche für die Menschen.

Für Peter Christian Jørgensen ist die Sache eindeutig: „Von einem Park am Nørreport profitieren potenziell 16.000 Menschen in Apenrade“, sagt der Anwohner, den alle nur P. C. nennen. Dem Wunsch nach einem zentralen Aufenthaltsort am Nordertor steht ein geplantes Bauprojekt gegenüber: „Dort finden vielleicht rund 50 Menschen eine Wohnung.“

Mitbestimmung gefordert

Dem 75-Jährigen ist es nicht egal, was in seiner Nachbarschaft passiert. „Ich möchte mitbestimmen“, sagt der Initiator einer Unterschriftenaktion zum Erhalt des Nørreports als Aufenthaltsort.

„Der Park am Nørreport macht die Innenstadt attraktiver und bringt Menschen zusammen.“ Er selbst geht gern durch den provisorischen Park und freut sich, dass Jung und Alt ihn nutzen – für eine Pause in der Sonne, zum Spielen mit Kindern oder um einen Kaffee zu trinken.

Erst nach Abriss bewusst geworden

„Ich hänge sehr an dem freien Blick in die Innenstadt und auf die historischen Häuser, die den Platz umrahmen“, sagt Jørgensen. Erst nachdem der Stadtrat vor rund zehn Jahren das Gelände gekauft hatte, die Gebäude abreißen ließ und den Platz als Übergangslösung öffnete, sei ihm das richtig bewusst geworden. Damals hat man sich auf das Ziel verständigt, später einen Investor zu finden, der dort baut.

An diesem Ziel will der Apenrader rütteln. „Das Wohnprojekt ist nachvollziehbar. Aber durch die Übergangslösung wurde mir erst klar, wie sehr uns ein solcher Aufenthaltsort in der Innenstadt gefehlt hat.“ Er ist überzeugt, dass viele Apenraderinnen und Apenrader das genauso sehen.

Lebensrealität hat sich geändert

Jørgensen wünscht sich, dass die Bürgermeinung stärker berücksichtigt und das Bauprojekt grundsätzlich überdacht wird. „Der Beschluss von vor zehn Jahren passt nicht mehr zur heutigen Lebensrealität“, sagt er. „Eine neue Abstimmung wäre wünschenswert – frei von parteipolitischen Zwängen.“ Denn seine Sorge ist, dass einige Abgeordnete nur deshalb am Bauprojekt festhalten, weil ihre Parteien sich darauf festgelegt haben.

Gewerbeverein: Ja zum Park

Viele Geschäftsinhaber der Apenrader Einkaufsstraße sind im Gewerbeverband „Shop i City“ vereint. City-Chefin Dorthe Bjerrum Hilbig hat sich stellvertretend für die Mitglieder geäußert: „Ich glaube – ohne es 100-prozentig zu wissen –, dass die Inhaber möchten, dass am Nørreport eine größere Grünfläche erhalten bleibt“, schreibt sie auf Anfrage

Auch Wohnungen haben Vorteile

Stadt-Chefin Dorthe Bjerrum Hilbig hat für beide Lösungen etwas übrig.

Gleichzeitig sei es jedoch auch wichtig, dass neue Wohnungen in die Stadt kämen, da sie für mehr Aktivität in der Fußgängerzone sorgen würden. „Wir können deutlich sehen, dass der Cimbriapark viel Bewegung in die Fußgängerzone bringt, da die Wohnungen dort in Gehweite liegen, und es den Menschen daher leicht gemacht wird, einzukaufen und ins Café zu gehen“, so ihre Beobachtung. Deshalb sei sie sich fast sicher, dass eine gute Kombination aus beidem mit Freude aufgenommen werden würde.

Persönlich hat sie einen weiteren Wunsch: „Ich würde mir wünschen, dass im Erdgeschoss ein ,Kulturhaus' mit Bibliothek, Bürgerbüro und anderen Einrichtungen untergebracht wird, die eine hohe Besucherfrequenz haben.“

Landschaftsarchitekt: Öffentliche Räume machen Wohnraum in Stadtzentren erst attraktiv

Landschaftsarchitekt Moritz Möllers spricht sich für mehr Natur in der Stadt aus.

„In allen größeren Orten wird gerade versucht, das Wohnen in den Zentren wieder attraktiv zu machen“, sagt der Landschaftsarchitekt Möritz Möllers, der gemeinsam mit dem Dänen Bertel Bruun ein Büro mit rund 20 Mitarbeitenden in Hamburg leitet.

„Und auch kleinere Städte leben von dem Potenzial ihrer Innenstädte. Wenn man das Wohnen attraktiv gestalten möchte, hängt das natürlich vom Wohnangebot ab, aber eben mindestens genauso davon, dass es Freiräume gibt. Öffentliche Räume, die in wenigen Schritten zu erreichen sind. Das ist attraktiv für alle Generationen, junge Menschen, Familien und besonders auch für ältere Leute, die gerne zentral wohnen und kurze Wege haben wollen – aber eben auch raus und das Grüne in der Nähe haben wollen.“

Mögliche Lösungen

„Ein erprobtes Modell ist die Nachverdichtung von Städten, die mit einer Qualifizierung der Freiflächen einhergeht. Dies bedeutet, dass dichtere Bebauung mit hochwertigeren und besser nutzbaren Grünflächen verbunden wird, um sowohl Wohnraum zu schaffen, als auch die Qualität der öffentlichen Räume zu verbessern“, sagt Möllers.

„Man stellt oft fest, dass es viele Freiräume gibt, die unter ihrem Potenzial liegen. Das kann auch mal einfach sein, dass man über mehr Begrünung entlang der Straßen nachdenkt. Es gibt sicherlich auch in Apenrade manche Freiflächen, die relativ ungenutzt sind oder eben bisher nicht so attraktiv sind, dass sie gerne genutzt werden.“

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Marle Liebelt und Cornelius von Tiedemann.