Leitartikel

„Ein Wesen voller Widersprüche“

Ein Wesen voller Widersprüche

Ein Wesen voller Widersprüche

Apenrade/Aabenraa
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Eine neue Umfrage hat ergeben: Die Dänen sind mehrheitlich für eine Klimasteuer auf Flugreisen, aber auch für das Fliegen. „Nordschleswiger"-Redakteur Helge Möller macht sich über den modernen Ablasshandel Gedanken.

Es ist ein merkwürdiges Ergebnis, was Voxmeter im Auftrag der Nachrichtenagentur Ritzau nun veröffentlicht hat. Die Dänen, die die Meinungsforscher befragten, sind mehrheitlich dafür, dass eine Klimasteuer auf Flugreisen erhoben wird. Die Mehrheit denkt aber auch, dass eine solche Steuer sie nicht vom Fliegen abhalten wird.

Es ist wohl so, wie die Sache mit dem gesunden Essen. Zeitschriften, die aufklären und in schönen Bildern leckeres und gesundes Essen vorstellen, werden gekauft – aber wird auch fleißig nachgekocht? Bei den ganzen Kochshows im TV, die, trotz Kanalwechsels, über den Bildschirm flimmern, sollte man glauben, dass Supermärkte auf den Fertiggerichten sitzen bleiben. Was sie offenbar nicht tun.

Es gibt da eine, sagen wir mal, gewisse Lücke zwischen Kenntnis und Handeln. Dem Menschen ist eine Widersprüchigkeit eigen, die wir alle kennen, denn wir kennen uns ja schließlich selbst am besten und wissen um all die geistigen Verrenkungen, die wir jeden Tag leisten müssen, um den (eigenen) Anspruch und die Wirklichkeit in Deckung zu bringen. Deshalb hört sich die Geschichte „Klimasteuer: ja – Flugreisen: auch ja" auch so schön ehrlich an.

Eine geringe Klimasteuer auf Flugreisen, die verdeutlicht, dass diese Reise durch den CO2 Ausstoß für eine Erwärmung der Erdatmosphäre sorgt, ist, so scheint es, einsehbar und wird in Kauf genommen. Zu einem Sinneswandel wird sie, wenn man dem Ergebnis der Meinungsforscher folgt, wohl nicht führen und dies wahrscheinlich nicht nur in Dänemark.

Was fehlt, ist die bewusste Entscheidung gegen etwas – gegen das große Auto, gegen die Flugreise. Sie würde leichter fallen, wenn echte Alternativen sichtbar oder besser noch greifbar wären. Eine schnelle, kostengünstige Bahnverbindung in einem guten Bahnnetz, ohne größere Verspätungen oder Änderungen, ohne Abenteuer. Umweltfreundliche Autos, die nicht nach 300 Kilometer Strecke lange aufgeladen werden müssen – wenn es denn für den Hunderte Kilogramm schweren Akku eine erreichbare Ladestation gibt.

Vorerst wird es wohl bei der Art modernen Ablasshandel bleiben. Für die eigene „Klimasünde“ wird ein Geldbetrag entrichtet, der das Gewissen erleichtert. Bleibt zu hoffen, dass der Staat das über die Klimasteuer eingenommene Geld auch so verwendet, dass es die grüne Umstellung für alle Menschen im Land zu etwas macht, bei dem das eigene Mitmachen nicht schwer-, sondern das persönliche Engagement leicht fällt.

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