Dansk-Tysk med Matlok

Kanzler Merz und die Grünen können noch von Mette Frederiksen lernen

Manfred Ertel und Siegfried Matlok beim Interview im Kopenhagener DK4-Studio auf Nørrebro.

Der langjährige Skandinavien-Korrespondent und Dänemark-Spezialist vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, Redakteur Manfred Ertel, spricht in einem TV-Interview auf „DK4“ mit Siegfried Matlok über die Mängel von Kanzler Merz und über die Probleme der deutschen Grünen. Staatsministerin Mette Frederiksen verdient laut Ertel folgendes Kompliment: „Sie spielt eine tolle Rolle.“

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Zusammenfassung

  • Der frühere „Spiegel“-Korrespondent Manfred Ertel vergleicht im DK4-Interview die politische und wirtschaftliche Entwicklung Dänemarks mit der aktuellen Krise Deutschlands.
  • Er kritisiert Kanzler Merz für mangelnde außenpolitische Klarheit, lobt Mette Frederiksen als mehrheitsfähige Führungsfigur und sieht auch bei den deutschen Grünen Lernbedarf in Richtung liberaler Mitte.
  • Zugleich betont Ertel das enge deutsch-dänische Verhältnis, verweist auf die gemeinsame Linie in der Grönland-Frage und stellt sein Buch „Grethe und der Deutsche“ bei Lesungen in Nordschleswig vor.

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Der langjährige Skandinavien-Korrespondent des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Redakteur Manfred Ertel, ist der Ansicht, dass Bundeskanzler Merz noch von Staatsministerin Mette Frederiksen lernen kann. Aber das gilt auch für die deutschen Grünen, so nach dem Motto: Von Dänemark lernen heißt siegen lernen …

In der Sendung „Dansk-tysk med Matlok“ gehörte Ertel 2014 im Hamburger „Spiegel“-Hochhaus zu den ersten Gästen, und nun im Februar 2026 wird der Redakteur Ertel im Kopenhagener „DK4“-Studio gefragt, warum sich Dänemark, 2014 ja noch Sorgenkind, inzwischen wirtschaftlich so stark entwickelt hat, während sich das einst wirtschaftlich bärenstarke Deutschland heute in argen Nöten befindet.

Fundamentale Veränderungen politisch und mental

Ertel verweist dazu vor allem auf die fundamentalen Veränderungen in der Weltlage, auch im wirtschaftlichen Bereich, wobei Deutschland beim Export (z. B. nach China) wesentlich abhängiger als andere ist. Deshalb fällt Deutschland eine wirtschaftliche Reorganisierung auch schwerer als – Entschuldigung, so Ertel – in einem kleinen Land wie Dänemark, das beachtliche Erfolge in der Biotechnik, in der Medizin zu verzeichnen hat, vor allem aber bei der Windenergie schneller umgeschaltet hat als Deutschland.

Ertel, der Dänemark auch aufgrund enger familiärer Bande als seine zweite Heimat bezeichnet, begründet diesen Wandel auch politisch-mental.

„Die dänische Gesellschaft funktioniert eben anders als die deutsche. Was mir imponiert, ist, was in Deutschland gerne Konsensgesellschaft genannt wird. Wenn in Dänemark, auch in Skandinavien, nach langem Streit eine Entscheidung – auch wenn sie knapp ist – getroffen wird, ich denke zum Beispiel an die Entscheidung über die Teilnahme am Irak-Krieg, dann ist die Entscheidung damit gefallen; auch für die gesellschaftliche Mehrheit. In Deutschland hat man den Eindruck: Wenn eine Entscheidung strittig getroffen worden ist, dann fängt die Minderheit erst richtig an, dagegen zu mobilisieren, um Widerstand zu leisten. Das ist ein großer Unterschied.“

Von Pia Kjœrsgaard bis zu den Grünen von heute

Der Moderator verweist auf einen anderen großen Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland – nämlich in der Ausländerpolitik – und erinnert Ertel an viele auch aus seiner Feder kritische Artikel gegen die dänische Ausländerpolitik. Zum Beispiel daran, dass „Der Spiegel“ im Jahre 2000 die DF-Politikerin Pia Kjœrsgaard als „eine Art Haider-Ableger mit Smørrebrød“ bezeichnet hat. Also ausgerechnet jene Frau, die heute in Dänemark fast wie eine „Staatsmännin“ verehrt wird, zu einem Zeitpunkt, da die neue Bundesregierung inzwischen eine Kehrtwendung in dieser Frage gemacht hat und Deutschland nun auch in Europa den dänischen Kurs voll unterstützt?

Manfred Ertel: „Ich habe die dänische Ausländerpolitik unterm Strich immer für falsch gehalten, was nicht ausschließt, dass einige Maßnahmen richtig waren. Mich hat immer gestört, dass die Ausländerpolitik in Dänemark lange Zeit immer als Machtinstrument benutzt wurde. Man musste gegenüber ‚Dansk Folkeparti‘ Zugeständnisse machen, um sich in anderen parlamentarischen Fragen die Mehrheit sichern zu können. Das war im Grunde ein Fehler, was aber nicht bedeutet, dass unter den vielen Gesetzesänderungen in der Ausländerpolitik aus heutiger Sicht sicherlich etliche richtig waren und wo die Deutschen auch einen Nachholbedarf haben.“

Linke Minderheit hat mediales Oberwasser

Frage an Ertel, der mit der früheren, einflussreichen Spitzenpolitikerin der Grünen im Bundestag, Krista Sager, verheiratet ist: Gerade die Bündnis-Grünen haben doch weiterhin große Probleme mit der Migrationspolitik?

Ertel über die Grünen: „Sie haben aus meiner Ansicht richtig erkannt, dass Reformen notwendig sind und dass man auch für radikale Reformen eine breite Zustimmung braucht, nicht nur unter den wenigen grünen Wählern, sondern in der gesamten deutschen Bevölkerung, insbesondere in der liberalen Mitte.“ Dabei hebt er Joschka Fischer, ebenso seine Frau an der Spitze der damaligen Grünen-Bundestagsfraktion, hervor und nicht zuletzt Robert Habeck par excellence, der nach seinen Worten die richtige Politik gemacht hat, denn erst wegen Habeck sind viele Tausende in einer kritischen Zeit bei den Grünen eingetreten.

„Das hat sich aber geändert, seitdem die Grünen nicht mehr der neuen Bundesregierung angehören. Jetzt hat sich eine Minderheit zu Wort gemeldet, die lautstark einen Linkswechsel propagiert und medial Oberwasser bekommen hat, obwohl sie weit davon entfernt ist, die Richtung der Partei zu bestimmen.“

Ertel nennt als Beispiele die Grüne Jugend sowie linke Zirkel und fügt hinzu: „Ich halte das aber für falsch, denn alle Wahlen zeigen – ähnlich wie Mette Frederiksen in Dänemark –, dass jene Wähler, die wir als Grüne verloren haben und zurückholen wollen, zu Zweidritteln oder etwas mehr in der liberalen Mitte zu finden sind und nicht Linksaußen. Mette Frederiksen hat das erkannt, als sie ihre erste Wahl gewonnen hat und in die liberale Mitte zurückgekehrt ist. Sie ist dadurch mehrheitsfähig geworden. Ich wünschte, wir Grünen würden von ihr lernen.“

Merz ist nicht mein Kanzler und macht so vieles falsch 

Im „DK4“-Interview wird Ertel darauf hingewiesen, dass es in Dänemark sehr hohe Erwartungen an die neue Bundesregierung unter Kanzler Merz gegeben hat, und gefragt, wie er die bisherige Arbeit von CDU/CSU und SPD beurteilt.

Ertel: „Ich habe die hohen Erwartungen an Merz nicht gehabt, er ist nicht mein Kanzler und ich halte ihn in dieser Situation für den falschen Kanzler, der auch wirtschaftlich mit seinem Personal völlig fehl am Platze ist.“ Auch außenpolitisch zeigt sich Ertel „zum Teil“ enttäuscht, weniger über Außenminister Wadephul, der nach seiner Ansicht als CDU-Mann einen vergleichsweise guten Job macht, der jedoch unter den Richtlinien von Merz steht, wie z. B. gegenüber Trump oder in der Iran-Frage. Nach seiner Ansicht hätte Merz zu einem früheren Zeitpunkt eine klare Aussage gegenüber Trump und dessen Politik machen müssen. „Er hat es jetzt zum Schluss – in Davos – etwas nachgeholt, aber ehrlicherweise erst, nachdem er gemerkt hatte, wie gut die Rede seines kanadischen Kollegen auch in den europäischen Gesellschaften angekommen ist. Dann hat er es sich überlegt, auch etwas deutlicher zu werden, aber ich hätte mir diese europäische Deutlichkeit etwas früher gewünscht, wie z. B. von Macron.“

Merz fehlt Kante

Matlok: „Aber Kanzler Merz sprach doch in Davos von der Notwendigkeit einer künftigen europäischen Selbstachtung!“

Ertel: „Ja, aber er hätte eben früher Kante zeigen müssen, wie wir es in Deutschland sagen, denn er steht ja nicht in einem luftleeren Raum, auch in der heutigen Medienwelt. Wochenlang hieß es doch in unseren Medien: ‚Trump verhandelt mit Dänemark über Grönland, und dass Trump auf seinen Ansprüchen in Grönland besteht, aber Trump hat doch gar keine Ansprüche. Trump hat versucht, sich illegal ein Stück Europas – nämlich Grönland – unter den Nagel zu reißen.‘ Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass einige europäische Regierungschefs – darunter auch Merz – dies früher und deutlicher klargemacht und nicht erst nach den Reden des kanadischen Premierministers und von Mette Frederiksen reagiert hätten. Nach meiner Ansicht spielt Mette Frederiksen eine tolle Rolle in dieser Diskussion. Wie sie einerseits die Rechte der Grönländer verteidigt und sich andererseits von Trump nicht kleinmachen lässt, das hätte ich mir auch von einem deutschen Kanzler so deutlich gewünscht.“

Unbedingt und eindeutig an der Seite Dänemarks

Matlok meldet per Zwischenfrage leisen Widerspruch in Sachen Merz an und macht seinen Interviewgast darauf aufmerksam, dass Mette Frederiksen just gemeinsam mit dem grönländischen Ministerpräsidenten Jens-Frederik Nielsen in Berlin dem deutschen Volk und Kanzler Merz aus tiefem Herzen („dybfølt“) für seine und die Unterstützung des deutschen Volkes an Dänemark und Grönland gedankt hat – und dies anschließend auch noch ausdrücklich im ARD-Fernsehen bei Frau Maischberger wiederholt hat.

Manfred Ertel betont „ohne die geringsten Zweifel, dass Deutschland in der Grönland-Frage unbedingt und eindeutig an der Seite Dänemarks steht“.

„Das deutsch-dänische Verhältnis passt, aber was Mette Frederiksen in Berlin gesagt hat, das nennt man heute Diplomatie.“ Das war nach seinen Worten „ein Stück weit Pädagogik und auch ein Stück weit Überzeugung, um auch Friedrich Merz auf eine freundliche Art und Weise daran zu erinnern, wie richtig und wichtig es ist, dass er auf seinem Kurs bleiben soll“. „Insofern ist dies nicht überzubewerten, aber es zeigt, wie gut das deutsch-dänische Verhältnis heute ist – auch in diesen wichtigen Fragen.“

Ertel mit „Grethe und der Deutsche“ auch in Nordschleswig

Manfred Ertel war bis 2017 fast 40 Jahre lang Spiegel-Redakteur, vor allem verantwortlich für Skandinavien, hat als Dänemark-Insider mehrere dänische Staatsminister und Königin Margrethe interviewt. Vorübergehend war er auch HSV-Vorsitzender.

2025 veröffentlichte Ertel sein neuestes Buch „Grethe und der Deutsche“. In diesem „Familien“-Roman erzählt er die dramatische, wohl auch einmalige Geschichte des jungen dänischen Mädchens Grethe, das sich in Frederikshavn in den deutschen Besatzungssoldaten Kurt verliebt hat, den sie später in einem schwedischen Internierungslager geheiratet hat.

Und Buchautor Ertel ist mit der Tochter von Grethe und Kurt, Krista Sager, in Hamburg verheiratet.

Er hat erst kürzlich in Kopenhagen und Apenrade (Aabenraa) sein Buch vorgestellt. Bücherdirektorin Claudia Knauer teilte mit, dass Ertel noch zwei weitere Buchvorlesungen in Nordschleswig geben wird. Eine steht bereits im Veranstaltungskalender: Am 22. April ist Ertel zu Gast in Tondern (Tønder).

Zum Video: Hier gibt es das gesamte Interview mit Manfred Ertel auf „DK4“.