Grenzverein

Porträt: Das Nationale nicht Extremisten überlassen

Porträt: Das Nationale nicht Extremisten überlassen

Porträt: Das Nationale nicht Extremisten überlassen

Kopenhagen/Südschleswig/Nordschleswig
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Knud Erik Therkelsen hört Ende Februar nach 18 Jahren als Generalsekretär des Grenzvereins auf. Foto: Thomas Tolstrup / Grænseforeningen

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Nationale Gesinnung und Offenheit gegenüber Minderheiten sind für Knud Erik Therkelsen keine Gegensätze. So war es nicht immer, weder für ihn persönlich noch für den Grenzverein, dessen Generalsekretär er noch einige Wochen lang ist. Wir haben gemeinsam mit ihm die Spuren zu den Anfängen zurückverfolgt.

Wir treffen Knud Erik Therkelsen an seiner Wirkungsstätte der vergangenen 18 Jahre, dem Haus der Grænseforeningen in der Peder Skrams Gade in Kopenhagen.

Hier, im Viertel hinter dem Königlichen Theater, tummeln sich außer Peder Skram noch weiter dänische Seehelden. Die Adresse scheint passend für einen Verband, der nach der Volksabstimmung 1920 gegründet wurde, um das Dänische jenseits der neuen Grenze zu verteidigen.

Doch, auch schon wieder fast symbolisch, liegt das Kopenhagener Sekretariat des Bundes Deutscher Nordschleswiger nur wenige Schritte die Straße hinunter.

Als Vorbereitung für das Interview hat Therkelsen einen Satz, der seine Sicht auf das Nationale beschreibt, auf einem Zettel notiert, auf den wir noch zurückkommen werden.

Nationale Erziehung in Randershof

Geboren ist er 1953 in Westjütland. 1974 besuchte er als Schüler die Rønshoved Højskole, und 1983 kehrte er als Lehrer dorthin zurück. Leiter war Hans Haarder, Vater des Venstre-Politikers Bertel Haarder.

„Dort erfuhr ich meine gründliche nationale Erziehung über die Grenze, die dänische Minderheit, Düppel und die übrigen historischen Stätten“, erzählt Therkelsen. Das Dänische wurde auf der Heimvolkshochschule im Gegensatz zum Deutschen definiert. Besuche in einer lokalen Kneipe, die von „Hjemmetyskern“ betrieben wurde, waren untersagt.

Als Lehrer gab Therkelsen sein erworbenes Wissen und auch das Weltbild den Schülerinnen und Schülern weiter.

„Ich nahm meine Aufgabe sehr ernst und vermittelte den jungen Menschen ein volksnahes, nationales, dänisches Weltbild.“

Die neue Heimvolkshochschule

Anfang der 90er entstand unter Geschäftsleuten der Gedanke, in Apenrade (Aabenraa) im ehemaligen Hotel Hvide Hus eine Heimvolkshochschule zu gründen, die Kenntnisse von Deutsch und über Deutschland vermitteln sollte. An der Heimvolkshochschule in Randershof wurde das Projekt eher mit Skepsis betrachtet.

„Das grenzte schon fast an Hochverrat“, erinnert Therkelsen sich an die Einstellung an der Haarder-Hochschule.

Ich entdeckte die großen Qualitäten der Kulturbegegnungen und der Heimvolkshochschule als Rahmen dafür.

Knud Erik Therkelsen, Generalsekretär von Grænseforeningen

Vielleicht war es die Neugierde und Offenheit gegenüber Neuem, die in Beschreibungen des jetzt 68-Jährigen immer wieder auftauchen, die ihn dazu bewegten, einen solchen „Hochverrat“ zu begehen. Er und seine Frau Birthe bekamen, als Leiterpaar, die Aufgabe, die Højskole Østersøen aufzubauen.

Mit dem Deutschen konfrontiert

Plötzlich war der dänisch gesinnte Grundtvigianer von Lehrern aus Deutschland umgeben, die in vielen Fällen kein Dänisch sprachen.

„Bei Lehrerkonferenzen wurde Deutsch gesprochen, die Morgenversammlung wurden auf Deutsch abgehalten, und es wurden deutsche Lieder gesungen. Das war ein harter Prozess zu akzeptieren, dass das an einer Heimvolkshochschule stattfinden sollte. Es dauerte drei Jahre – aber dann war ich begeistert.“

Die Erfahrungen an der Højskolen Østersøen haben Knud Erik Therkelsen entscheidend geprägt. Foto: Claus Fisker/Nf-Nf/Ritzau Scanpix

Grænseforeningen

Nach der Grenzziehung 1920 sahen zentrale Akteure einen Bedarf, die unterschiedlichen Gruppierungen, die für die „Genforening“ gestritten hatten, zusammenzuschließen, um die dänisch gesinnten Menschen in Südschleswig zu unterstützen. Entscheidend war ein Brief des Chefredakteurs von „Flensborg Avis“, Ernst Christiansen an H. P. Hanssen, in dem er schrieb, dass die Südschleswiger nun „Slesvigsk Forening“ gegründet hatten. Daher sollten sich alle Kräfte in Dänemark, die sich für die schleswigsche Frage interessierten, zusammenschließen.

Zunächst wurden jedoch zwei Verbände gegründet: am 28. Oktober 1920 „Sønderjyske Foreningers Fællesråd“ und am 2. November 1920 Grænseforeningen.

Im Frühjahr 1921 haben sich die beiden Verbände unter dem Namen „Grænseforeningen, Sønderjydske Foreningers Fællesraad“ vereint, und bis 1945 wurde dieser Name beibehalten.

Nach Hitlers Machtübernahme 1933 und den daraus folgenden Spannungen stieg die Mitgliederzahl auf 100.000, verteilt auf ungefähr 200 Lokalvereine an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das Interesse in Dänemark an der Südschleswig-Frage weiter; Grænseforeningen hatte 1949 400 Mitgliedsvereine und 200.000 Mitglieder.

Der Grenzverein hat Gelder für die südschleswigschen Vereine und Organisationen gesammelt. Er unterstützt auf vielfache Weise die Kontakte zwischen der dänischen Minderheit und Dänemark.

Seit Anfang des Jahrtausends sammelt er keine Mittel mehr ein, sondern konzentriert den Einsatz auf volksbildende Arbeit.

Quelle: Grænseforeningen

Er beschreibt die drei Jahre als eine Schlüsselperiode in seinem Leben, die gleichzeitig schwierig war. Es war der Weg vom Dänischen als Gegensatz zum Deutschen hin zu einer nationalen Gesinnung, die gleichzeitig weltoffen ist.

„Es fiel mir sehr schwer. Ich habe, und es fällt mir fast schwer, das heute einzugestehen“, Therkelsen muss hier ein wenig nach den richtigen Worten suchen: „Wir bekamen ja unsere Kinder auf Rønshoved, und weißt du was, wir verboten ihnen, Sesamstraße im deutschen Fernsehen zu sehen, weil es deutsch war. Sie durften nur dänisches Fernsehen sehen. Wie blöd kann man nur sein!“

Kulturbegegnungen

Vor allem die vielen Gespräche mit deutschen Kolleginnen und Kollegen sowie Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern setzten unzählige kleine Zahnräder in ihm in Bewegung, die die von ihm erwähnte Begeisterung bewirkten. Zum Teil führte er jahrelange Diskussionen über die Geschichte des Grenzlandes, die nicht unbedingt zu Einigkeit führten, aber zu einem Respekt vor der Position des anderen.

„Ich entdeckte die großen Qualitäten der Kulturbegegnungen und der Heimvolkshochschule als Rahmen dafür. Sie wohnen zusammen, essen gemeinsam, lernen gemeinsam, trinken gemeinsam Bier und lernen rund um die Uhr voneinander. Eine fantastische – mit einem vornehmen Ausdruck – interkulturelle Werkstatt.“

Prägend für den Rest des Lebens

Auch der Umgang der deutschen Kollegen mit der Nazivergangenheit hinterließ einen tiefen Eindruck. Er lernte die Scham zu verstehen, die auch die Gnade der späten Geburt nicht ausmerzen konnte. Dadurch änderte sich auch seine Sicht auf die dänische Geschichte während des Zweiten Weltkrieges.

„Die entscheidendste Zeit in meinem Leben waren die zehn Jahre an der Højskolen Østersøen. Das waren die Begegnungen mit dem Deutschen, denn ich projiziere das auch auf größere Zusammenhänge. Die Bedeutung der Begegnung mit den anderen, und des Dialoges mit den anderen, verstehen zu lernen, dass es Menschen wie du und ich sind, nur mit einer anderen Kultur, anderen Geschichte und einem anderen Hintergrund. Auch die Parallelverschiebung vom Deutsch-Dänischen im Grenzland hin zu den vielen anderen, den vielen anderen Kulturbegegnungen, die wir heute in Dänemark erleben, geschah auch in diesen Jahren.“

Lehren aus dem Grenzland vermitteln

Nach dieser Zeit wurde er Generalsekretär von Grænseforeningen. Die politische Führung sah den Bedarf einer Erneuerung, eines Paradigmenwechsels, sollte der Verband eine Zukunft haben. Mit Knud Erik Therkelsen waren sie genau an die richtige Adresse geraten. Er lud den Grenzverband ein, einen ähnlichen Weg zu gehen, wie er ihn zehn Jahre zuvor eingeschlagen hatte.

Entscheidend ist, dass wir besser darin werden, mit den anderen zu sprechen.

Knud Erik Therkelsen, Generalsekretär von Grænseforeningen

Die Hauptaufgabe wurde, und ist es in seinen Augen immer noch, Wissen über die dänische Minderheit in Dänemark zu verbreiten. Doch das bedeutet für ihn auch Wissen über das Grenzland und dessen Geschichte in breiterem Sinne – und verstärkt auch die Lehren, die man daraus ziehen kann.

Knud Erik Therkelsen beim Festgottesdienst in der Frue Kirke in Kopenhagen am 12. Januar 2020 anlässlich der Feierlichkeiten zur Grenzziehung. Foto: Ida Guldbæk Arentsen/Ritzau Scanpix

„Wir können das Grenzland nicht verstehen, wenn wir die beiden Minderheiten als Gegenpole auffassen. Sie sind Minderheiten auf je ihre Weise und mit je ihrer Kultur, aber wir haben ein gemeinsames Interesse zu zeigen, wie gut Minderheit und Mehrheit sowohl nördlich als auch südlich der Grenze zusammenleben können. Das ist eine riesige Inspiration für das übrige Dänemark. Im Grenzland hat man sich – auch in der deutschen Minderheit – von einem Entweder-oder hin zu einem Sowohl-als-auch bewegt.“

Bindestrich und Augenhöhe

Diese Inspiration hat zu dem wohl umstrittensten Projekt von Grænseforeningen geführt: die Einbeziehung der neuen Minoritäten Dänemarks in die Arbeit des Verbandes, die Diskussion über die Bindestrichidentität.

Das hat zu Kritik aus Teilen der dänischen Minderheit, aber auch von Mitgliedern des Grenzverbandes geführt. Erboste Briefe und Austrittsschreiben landeten auf dem Schreibtisch des Generalsekretärs. Doch er lässt sich nicht beirren.

„Es geht darum, dass die Minderheit eine Rolle spielt, im Verhältnis zu dem, was heute in Dänemark wichtig ist. Und entscheidend ist, dass wir besser darin werden, mit den anderen zu sprechen. Und das kann die Minderheit, sie ist gut darin, sie muss es sich nur eingestehen.“

Wir brauchen ein neues Verständnis des Nationalen.

Knud Erik Therkelsen, Generalsekretär von Grænseforeningen

Wiederholt betont Therkelsen, dass sowohl er persönlich als auch der Grenzverband am nationalen Ausgangspunkt festhält. Er sei nicht Multikulti, sondern Däne, aber eben Däne mit einer offenen Gesinnung, so wie es auch im heutigen Wahlspruch des Grenzvereins formuliert ist: „For en åben danskhed“. Für ihn ist der Dialog in Augenhöhe das Entscheidende.

Der Zettel

„Das ist mir wichtig. Ein norwegischer Nationalismusforscher hat gesagt – Moment, ich habe mir das aufgeschrieben, weil ich dachte, dass ich das brauchen werde“, sagt er und kramt den eingangs erwähnten Zettel hervor. „Das Nationale wird von Extremisten monopolisiert, wenn die Moderaten es vernachlässigen“, liest Therkelsen mit deutlicher Diktion vor.

Dieser Satz ist Knud Erik Therkelsen so wichtig, dass er ihn vor dem Interview aufgeschrieben hat. Foto: Walter Turnowsky

Seiner Ansicht nach ist genau das während der vergangenen 20 Jahre in Dänemark passiert.

„Die Moderaten haben das Nationale nicht ernst genommen, haben Dannebrog, das Volkshochschulgesangbuch und Grundtvig lächerlich gemacht. Das hat den Rabiaten Raum gelassen. Für mich ist das Wichtigste, das Dänentum von einem selbstgefälligen, verschlossenen, in sich gekehrten in eine offenes, nach außen gekehrtes zu verändern. Wir brauchen ein neues Verständnis des Nationalen.“

Damit das Leben Sinn ergibt

Dabei ist ihm sehr deutlich bewusst, dass diese Position nicht die große politische Unterstützung genießt. Die Entwicklung geht nicht nur in Dänemark eher in die Gegenrichtung.

Dies ändern zu wollen, sei keine kleine Aufgabe: „Es geht nicht darum, ob ich daran glaube, dass es machbar ist. Es ist die einzige Möglichkeit, meinem Leben Sinn zu verleihen, dass ich diesen Tendenzen entgegenwirke, obwohl es immer schlimmer wird. Doch gerade das fördert meine Lust, damit zu arbeiten. Je schlimmer es wird, umso wichtiger ist es.“

Diese Arbeit wird jedoch zukünftig in einem neuen Rahmen stattfinden. Ende Februar hört der 68-Jährige als Generalsekretär von Grænseforeningen auf – „in Rente gehen" wäre wohl nicht ganz der richtige Ausdruck.

Wie der neue Rahmen aussehen wird, weiß er noch nicht. Zunächst will er im kommenden halben Jahr sein Sommerhaus reparieren und streichen, eine Terrasse bauen und verreisen – ein wenig Abstand gewinnen.

Doch danach ist wohl keine Frage, ob, sondern wie sich Knud Erik Therkelsen wieder in die öffentliche Debatte einschalten wird.

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